Werbeaktion der Sparkassen: Wie mein zukünftiges Ich versuchte, mir eine Rentenversicherung anzudrehen
Redakteur Niklas Hoyer im Selbstgespräch über die Altersvorsorge mit seinem Zukunfts-Ich.
Foto: Screenshot, PrivatIch hatte es schon geahnt. Die wirklich wichtigen Fragen kann mir mein zukünftiges Ich nicht beantworten. Ob der HSV endlich deutscher Meister geworden sei, will ich von mir selbst aus der Zukunft wissen. Doch ich lache nur und verweise, reichlich kryptisch, auf irgendeine Nord-Süd-Vereinigung in der Fußballzukunft. „Futbol sieht echt anders aus bei uns! :-)“
Ich sitze vor meinem Laptop und blicke in die Zukunft: in mein eigenes Gesicht aus der Zukunft. Das verspricht mir zumindest der Lebensversicherer neue leben. Er gibt Kundinnen und Kunden von Sparkassen sowie sonstigen Interessenten die Möglichkeit, sich in einem Videochat mit ihrem „Zukunfts-Ich“ auszutauschen. Im Gespräch mit dem gealterten Ich soll ein Austausch über den Ruhestand und die eigene Altersvorsorge stattfinden. „Altersvorsorge ist für viele Menschen ein Thema, das weit in der Zukunft liegt und in der Gegenwart für sie nicht greifbar ist. Deshalb wird es auf die lange Bank geschoben“, erklärt Evi Popp, Vorstandsmitglied der neue leben, die Initiative.
Der mit künstlicher Intelligenz erzeugte Videochat soll das Bewusstsein für den Handlungsbedarf schärfen. Danach können sich Kunden von Mitarbeitern der neue leben und der Sparkasse zur Altersvorsorge beraten lassen. Dazu muss man wissen: Hinter der neue leben stehen als Aktionäre neben dem Talanx Versicherungskonzern acht große Sparkassen. Außerdem kooperiert die neue leben mit weiteren Sparkassen.
Gute Nachricht: Von Klimawandel keine Spur!
Mein Videochat ist gestartet, der Austausch allerdings nur per Text möglich. Die erste Erkenntnis, immerhin, ist erfreulich: Ich habe in Zukunft ganz schön dichtes Haar! Zwar bin ich in jedi-artige Umhänge gehüllt und muss mich offenbar wärmen (von Klimawandel wohl keine Spur). Doch ansonsten scheine ich guter Dinge zu sein. Welche Lottozahlen ich tippen solle, frage ich nach. Es soll hier schließlich ums Geld gehen. Mein Zukunfts-Ich will sie nicht herausrücken: „In der Zukunft sind unsere Finanzen super. Fang JETZT an, dich ums Geld zu kümmern!“
Ich habe es schon geahnt, mein Zukunfts-Ich scheint einen Werbevertrag mit der neue leben abgeschlossen zu haben. Oder ich bin in Zukunft wirklich sehr überzeugt von Altersvorsorge.
„Geld ist doch unwichtig“, schreibe ich. Ein wenig Stichelei aus dem Hier und Jetzt muss schon sein. Angeblich kann mein Zukunfts-Ich das verstehen. „Aber glaub mir, je früher du beginnst, umso besser geht's uns später! Experten helfen dir, das Beste draus zu machen.“
Ich merke schon, wohin diese Zukunftsreise geht. Doch so leicht will ich es der KI nicht machen. „Experten? Wofür? Ich kaufe einfach ETFs“, schreibe ich ins Chatfenster. Längst haben nämlich viele Sparerinnen und Sparer erkannt, dass Altersvorsorge im Kern nichts anderes als langfristiges Sparen ist. Und das kann auch auf eigene Faust gelingen, etwa mit breit gestreuten Aktieninvestments. Indexfonds (ETFs) können dabei ein kostengünstiger Weg sein, so zu investieren.
