Contra: Das Gleichheitsgesetz bringt neue Ungleichheit
Nach vielen Jahren der Wiedervereinigung arbeiten im Westen einer Studie der Bertelsmann Stiftung zufolge nach wie vor weniger Frauen als im Osten: Die Quote in den alten Bundesländern lag demnach 2012 bei 50,9 Prozent, in Ostdeutschland bei 57,9 Prozent.
Quelle: Bundesagentur für Arbeit, Eurostat, IG Metall, Bertelsmann Stiftung, Statistisches Bundesamt
Im EU-Vergleich sind in Deutschland jedoch die wenigsten Frauen arbeitslos: Nach vorläufigen Berechnungen des europäischen Statistikamts Eurostat waren 2014 hierzulande rund 900.000 Frauen zwischen 15 und 74 Jahren ohne Job. Das entspricht einer Quote von 4,6 Prozent. Im EU-Durchschnitt liegt die Quote bei 10,3 Prozent. Am höchsten ist die Quote in Griechenland (2013: 31,4 Prozent) und Spanien (25,4).
Foto: dpaDie Frauen in Deutschland fühlen sich nach einer Umfrage im Berufsleben nach wie vor benachteiligt. Insbesondere bei der Bezahlung und Entlohnung von Arbeit (78 Prozent) sowie bei der Besetzung von Führungspositionen in der Wirtschaft (68) kann für die meisten weiblichen Befragten von Gleichstellung noch keine Rede sein, wie aus einer Studie der IG Metall zum Weltfrauentag hervorgeht. Die befragten Männer sehen das ähnlich (jeweils 70 Prozent).
„Unternehmen müssen die Aufstiegschancen von Frauen verbessern“, sagte Christiane Benner, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall. Die Gewerkschaft kritisierte die Einkommenslücke von 22 Prozent und die geringe Zahl von Frauen in Führungspositionen. Das größte Problem sehen die Befragten in der mangelnden Vereinbarkeit von Familie und Job: 73 Prozent sind insgesamt der Meinung, dass Kinder für Frauen nach wie vor ein Stolperstein für die Karriere sind.
Obwohl im Osten mehr Frauen als im Westen arbeitstätig sind, verdienen sie - mit Ausnahme von Berlin - jedoch weniger: Frauen im Westen (hier wird Berlin einberechnet) verdienten im dritten Quartal 2014 im Schnitt 2189 Euro brutto monatlich. Im Osten waren es 2139 Euro.
In der Berufswahl unterscheiden sich Ost- und Westfrauen kaum: Der Bundesagentur für Arbeit zufolge liegen in beiden Landesteilen Unternehmensführung beziehungsweise -organisation, Gesundheitswesen, Büro und Verkauf auf den vorderen Plätzen.
Foto: dpaDas durchschnittliche Heiratsalter der Frauen liegt in Deutschland bei mehr als 30 Jahren. So heirateten Frauen im Westen 2013 durchschnittlich im Alter von 34,4 Jahren, im Osten mit 35,9 Jahren (jeweils ohne Berlin).
Foto: dpaAuch bei der Geburtenziffer pro Frau unterscheiden sich alte und neue Bundesländer. So lag die Geburtenziffer 2012 im Osten mit 1,45 Kindern höher als im Westen mit 1,37. Insgesamt wurde ein leichter Zuwachs der Geburten in Deutschland beobachtet. 2013 kamen laut Statistischem Bundesamt rund 8500 Babys mehr zur Welt als 2012. Insgesamt 682.069 Neugeborene taten 2013 ihren ersten Schrei.
Foto: dpaIn den neuen Bundesländern fangen Frauen früher als in den alten wieder mit der Arbeit an, nachdem sie ein Kind auf die Welt gebracht haben. 53 Prozent der ostdeutschen Mütter, deren jüngstes Kind unter drei Jahren alt war, arbeiteten in demselben Jahr Vollzeit, im Westen waren es lediglich 22 Prozent.
Foto: dpaAngesichts des Problems der Überalterung der Nation kann die Studie wenig trösten. Dabei sind die Unterschiede zwischen West und Ost noch erheblich: 23 Prozent der 40- bis 44-Jährigen im Westen waren 2012 kinderlos - im Osten hatten nur 15 Prozent keinen Nachwuchs.
Foto: dpaHamburg war der Stadtstaat mit den meisten kinderlosen Frauen (32 Prozent). Die örtlichen Politiker geben sich aber Mühe und versuchen durch die gebührenfreie Betreuung in Kitas es Frauen einfacher zu machen, Kinder zu bekommen. Die geringste Quote der kinderlosen Frauen unter allen Bundesländern hatten Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern mit jeweils 14 Prozent.
