Gute Vorsätze: „Nur etwa die Hälfte unserer Absichten können wir in die Tat umsetzen“
Im Moment des Feuerwerks denken viele Menschen an ihre guten Vorsätze fürs neue Jahr. Ob es diesmal klappt?
Foto: Lennart Preiss/dpaKriege, Wirtschaftskrise, Neuwahlen: Viele Menschen blicken mit Sorge oder gar angsterfüllt auf das neue Jahr. Umso wichtiger sind jetzt gute Vorsätze, findet Bettina Höchli. Die Verhaltenswissenschaftlerin von der Universität Bern sagt: Vorsätze könnten helfen, hoffnungsvoller in die Zukunft zu schauen. Denn so lasse sich dem Leben trotz aller Unwägbarkeiten eine klarere Richtung geben und das Gefühl stärken: Ich kann etwas verbessern.
Das Schöne daran: Der gute Vorsatz wirkt bereits positiv, noch ehe er überhaupt umgesetzt wird. Denn er sei die perfekte Gelegenheit für eine Zwischenbilanz, um einmal innezuhalten und sich zu fragen: „Was ist mir wichtig im Leben? Wo möchte ich meine Zeit und meine Ressourcen investieren?“, sagt Höchli. Gerade in Krisenzeiten fehlt vielen Menschen aber die Kraft für gute Vorsätze. Schließlich verlaufen die meist schnell im Sande. Warum also sollte ich mir jetzt die Mühe geben?
Gute Vorsätze: Jedes Jahr wird's besser
Weil die Umsetzung guter Vorsätze kein Selbstläufer ist und erst gelernt werden muss, beruhigt Frank Wieber, Professor für öffentliche Gesundheit an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. In diesem Prozess sei es ganz normal zu scheitern. Aber von Jahr zu Jahr werde man besser darin, zu erkennen, welche Vorsätze nicht funktionieren und wie man sich selbst helfen könne, ambitionierte Ziele in die Tat umzusetzen.
Gerade bei guten Vorsätzen seien viele Menschen zu ehrgeizig und würden ihre Willenskraft überschätzen, ganz nach dem Motto „Wennschon, dennschon“, sagt Höchli. „Aber wenn ich heute nur sehr ungern um 6 Uhr aufstehe, um Joggen zu gehen, werde ich vermutlich auch im Januar nicht voller Begeisterung aus dem Bett hüpfen“, bremst die Verhaltenswissenschaftlerin. Ihr Rat für den realistischen guten Vorsatz: „Herausfordernd, aber nicht überfordernd.“
Wirklich durchhalten
Entscheidend für den Erfolg ist obendrein genau zu wissen, wozu man sich überhaupt die Mühe macht. „Will ich mich mehr bewegen, um mich fitter zu fühlen? Um einen klaren Kopf zu kriegen? Um Gewicht zu verlieren? Falls letzteres: Geht es ums Aussehen oder um die Gesundheit?“, fragt Höchli. Besonders gut geeignet seien Vorsätze, die mit den eigenen Werten und übergeordneten Zielen im Leben im Einklang stünden. „Das verstärkt den Sinn, stärkt die Orientierung“, unterstreicht Höchli.
Wer zum Beispiel mehr spenden oder sich ehrenamtlich engagieren möchte, sollte überlegen, welche Themen ihm tatsächlich am Herzen liegen. Am besten werden auch schon Tage im Kalender markiert, wann der gute Vorsatz realisiert werden könnte. Denn ohne einen konkreten Plan hat ein guter Vorsatz keine Chance. „Nur etwa die Hälfte all unserer Absichten können wir tatsächlich in die Tat umsetzen“, sagt Höchli. Wichtig sei es, dass gute Vorsätze quasi automatisch ablaufen. Anstatt „Ich gehe jeden Tag joggen“ könnte man also lieber sagen „Ich gehe jeden Tag vor dem Abendessen joggen“. So passt der Plan gut auch in einen stressigen Arbeitstag und der Vorsatz muss nicht jedes Mal aufs Neue formuliert werden.
Ohne klare Vorgaben wird das nichts
Gute Vorsätze scheitern häufig auch, weil sie diffus bleiben. Gesünder leben, weniger Stress haben, besser schlafen – alles gut und wichtig, aber wie genau gehe ich das an? Wichtig ist es, solche guten Vorsätze auf konkrete Etappenziele herunterzubrechen. Höchli regt an: Nicht sagen „Ich möchte abnehmen“, sondern „Ich will bis Ende März fünf Kilogramm abnehmen“.
Ist das geschafft, geht es darum, das Gewicht zu halten oder sich ein neues Ziel zu setzen. Auf diese Weise könne es gelingen, sich mit Erfolgsmomenten zu motivieren und dadurch neue Routinen zu lernen, sagt Höchli.
Wem zum Jahresende die Energie fehlt, der belässt es vielleicht lieber bei einem guten Vorsatz – mit der Option, im Sommerurlaub ein neues Vorhaben für die zweite Jahreshälfte in Angriff zu nehmen. Einige gute Vorsätze lassen sich allerdings auch kombinieren, wie Wieber anregt. So könne ein Rauchstopp plus mehr Bewegung dazu führen, dass die Vorteile des Nikotinverzichts unmittelbar spürbar werden.