Pulverfass Nahost: Was der Tod von Hisbollah-Chef Nasrallah bedeutet
Nasrallah war eine der wichtigsten Figuren in der sogenannten „Achse des Widerstands“, in der der Iran mit Verbündeten in der Region gegen den erklärten Erzfeind Israel kämpft.
Foto: Marwan Naamani/dpaBei einem israelischen Luftangriff im Zentrum von Beirut soll in der Nacht zum Montag ein mehrstöckiges Wohngebäude zerstört worden sein. Das berichtete ein Journalist der Nachrichtenagentur AP, der sich in der Nähe des Gebäudes befand. Es handelte sich um den ersten israelischen Luftangriff im Zentrum der libanesischen Hauptstadt in fast einem Jahr des Konflikts zwischen Israel und der Schiitenmiliz Hisbollah. Videos, die in sozialen Medien zirkulierten, zeigten Krankenwagen und eine Menschenmenge, die sich am Ort des Angriffs in einem sunnitisch geprägten Viertel versammelte.
Bei dem Angriff seien mindestens eine Person getötet und 16 weitere verletzt worden, sagte ein Vertreter des libanesischen Zivilschutzes, der anonym bleiben wollte. Bei der getöteten Person handele es sich um ein Mitglied der militanten, sunnitischen Gruppe Al-Dschamaa al-Islamija, die mit der Hisbollah verbündet ist. Die Gruppe ist indes nicht dafür bekannt, in dem Konflikt zwischen Israel und der Hisbollah eine bedeutende Rolle gespielt zu haben.
Eine linke Palästinensergruppe im Libanon teilte zudem mit, bei dem Angriff seien auch drei ihrer Mitglieder getötet worden. Dabei handele es sich um einen Militär- und einen Sicherheitskommandeur sowie ein weiteres Mitglied, erklärte die „Volksfront zur Befreiung Palästinas“.
Stunden zuvor hatte Israel Ziele im ganzen Land angegriffen und über das Wochenende Dutzende Menschen getötet. Der Kommandostruktur der Hisbollah versetzte das Militär einige tödliche Schläge, etwa durch die Tötung von Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah oder des Kommandeurs Nabil Kauk. Nasrallahs Tod, den zunächst Israel und dann auch die Hisbollah bestätigten, gleicht einem Donnerschlag im Nahen Osten. Die wichtigsten Fragen:
Was wird jetzt aus der Hisbollah?
Die schiitische Organisation ist durch den Tod ihres charismatischen Anführers, der als eigentlich mächtigster Mann im Libanon galt, gewissermaßen kopflos. Ohne Chef und nach Tötung fast der gesamten oberen Führungsebene ist unklar, wer innerhalb der Hisbollah nun die Kommandos geben könnte, auch bei weiteren Angriffen auf Israel. Vermutlich wird sie Anweisungen des Irans abwarten. Der ist die eigentliche Schutzmacht und wichtigster Unterstützer der Hisbollah. Auch wie der Iran reagiert, ist offen. Fest steht: Die Hisbollah ist nach massiven Angriffswellen Israels so geschwächt und gedemütigt wie seit Jahren nicht.
Wird die Miliz einen Nachfolger benennen?
Das dürfte nur eine Frage der Zeit sein. Die Hisbollah ernennt ihre Anführer zwar in meist geheimen und eher undurchsichtigen Verfahren. Schon jetzt ist aber ein Name für die Nachfolge im Umlauf: Haschim Safi al-Din, Chef des Hisbollah-Exekutivrats, gilt als aussichtsreichster Kandidat. Er ist ein Cousin Nasrallahs und Vater vom Schwiegersohn des mächtigen iranischen Generals Ghassem Soleimani, der 2020 im Irak durch einen US-Drohnenangriff getötet wurde. Safi al-Din soll schon seit den 1990er Jahren auf eine Führungsrolle innerhalb der Hisbollah vorbereitet worden sein. Laut arabischen Medienberichten war er zuletzt unter anderem für finanzielle Fragen und tägliche Abläufe innerhalb der Miliz zuständig.