Foto: dpaMänner verdienen in Deutschland rund ein Fünftel mehr als Frauen. Skandal? Nein, denn wie bei jeder Statistik sollten wir genauer hinschauen. Ein wesentlicher Grund für diese „Lücke“ ist nämlich die hohe Zahl an Industriearbeitsplätzen. Im verarbeitenden Gewerbe, also im Maschinenbau und in der Autoindustrie, ist das Lohngefälle besonders ausgeprägt. Hinzu kommt, dass in dieser Branche deutlich mehr Männer als Frauen tätig sind. Für die Statistik heißt das zugespitzt: Wenigen Sekretärinnen stehen viele gut bezahlte Ingenieure gegenüber. Rechnet man alle Verzerrungen raus, so wie es das Institut der deutschen Wirtschaft Köln getan hat, schmelzen die Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen auf rund zwei Prozent.
Lencke Steiner, Bundesvorsitzende des Wirtschaftsverbandes Die jungen Unternehmer und Geschäftsführende Gesellschafterin der W-Pack Kunststoffe GmbH & Co. KG Bremen
Foto: Presse
Das bedeutet nicht, dass wir untätig bleiben sollen. Wir Frauen möchten mit unserer Arbeit überzeugen und dafür selbstverständlich auch fair entlohnt werden. Daher müssen sich Politik und Wirtschaft der Frage nach Lohngerechtigkeit auch annehmen. Das geplante Entgeltgleichheits-Gesetz liefert dazu aber keinen substantiellen Beitrag. Vielmehr pauschaliert es in undifferenzierter Weise und konterkariert den Leistungsgedanken.
Es kommt auch auf den Beruf an
Aus meiner Sicht ist es wichtig, dass wir den Fokus nicht nur auf das Geschlecht, sondern auch auf andere Aspekte wie die Berufswahl und die Lebensumstände richten. Fakt ist: Frauen entscheiden sich häufiger für Berufsfelder, in denen traditionell weniger bezahlt wird als in anderen Branchen. Wir sollten uns als Gesellschaft also kritisch fragen, warum wir in bestimmten technischen Studiengängen und Berufen bisweilen nur einen Frauenanteil von 10 bis 20 Prozent haben.
Viele Mütter arbeiten in Teilzeitbeschäftigung. Durch diese kommen sie vermeintlich für bestimmte Jobs, zum Beispiel eine Geschäftsführertätigkeit, nicht in Frage. In diesem Punkt müssen wir Unternehmer umdenken. Entscheidend ist aber, dass wir die Vereinbarkeit von Familie und Beruf signifikant verbessern. Es hilft nichts, wenn die Bundesfamilienministerin eine gleiche Entlohnung verordnen will, Mütter aber aufgrund ihrer Lebensumstände keine Möglichkeit sehen, sich für eine solche Stelle zu bewerben oder sich in Verhandlungen „unter Wert“ verkaufen. Um diese mentale Hürde zu überwinden, benötigen wir vernünftige Ganztagsbetreuungsangebote und zwar flächendeckend. Das wäre doch mal ein sinnvolles Projekt für Frau Schwesig.
Es droht eine neue Ungerechtigkeit
In der Praxis schafft ein Entgeltgleichheits-Gesetz zudem neue Ungerechtigkeiten. Es beschneidet nicht nur unternehmerische Freiheiten, sondern stolpert schon über die Definition von „gleichwertiger Arbeit“. Ein früherer SPD-Gesetzentwurf zieht dazu als zentrales Kriterium die „Tätigkeitsbeschreibung“ vor. In der Realität ist es jedoch oft so – und zwar unabhängig vom Geschlecht –, dass Mitarbeiter mit gleichen Aufgabengebieten unterschiedliche Leistungen erbringen.
Als Familienunternehmerin entlohne ich eine erfahrene Mitarbeiterin besser als eine Neueinsteigerin, was Sinn macht. Zukünftig wird das vielleicht nicht mehr möglich sein, da ich allen Mitarbeitern mit der gleichen Tätigkeitsbeschreibung ohne Rücksichtnahme auf ihre individuellen Erfahrungen, Kenntnisse und Arbeitsergebnisse die gleiche Gehaltserhöhung geben muss.
Frau Schwesigs Absichten mögen ehrenwert sein - ihr Lösungsweg ist es nicht. Dass eine Form der Diskriminierung, wie die Ungleichbezahlung von Männern und Frauen, durch eine andere abgelöst wird, nämlich die, alle leistungsunabhängig gleichzuschalten, bringt unsere Gesellschaft nicht voran – am wenigsten gut ausgebildete Frauen.