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ZeitmanagementLangsamer, dafür pünktlich? Wie Sie besser planen als die Bahn

Der Chef der Eisenbahngewerkschaft schlägt ein Tempolimit für ICE-Züge vor, damit die Bahn endlich pünktlicher wird. Doch es gibt bessere Möglichkeiten für gutes Zeitmanagement.Leonard Knollenborg 26.08.2024 - 10:09 Uhr

Warten, weil jemand anders schlecht geplant hat: Dieses Schicksal ereilt nicht nur Bahnreisende.

Foto: imago images

Das ist passiert:

Der Chef der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG), Martin Burkert, hat einen Plan für mehr Pünktlichkeit bei der Bahn. Er schlägt vor, die Höchstgeschwindigkeit von ICE-Zügen auf störanfälligen Strecken zu reduzieren, von 250 Km/h auf 200 Km/h. Die Logik: Wenn mit einem geringeren Tempo geplant wird, tatsächlich aber ein höheres möglich ist, können Verspätungen aufgeholt werden. Wenn dagegen stets die Höchstgeschwindigkeit vorausgesetzt wird, klappt das nicht.

Das können Sie daraus lernen:

Haben Sie auch Probleme, Ihren Fahrplan einzuhalten, also Aufgaben rechtzeitig zu erledigen und Projekte pünktlich abzuschließen? Dann leiden Sie vermutlich – wie die meisten Menschen – unter der „planning fallacy“, dem Planungsfehlschluss.

Der Begriff, von den Psychologen Daniel Kahneman und Amos Tversky eingeführt, beschreibt unsere Tendenz, den Zeitaufwand für Projekte systematisch zu unterschätzen. Wir orientieren uns am Best-Case-Szenario und vernachlässigen dabei die Erfahrung, dass fast immer etwas dazwischenkommt. Ob nun bei Bauprojekten oder der Softwareentwicklung.

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Eine Möglichkeit, mit dem Problem umzugehen, ist die von EVG-Chef Burkert vorgeschlagene: von vornherein mit einem geringeren Tempo planen. So haben Sie einen Puffer, falls sich plötzlich eine neue Baustelle auftut. Allerdings lehrt die Forschung, dass es zwei bessere Wege gibt.

1. Erfahrungswerte nutzen

Eine der effektivsten Methoden, um dem Planungsfehlschluss zu entkommen, ist der Rückgriff auf Erfahrungswerte. Anstatt den Zeitaufwand für ein neues Projekt zu schätzen – und dabei meist zu unterschätzen – sollten Sie sich folgende Frage stellen: Wie lange habe ich bisher im Durchschnitt für ähnliche Projekte gebraucht? Und wie anspruchsvoll ist die neue Aufgabe im Vergleich dazu? Wenn Sie mit diesen Durchschnittswerten arbeiten und sie der aktuellen Herausforderung anpassen, haben Sie eine realistische Vorstellung.

