Die Höhle der Löwen: „Wenn du das Bike anmachst, haben alle um dich herum ein Grinsen im Gesicht“
Marvin Rau (l.) und Michael Szpitalny präsentieren das Elektrokleinkraftrad im Retrostil „Metorbike“. Sie erhoffen sich ein Investment von 500.000 Euro für 17 Prozent der Firmenanteile.
Foto: RTL / Bernd-Michael MaurerFür ein Start-up ist es ein ungewöhnlicher Firmensitz: Von der „Alten Dorfstraße“ in der 920 Einwohner großen Gemeinde Meddewade aus wollen Marvin Rau und Michael Szpitalny die Herzen der Motorradfans erobern. Dazu haben die beiden Schulfreunde, die Elektromobilität beziehungsweise Fahrzeugbau studiert haben, die alte Tischlerwerkstatt von Raus Großvater zur Zweiradmanufaktur umfunktioniert. Ihr „Metrobike“ orientiert sich stilistisch an den „Café Racern“ der späten 1950er-Jahre, sind aber mit Elektromotor, Touchscreen und Soundsystem ausgestattet.
In die „Höhle der Löwen“ punkteten die Tüftler mit ihrem Fachwissen und konnten bereits 50 Verkäufe vorweisen. Nach den obligatorischen Probefahrten gab es einen Deal mit Nils Glagau und Carsten Maschmeyer: Die Löwen boten 500.000 Euro für 25 Prozent der Firmenanteile. Im Interview berichten die Gründer, was seit der Sendungsaufzeichnung im Frühjahr passiert ist und wie sie sich in dem für Start-ups schwierigen Markt durchsetzen wollen.
WirtschaftsWoche: Neben Nils Glagau haben Sie mit Carsten Maschmeyer ausgerechnet einen Investor überzeugt, der mit Motorrädern nichts am Hut hat und fast nur in Softwarefirmen investiert. Wie haben Sie das angestellt?
Marvin Rau: Wir sind schon überzeugt von unserem Fahrzeug und sind selbstbewusst in den Pitch gegangen. Trotzdem wären wir nicht enttäuscht gewesen, ohne Deal aus der Sendung zu gehen. Tatsächlich wird da ja bevorzugt in Software investiert oder in Produkte, die man schnell ins Supermarktregal bringen können. Umso mehr freuen wir uns, dennoch zwei Investoren gefunden zu haben, die super zu uns passen und die uns auch abseits des Finanziellen stark unterstützen.
Wobei zum Beispiel?
Michael Szpitalny: Am wichtigsten ist, dass wir auf das Know-how der Löwen und deren Teams zurückgreifen können. Etwa bei Themen wie Markenaufbau, Social-Media-Marketing, rechtlichen Dingen und beim Vertrieb. Die Netzwerke helfen uns auch sehr. Carsten Maschmeyer beispielsweise bringt sehr gute Kontakt in die Automobilindustrie mit.
Was stellen Sie mit der Kapitalspritze an?
Michael Szpitalny: Aktuell arbeiten wir daran, eine Serienfertigung aufzubauen und suchen dafür auch einen neuen Standort im Großraum Hamburg. Aus unserer kleinen Werkstatt wachsen wir heraus. Parallel optimieren wir unser Fahrzeug. Von unseren 50 ersten Kunden haben wir sehr viel Feedback bekommen, das jetzt in unser neues Modell einfließt.
Welche Veränderungen sind geplant?
Marvin Rau: Zum einen hat das neue Modell einen größeren Rahmen – der alte war vor allem für kleinere Menschen geeignet. Dann wird es breitere Reifen geben sowie die Option für eine Doppelsitzbank und einen hohen Lenker. Vor allem werden wir aber zwei neue Geschwindigkeitsklassen anbieten: Neben dem Standardmodell mit einer Maximalgeschwindigkeit von 50 Stundenkilometern wird es eines mit 70 und eines mit 100 km/h geben. In unserem Online-Konfigurator kann man sein Bike so noch stärker individualisieren.
Passen die vielen Varianten denn auch zum Bestreben, schneller und effizienter zu produzieren?
Michael Szpitalny: Die Frage hat uns lange beschäftigt. Die Varianten machen es tatsächlich komplexer in der Fertigung. Aber mittlerweile funktioniert das dank strukturierter Bestelllisten und klar nummerierter Bauteile reibungslos. Das Einzige, das wir nicht mehr anbieten, sind individuelle Gravuren im Handgriff: Das zu koordinieren, war tatsächlich zu aufwändig.
An welche Zielgruppe richten Sie sich mit Ihrem Metorbike?
