Gaza-Krieg: „Aktuell ist fraglich, ob die Hamas als Organisation noch existiert“
Menschen gehen an den Ruinen von Gebäuden vorbei, die durch einen israelischen Luftangriff im Flüchtlingslager Dschabalia zerstört wurden.
Foto: Mahmoud Issa/dpaGerhard Conrad hat als BND-Agent jahrelang zwischen der Hamas und den Israelis als Unterhändler vermittelt. Mit der WirtschaftsWoche spricht er darüber, welche Verhandlungskanäle den Kriegsparteien nach der Tötung von Hamas-Chefs Yahya Sinwar jetzt noch offen stehen, warum Israels hartes Vorgehen auch Auswirkungen auf potenzielle Geisel-Deals haben wird. Und warum die Hoffnung auf einen schnellen Frieden nach der Tötung wohl verfrüht war.
WirtschaftsWoche: Nach der Tötung Sinwars durch die israelische Armee hatte das Weiße Haus die Hoffnung auf einen „Tag danach“ und Friedensverhandlungen. Stattdessen folgten in den vergangenen Tagen unvermindert heftige Kämpfe in Gaza und Libanon...
Gerhard Conrad: Weil hinter dieser Hoffnung erst einmal viel Wunschdenken steckte. Sinwar ist tot, aber damit ist doch noch nichts gewonnen. Aktuell ist nicht einmal klar, wer denn nun der operative Chef der Hamas ist, ob es überhaupt einen gibt und wie man ihn erreichen kann. Schon bei Sinwars Tötung sah es so aus, als ob er gerade aus Gaza zu fliehen versuchte. Das alleine hätte bereits ähnliche Auswirkungen gehabt, wie wir sie auch jetzt nach der Tötung sehen.
Auswirkungen?
Es muss schlicht und einfach jemand ans Telefon gehen, mit dem die Israelis überhaupt über ein Ende der Kampfhandlungen sprechen können. Momentan ist eher fraglich, ob die Hamas überhaupt noch als handlungsfähige und strukturierte Organisation unter gemeinsamer Führung existiert.
Das Kriegsziel des israelischen Premierministers Benjamin Netanjahu, die Hamas zu zerstören, wäre damit erreicht.
Richtig, die Israelis haben von Anfang an eine Desintegration der Gruppe bezweckt. Es ist nicht auszuschließen, dass die Hamas jetzt nur noch aus versprengten Milizen besteht oder jedenfalls auf dem Weg dorthin ist. Und jede einzelne dieser Gruppen würde dann für sich selbst entscheiden, ob und wie sie weiter kämpfen will. Und ob sie die Geiseln in ihrer Obhut nicht doch lieber als Startkapital für das eigene Überleben betrachten, anstatt als Pfand für den großen Krieg gegen Israel.
Was bedeutet das für die Geiseln?
Die Israelis werden versuchen, eine mögliche Fragmentierung zu fördern und auszunutzen. Gegebenenfalls würde man einzeln mit diesen Gruppen über eine Freigabe der jeweils in deren Macht befindlichen Geiseln verhandeln. Es gibt mittlerweile sogar Berichte über private Auslobungen über hunderttausende von Dollar für einzelne Freilassungen. Nicht wenige örtliche Hamas-Kommandeure könnten deshalb jetzt mit dem Gedanken spielen, einen solchen Deal anzunehmen.
Aber wird das den Krieg beenden? Genug Hamas-Leute werden weiterkämpfen. Gleichzeitig gibt es, wie Sie selbst sagen, keine zentralen Ansprechpartner mehr. Wie sollen da die Waffen jemals ruhen?
Es wird sich jetzt erst einmal zeigen müssen, ob die Hamas irgendwie wieder eine zentrale Struktur in Gaza aufbauen kann, etwa um Sinwars Bruder Mohammed herum. Man darf auch nicht vergessen, dass sich auch die äußeren Rahmenbedingungen für Verhandlungen geändert haben.
Der ägyptische Präsident Abd al-Fattah as-Sisi hat gerade seinen Chefunterhändler für die Palästinenser-Frage ausgetauscht. Warum das passiert ist, bleibt unklar. Die Kataris haben sich vorerst ganz zurückgezogen. Aktuell ist es also erst einmal schwieriger geworden, das bisherige Format wieder aufleben zu lassen. Ein schnelles Ende sehe ich nicht.
Hätten die Israelis bei der Härte ihres Vorgehens nicht damit rechnen müssen, dass es so kommt?
Der Vorwurf an die israelische Regierung, dass sie von Anfang an keine Exit-Strategie für diesen Konflikt hatte, ist wohlfeil. Man kann über die Mittel Netanjahus streiten, über unnötige Härte und viel zu viele zivile Opfer. Aber ein Ziel hatte er von Anfang an: die Militäroperation sollte die Hamas zerschlagen. Man sollte auch nicht dem Irrglauben unterliegen, dass die Geiseln dabei ganz oben auf der Prioritätenliste der israelischen Regierung standen. In Jerusalem würden sie das niemals zugeben, aber diese Menschen sollen nach meinem Eindruck notfalls erst aus den Trümmern einer weitgehend zerstörten Hamas gezogen werden. Und paradoxerweise könnte genau diese relativ rücksichtslose Priorisierung von Krieg über die Geiselbefreiung jetzt sogar Erfolg haben.
Wie meinen Sie das?
Israel erlebt in dieser Auseinandersetzung gerade so etwas wie seinen „Hanns-Martin Schleyer-Moment“. Damals hat die deutsche Bundesregierung ebenfalls rigoros abgelehnt, auf die weitgehenden Forderungen der RAF einzugehen, um den Freund von Bundeskanzler Schmidt zu retten. Stattdessen ging man unter Aufopferung seines Lebens mit aller Härte gegen die Terroristinnen und Terroristen vor. Mit Erfolg. So ähnlich scheint sich auch die Lage in Gaza zu entwickeln.
Krieg ohne Ende...
Netanjahu könnte bis zur völligen Desintegration von Hamas ohne Rücksicht auf Verluste weitermachen wollen. Und erst dann würden auch alle Geiseln zurückgekehrt sein. Die Tötung Sinwars könnte nur ein Schritt auf diesem Weg gewesen sein.
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