Zehn Tipps gegen Ablenkung
Es ist okay, E-Mails dann zu beantworten, wenn es einem selbst am besten passt. Ein wenig Zeit verstreichen zu lassen, führt meist auch zu einer ausgeruhteren Antwort.Wer seine Mails genau genug formuliert, vermeidet zudem längere Mailwechsel. Formulieren Sie ausreichend Details, klare Handlungsanweisungen, Zeitfenster beziehungsweise Fristen sowie Angaben dazu, wie und wann Sie bei Rückfragen erreichbar sind.
„Nur mal kurz checken“ gibt es nicht. Selbst wenn es nur eine Zehntelsekunde ist, in der das Auge auf die Posteingangsfenster schielt – das kann sich im Laufe des Tages auf bis zu 40 Prozent Produktivitätsverlust summieren. Denn es dauert bis zu 23 Minuten, bis die Konzentration auf das Eigentliche wieder aufgebaut ist. Deshalb ist es zeitsparender, sich ein Zeitfenster freizuhalten, innerhalb dessen man dann alle Nachrichten prüft. Wer sich damit schwertut, kann auch Apps nutzen, die den Posteingang stummschalten – oder einfach das Mailprogramm beenden.
Wer nicht gestört werden will, sollte mit gutem Beispiel vorangehen. Im Großraumbüro ist es nicht leicht, andere nicht zu stören. Abgestimmte Zeichen können helfen, sich gegenseitig nicht zu unterbrechen, etwa Kopfhörer. Damit zeigt man anderen: „Ich bin gerade in der Konzentration – oder versuche, sie zu erreichen.“
Es ist vielerorts akzeptiert, dass man über Outlook und andere Programm über die Zeit anderer verfügen kann, indem man schaut, wann sie keine Termine haben – und dann welche ins System einstellt. Dagegen hilft es, meetingfreie Zeit für andere zu blocken, damit einem selbst längere Zeitfenster für konzentriertes Arbeiten bleiben.
Nichts ist schlimmer, als wenn ein Meeting das nächste heraufbeschwört, weil man mit einem unverbindlichen „wir gucken mal“ auseinandergeht. Wichtig ist, dass die nächsten Schritte klar sind und auch, wer für was verantwortlich ist.
Was dazu gedacht ist, alle auf dem neuesten Stand zu halten, artet häufig in unergiebiges Geplapper aus, das andere von der Arbeit abhält. Besser ist, einfach auch mal selbst Entscheidungen zu fällen, ohne es wahllos jeden wissen zu lassen.
Wenn alles nichts hilft und das große Büro eine Hölle der Ablenkung bleibt, bleibt manchmal nur die Flucht. Suchen Sie nach einem ruhigen Raum in ihrem Unternehmen, weichen Sie in einen Coworking Space aus oder bitten Sie um einen oder mehrere Tage Homeoffice.
Der durchschnittliche Entscheider erhält am Tag 46 Push-Nachrichten am Tag. Wenn Sie diese deaktivieren, müssen Sie auch 46 mal weniger dem Impuls widerstehen, nachzusehen.
Sie können auch ganz einfach für bestimmte Phasen des Tages ihr Handy in den Flugmodus schalten. Dann kommen überhaupt keine Nachrichten und Anrufe mehr an – und Sie können diese gebündelt checken, wenn es passt – siehe Punkt zwei.
Eine Organisation entbürokratisiert sich selbst, wenn nicht mehr jede Kleinigkeit einer Zustimmung bedarf. Für kleinere Dinge muss nicht jeder Kopf in der Hierarchie eine Unterschrift setzen. Das schafft Freiräume für alle.

Falls Sie zum Beispiel eine Präsentation für eine Vorstandssitzung erstellen sollen, gehen Sie nicht von den zwei Arbeitstagen aus, die Sie bei voller Konzentration auf die Aufgabe benötigen. Denken Sie lieber daran, dass Sie vor den vergangenen drei Vorstandssitzungen jeweils etwa eine Woche beschäftigt waren, weil zwischendurch ständig das Telefon klingelte. Allerdings waren Sie bei den letzten Präsentationen voll im Stoff, diesmal geht es aber um ein ganz neues Thema – planen Sie also noch etwas mehr Zeit ein.

2. Eine Außenperspektive einnehmen

Wenn Ihnen die Erfahrung fehlt, weil ein Projekt vollkommen neu für Sie ist,  hilft Ihnen die Außenperspektive. Fragen Sie sich: Wie lange haben Kollegen oder andere Unternehmen für ähnliche Projekte gebraucht? Auch hier kann eine Anpassung der Schätzung nötig sein: Ist Ihr Projekt im Vergleich leichter oder schwieriger? Sind Sie qualifizierter als die anderen oder fehlt es Ihnen an Erfahrung? Stehen Ihnen mehr oder weniger Ressourcen zur Verfügung? Um diese Fragen zu beantworten, ist oft etwas Recherche nötig. Aber sie lohnt sich.

Wie groß der Unterschied zwischen der eigenen Einschätzung und der Außenperspektive sein kann, hat Kahneman in seinem Bestseller „Schnelles Denken, langsames Denken“ beschrieben: Zu Beginn der gemeinsamen Arbeit an einem neuen Lehrbuch bat er seine Kollegen um eine Einschätzung, wie lange es bis zum fertigen Lehrbuch dauern würde. Alle Schätzungen lagen um die zwei Jahre. Dabei hatten andere Teams, wenn sie überhaupt durchhielten, zwischen sieben und zehn Jahre an ähnlichen Lehrbüchern gesessen. Das wäre auch für die Gruppe von Kahneman eine realistische Annahme gewesen, wie sich später herausstellte: Ihr Buch wurde schließlich nach acht Jahren fertig, sechs Jahre später als erwartet. Selbst für die Bahn wäre das eine rekordverdächtige Verspätung.

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