Versandhaus: Otto will Onlinehandel ausbauen
Der neue Katalog für die Frühjahrs-Saison 2011 des Versandhauses Otto.
Foto: dpaHans-Otto Schrader, Chef des Hamburger Handelskonzerns Otto, erwägt nach Informationen von wiwo.de den Aufbau eines so genannten Inkubators, um Neugründungen im Online-Handel zu forcieren. Dem Vernehmen nach sieht Otto darin die Möglichkeit, schneller auf interessante Online-Konzepte zuzugreifen und mit Unternehmensgründern zusammen zu arbeiten, die die traditionellen Konzernstrukturen sonst eher meiden. Ein Unternehmenssprecher von Otto war für eine Stellungnahme nicht erreichbar.
Der Begriff Inkubator stammt aus dem Bereich der Medizin, wo er für Brutkästen verwendet wird. Analog werden Einrichtungen zur Beratung und Unterstützung von Existenzgründern als Wirtschaftsinkubatoren bezeichnet.
Erfolgsbilanz ist "durchwachsen"
Schon seit geraumer Zeit versucht der Hamburger Konzern seine Position im stark wachsenden Online-Segment auszubauen. „Die Erfolgsbilanz der bisherigen Otto-Gründungen im Online-Segment ist eher durchwachsen“, bilanziert allerdings E-Commerce-Experte Jochen Krisch, Chef des Branchenportals „Exciting Commerce“.
Einzelne Otto-Eigenkreationen wurden in den vergangenen Monaten drastisch eingedampft oder verschwanden gleich ganz vom Markt. Besser lief die Beteiligung an externen Unternehmen. 2009 übernahm Otto etwa die Mehrheit am Shoppingclub Limango, der inzwischen mehr als drei Millionen Mitglieder zählt.
Auch die Otto-Beteiligungsfirma eVenture ist gut im Geschäft. So beteiligte sich eVenture gemeinsam mit den Unternehmerbrüdern Samwer am Rabattportal CityDeal, das später im Zuge eines Aktiendeals an den amerikanischen Marktführer Groupon verkauft wurde. Über die CityDeal-Beteiligung wurde Otto so indirekt auch zum Groupon-Aktionär.
Sollte Groupon beim Börsengang tatsächlich eine Unternehmensbewertung von rund 20 Milliarden Dollar erzielen, wie Analysten erwarten, könnte der Wert der Otto-Anteile auf schätzungsweise mehr als 100 Millionen Dollar ansteigen. Zu Details wollte sich ein Otto-Sprecher bei einer früheren Anfrage der WirtschaftsWoche nicht äußern.
Derlei Erfolge dürften denn auch ein willkommener Anlass für die jüngsten Inkubator-Ambitionen sein. „Um den Anschluss zu wichtigen Branchentrends nicht zu verlieren, wäre der Aufbau eines Inkubators durchaus sinnvoll", sagt Experte Krisch.
Eine Frischzellenkur käme für den Hamburger Traditionsversender denn auch zur rechten Zeit. Zwar stehen die Online-Plattformen des Otto-Konzerns nach offizieller Lesart inzwischen für „fast 50 Prozent aller Einzelhandelsumsätze“ des Konzerns. Doch „ein Gutteil der ausgewiesenen Online-Umsätze ist nach wie vor kataloggetrieben", sagt Krisch.
Im Klartext: Viele Otto-Kunden bestellen zwar über das Internet, aber nur, wenn sie zuvor den teuer produzierten Katalog erhalten und durchgeblättert haben. Entsprechend hoch sind für Otto die Kosten im Vergleich zu reinen Internethändlern wie Amazon.
Auch andernorts läuft derzeit nicht alles rund bei den Hamburgern. So verzögerte sich die Wiederbelebung von quelle.de. Die Marke hatte Otto nach der Insolvenz des fränkischen Erzrivalen erstanden und wollte unter der Adresse ursprünglich bereits Anfang April einen Online-Marktplatz für Technik- und Einrichtungsartikel starten. Im Interview mit der WirtschaftsWoche hatte Konzernchef Hans-Otto Schrader die Pläne revidiert und den Neustart auf „Sommer“ verlegt.
Hans-Otto Schrader, Vorstandsvorsitzender der Otto Group, präsentiert die "Otto-Applikation" auf dem iPad.
Foto: dpaWenn Schrader am morgigen Mittwoch seine Bilanz für das abgelaufene Geschäftsjahr 2010/11 vorstellt, dürfte er auch Aussagen dazu treffen, ob und wann der Marktplatz tatsächlich startet. Auch zu einer angekündigten Mehrheitsbeteiligung in Brasilien, zur Sanierung des britischen Versandgeschäfts sowie zu konjunkturellen Entwicklungen und deren Auswirkungen auf Otto erwarten Beobachter weitergehende Informationen von Schrader.
Umsatzschub durch Quelle-Zusammenbruch
Schon im April hatte der Konzernchef die Euphorie gedämpft. Operativ, so Schrader damals laufe es zwar „ausgezeichnet“, trotzdem „gehen wir davon aus, dass wir das hohe zweistellige Wachstum in diesem Geschäftsjahr nicht wiederholen können“.
Im abgelaufenen Geschäftsjahr war der weltweite Umsatz um 12,5 Prozent auf den Rekordwert von 11,4 Milliarden Euro gestiegen. „Auch das Ergebnis wuchs im zweistelligen Bereich“, so Schrader damals. Unklar ist, inwieweit der Gewinn- und Umsatzschub auch mit den Folgen des Quelle-Zusammenbruchs und entsprechenden Neukundengewinnen zu tun hat.
In diesem Geschäftsjahr jedenfalls könnte sich der „Quelle-Effekt“ endgültig erschöpfen. Zudem dürften die steigenden Rohstoffpreise sowie die höheren Energie- und Arbeitskosten in wichtigen Beschaffungsländern wie China den Otto-Strategen Bauschmerzen bereiten und zu Preiserhöhungen für die Otto-Kunden führen.