Wie bedeutend ist der Tod Nasrallahs?
Nasrallah war eine der wichtigsten Figuren in der sogenannten „Achse des Widerstands“, in der der Iran mit Verbündeten in der Region gegen den erklärten Erzfeind Israel kämpft. Teilweise wurde er sogar als Nummer Zwei hinter Irans oberstem Führer Ali Chamenei betrachtet. Für seine Unterstützer hatte Nasrallah fast Gott-ähnlichen Status. „Nasrallahs Tod ist mehr als nur der Verlust eines Anführers, es ist der Verlust einer festigenden Kraft im Kern von Irans regionaler Strategie“, schrieb das „New Lines Magazine“ in einem Nachruf. Ohne ihn könne die „Achse“ möglicherweise ganz zusammenbrechen.
Der Chefredakteur der libanesischen Zeitung „L'Orient Le Jour“, Anthony Samrani, schrieb, die Tötung sei noch bedeutender als die von Top-General Soleimani 2020 und die von Osama bin Laden, Anführer des Terrornetzwerkes Al-Kaida und Drahtzieher der Anschläge vom 11. September 2001 in den USA.
„Er war unser Bin Laden mal 10. Mehr als 30 Jahre lang tötete er unsere Zivilisten, während er anderen Terrororganisationen zugleich half, besser darin zu werden, uns zu töten“, schrieb Nadav Pollak, Dozent an der israelischen Reichman-Universität.
Welche Folgen hat sein Tod für den Konflikt mit Israel?
Es gibt unterschiedliche Szenarien. Die nun vorerst kopflose Organisation könnte beispielsweise trotz aller Rückschläge versuchen, besonders gewaltsam auf diesen Angriff zu antworten - auch um zu zeigen, dass sie überhaupt noch zu Attacken fähig ist. Das könnte etwa passieren in Form eines koordinierten Angriffs der Milizen im Irak und im Jemen oder erneut aus dem Iran selbst.
Sollte die Hisbollah sich nicht wie gefordert von der südlichen Grenze mit Israel zurückziehen, wäre auch eine begrenzte Bodenoffensive der israelischen Armee nicht ausgeschlossen, um den Druck auf die Miliz hochzuhalten. Solche Kämpfe könnten allerdings vorteilhaft für die Hisbollah verlaufen, die im Süden schon zuvor eine Art Guerilla-Krieg gegen Israel führte.
Weil die Hisbollah und die Hamas im Gaza-Krieg deutlich geschwächt sind, könnten vor allem die Huthi im Jemen an Bedeutung gewinnen als Teherans Verbündeter.
Was bedeutet der Tod für den Libanon?
In dem kleinen Land am Mittelmeer, das seit zwei Jahren ohne Präsident ist und faktisch ohne Regierung, entsteht durch Nasrallahs Tod ein Machtvakuum. Es gibt vorerst keine Anzeichen aus dem Iran, dass dieser als wichtigster Unterstützer der Hisbollah die Lücke schließen will. Möglich scheint deshalb auch ein neuer Machtkampf anderer Gruppierungen in dem konfessionell stark gespaltenen Land. Gegner der Hisbollah dürften jetzt eine einmalige Chance sehen, die Strukturen der Hisbollah innerhalb des Staats dauerhaft zu zerlegen und eine stärkere Kontrolle der Regierung wiederherzustellen. Es könnte aber auch zu einem größeren Zusammenbruch der Sicherheit im Land kommen, zu neuen konfessionellen Konflikten und insgesamt chaotischen Zuständen. Das Land erlebte von 1975 bis 1990 bereits einen blutigen Bürgerkrieg.
Lesen Sie auch: So wird das nichts mit kriegstüchtig