„ETFs sind super“, antwortet mein Zukunfts-Ich. Immerhin. Doch dann folgt sofort der Werbeblock: „Aber manchmal braucht's mehr. Gute Beratung damals bei „neue leben“ oder der „Sparkasse“ hat uns wirklich weitergeholfen! 👍“ Ich solle mich jetzt um die Altersvorsorge kümmern, schiebt der Chatbot nach.
Von Fondspolicen und Lehman-Zertifikaten
Ich lasse mich darauf ein und frage nach: „Vielleicht mit einer fondsgebundenen Rentenversicherung?“ Diese Idee findet sofort Anklang – die neue leben bietet zahlreiche Fondspolicen an. „Hört sich gut an! Genau solche Tipps habe ich damals auch bekommen. Lass dich einfach gut beraten und du machst nichts falsch!“
Ich bin mir da nicht so sicher. Ein Blick auf die Website der neue leben zeigt mir, was für Kosten auf mich zukämen. Die Fondspolice Aktivplan zum Beispiel, mit 100 Prozent Fondsanteil, 13 bis 20 Jahren Laufzeit und laufend 1000 Euro Beitrag pro Jahr, würde mich beim Ausstieg nach 20 Jahren laut Basisinformationsblatt 2845 bis 8212 Euro an Gebühren kosten. Das würde meine Rendite jedes Jahr um 1,2 bis 4,3 Prozentpunkte senken. ETFs gibt es schon zu laufenden Kosten von unter 0,2 Prozent pro Jahr und teils kaufgebührenfrei. Die Finanz- und Versicherungsaufsicht BaFin hatte zuletzt viele Fondspolicen scharf kritisiert.
Damit konfrontiere ich mein Zukunfts-Ich: „Die BaFin warnt davor: überteuert, viel zu hohe Kosten, und teils miese Rückvergütungen...“ Und nun rudert es zurück: „Ups, stimmt. Keine Sorge, gute Beratung ist wichtig. Aber ich bin kein Finanzexperte. Frag die Profis und check alles gründlich!“
Ich sehe die Exklusivnachricht schon vor mir: „neue leben bestätigt: Fondspolicen sind überteuert.“ Aber, nein, ich spreche ja nicht mit dem Lebensversicherer, sondern mit mir selbst.
Also wage ich mich weiter vor, wir sind ja unter uns: „Sparkasse – das sind doch die mit den überbezahlten Landesfürsten, oder?“ Mein Zukunfts-Ich beißt nicht an. Es spricht von coolen Dingen wie VR-Urlauben und schwebenden Autos. Dabei seien Sparkasse und neue leben „enorm hilfreich“. Trotz Klischees gebe es „top Beratung“.
„Aber hatte die Sparkasse nicht auch Lehman-Zertifikate empfohlen?“, will ich nun wissen. Die hatten vielen Kundinnen und Kunden nach der Pleite der US-Investmentbank herbe Verluste eingebrockt. Vielen war nicht klar gewesen, dass sie bei diesen Zertifikaten ein Totalverlustrisiko tragen, sofern der Herausgeber nicht mehr zahlen kann.
„Ja, Fehler passieren“, schreibt mein Zukunfts-Ich. Aber zu mehr Kritik will es sich offensichtlich nicht hinreißen lassen. „Doch unsere Experten waren goldwert. Sie halfen uns, um langfristig kluge Entscheidungen zu treffen. Frag lieber nach!“ Dann schreibt es mir, die Verbindung in die Vergangenheit breche leider gerade ab. Was für ein Zufall!
Es folgt eine letzte Botschaft: „Aber was WIRKLICH wichtig ist: Kümmer dich um dein Geld. Ehrlich. Fast egal wie, die Hauptsache ist, Du machst was."
Danke, die Botschaft ist angekommen. Aber auf überteuerte Altersvorsorgeprodukte falle ich trotzdem nicht herein.
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