Marvin Rau: Wir richten uns erst einmal an alle, die Lust darauf haben, sich mit einem coolen Bike von A nach B zu bewegen. Das sind nicht nur eingefleischte Motorradfahrer – für unser Basismodell reicht auch der Pkw- oder Rollerführerschein. Unsere ersten Kunden waren vor allem Enthusiasten, die das Design mögen. Mit der neuen Serie, die auch etwas günstiger ist, wollen wir den Kundenkreis deutlich erweitern. Wer einmal eine Runde mit einem Metorbike gedreht hat, ist danach begeistert von dem Fahrgefühl.
Das werden Sie über den Onlinevertrieb aber kaum vermitteln können…
Michael Szpitalny: Deswegen erweitern wir die Möglichkeiten für Probefahrten. Wir gehen zu Events, machen Roadshows und bauen gerade ein Händlernetz auf. Wir arbeiten beispielsweise schon mit Autohäusern für Luxusmarken zusammen. Und der Traum ist, irgendwann auch eigene Läden und Showrooms in großen Städten aufzumachen.
Andere Start-ups sind mit ähnlichen Ideen gescheitert: Im vergangenen Jahr haben die beiden E-Roller-Start-ups Unu und Kumpan Insolvenz angemeldet, in diesem Jahr hat es den schwedischen E-Motorradhersteller Cake getroffen. Was wollen Sie besser machen?
Michael Szpitalny: Mein Eindruck ist, dass manche Mobilitäts-Start-up zu schnell wachsen wollten. Uns ist wichtig, dass wir Schritt für Schritt skalieren. Wir bauen jetzt nicht direkt 100.000 Fahrzeuge, sondern sammeln aktuell erst einmal Vorbestellungen ein, die wir ab April ausliefern wollen. Wir rechnen mit 500 Stück im kommenden Jahr. Unser Team ist zudem noch überschaubar groß: Wir arbeiten mit vielen Freiberuflern und Zulieferern zusammen, daneben stellen wir jetzt zwei Monteure fest ein.
Ist denn die Nachfrage für Elektromobilität im Moped- beziehungsweise Motorrad-Segment überhaupt groß genug?
Marvin Rau: Ja, die Nachfrage steigt stark und auch die etablierten Hersteller bringen mehr und mehr E-Modelle. Die Liste der Vorteile ist lang: Die Beschleunigung bringt riesigen Spaß und man ist emissionsfrei unterwegs. In der kleinen Klasse braucht man keinen speziellen Führerschein, muss nicht zum Tüv – und hat ein fast wartungsfreies Fahrzeug: Es gibt keine Ölwechsel, es muss kein Kühlwasser nachgefüllt werden. Nur die Kette sollte man ab und an mal nachschmieren.
Dem stehen vergleichsweise hohe Preise gegenüber: Ihr Basismodell kostet knapp unter 7000 Euro. Ist die Zahlungsbereitschaft so groß?
Marvin Rau: Natürlich ist das für viele Menschen eine hohe Summe. Aber wenn man sich anguckt, dass sich auch E-Bikes für 5000 bis 7000 Euro bestens verkaufen, relativiert sich der Preis. Und inzwischen arbeiten wir mit einigen Dienstrad-Anbietern zusammen. Wenn der Arbeitgeber es anbietet, kann man unser Fahrzeug also über das Unternehmen leasen. Dann fallen die Anschaffungskosten kaum noch ins Gewicht.
Wie wollen sie sich von direkten Konkurrenten abheben?
Michael Szpitalny: Wir stechen mit unserem Retro-Design, dem hohen Individualisierungsgrad und dem besonderen Fahrgefühl heraus. Einzigartig ist auch unserer Soundsystem, mit dem die Geräusche von verschiedenen Motoren simuliert werden. Das mag wie eine Spielerei wirken, ist aber erstens wichtig für die Sicherheit und trägt zweitens ganz erheblich zum Spaßfaktor bei. Wenn du das Bike anmachst, haben alle um dich herum sofort ein Grinsen im Gesicht.
Gründer in Vollzeit sind Sie seit 2021. Kommen Sie seitdem selbst noch zum Motorradfahren?
Michael Szpitalny: Leider nicht so richtig – zumindest nicht mit den alten Verbrennermaschinen, an denen wir früher viel herumgeschraubt haben. Meine steht jetzt schon eine Weile in der Garage, hat keinen Tüv mehr und braucht einen Ölwechsel. Bei Marvin ist es ähnlich. Auf unseren Metorbikes sitzen wir aber öfter mal, schon weil wir jedes einzelne Bike vor der Auslieferung an einen Kunden Probe fahren. Das ist dann auch jedes Mal wie ein kleiner Ausritt.
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