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Nur eine Woche Urlaub im Jahr Amerika - eine Nation der Überarbeiteten

42 Prozent der Amerikaner haben 2014 keinen einzigen ihrer ohnehin spärlichen Urlaubstage genommen. Sie arbeiten länger und öfter als die Deutschen. Weil im Land der unbegrenzten Möglichkeiten vieles unmöglich ist.

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New York: Die Stadt der Workaholics in einem Land der Workaholics. Quelle: Fotolia

New York ist eine Stadt der Workaholics in einem Land der Workaholics. Entsprechend groß war die Aufregung, als im vergangenen Sommer der neue New Yorker Bürgermeister etwas wagte: er fuhr in den Urlaub. Und das ganze neun Tage lang. Der Demokrat Bill de Blasio, seit Anfang 2014 im Amt, urlaubte mit seiner Familie in Italien, kletterte über venezianische Brücken, planschte auf Capri, schüttelte ein paar italienische Bürgermeisterhände und ließ sich dabei ausgiebig von italienischen Fans und mitgereisten Journalisten fotografieren.

De Blasios Vorgänger Rudy Giuliani und Michael Bloomberg waren zwar immer mal ein paar Tage weg, aber sie haben nie offiziell Urlaub angemeldet. Sie arbeiteten Wochenenden durch und gönnten sich nur ganz selten mal ein verlängertes Wochenende, das sie in ihren jeweiligen Anwesen in den Hamptons beziehungsweise auf den Bahamas verbrachten. Mehr als 20 Jahre lang hat kein New Yorker Bürgermeister eine Woche Urlaub genommen. Entsprechend genüsslich wälzten konservative Zeitungen und die Boulevardpresse jedes Detail der Italienreise des linken neuen Bürgermeisters aus.

So holen Sie mehr Urlaub raus
2014 war urlaubstechnisch ein wahres Geschenk für Arbeitnehmer: Die neun bundeseinheitlichen Feiertage fielen alle auf einen Wochentag. 2015 sieht es nicht ganz so rosig aus. Trotzdem lassen sich noch bis zu 47 freie Tage Dank der Feiertage zwischen Januar und Dezember "bauen". Dafür müssen Arbeitnehmer 23 eigene Urlaubstage als sogenannte Brückentage einsetzen. Wir zeigen Ihnen, wie Sie Ihren Urlaub am besten jetzt schon planen, um möglichst viele Tage am Stück frei zu haben. Quelle: dpa
Heilige Drei KönigeFür Arbeitnehmer in den Bundesländern Sachsen-Anhalt, Bayern und Baden-Württemberg startet das Jahr gut: Für sie ist der 6. Januar ein Feiertag. Wer am 2. und 5. Januar zwei Urlaubstage einsetzt, hat vom 1. bis 6. Januar frei. Quelle: dpa
OsternIm März und April lassen sich mit acht Urlaubstagen gleich doppelt so viele freie Tage bauen: Durch Ostern kann man vom 28. März bis 12. April freinehmen. Quelle: dpa
Tag der ArbeitDer 1. Mai fällt im Jahr 2015 auf einen Freitag. So kommt man ganz ohne Urlaubstage zu einem verlängerten Wochenende. Quelle: dpa
Mariä Himmelfahrt und PfingstenDiese Feiertage lassen sich durch den Einsatz von sechs Urlaubstagen verbinden. So hat man vom 14. bis 26. Mai zwölf Tage frei. Quelle: dpa
FronleichnamDieser hohe katholische Feiertag wird am 4. Juni in den Bundesländern Bayern, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen, Hessen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland begangen. 2015 fällt Fronleichnam auf einen Donnerstag. Wer sich den Freitag frei nimmt, baut sich ein langes Wochenende. Quelle: AP
Im Herbst gibt es eine Durststrecke: Sowohl der Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober als auch Allerheiligen am 1. November liegen auf einem Wochenende. Quelle: AP

Urlaub ist für viele Amerikaner etwas sehr, sehr ungewöhnliches. Wer überhaupt Ferien macht, fährt für ein paar Tage an einen nahegelegenen Badesee oder vielleicht nach Disneyland. Eine ganze Woche Auszeit ist schon sehr lang – und wenn überhaupt, dann nimmt man sie am besten über einen der nationalen Feiertage herum. Überhaupt arbeiten die Amerikaner lang und oft. Wer in New York lebt, erlebt es immer wieder: Freunde, die die Brunchverabredung am Sonntag absagen, weil sie ins Büro müssen. Andere Menschen, die vor 21 Uhr nie Zeit haben, weil es abends noch Meetings gibt. Und großes Staunen, wenn es doch einer schafft, eine richtige Reise zu unternehmen. Die langen Sommerurlaube der Deutschen kommen den Amerikanern surreal vor – und fast schon anstößig. Wer frei macht, gilt als faul oder als nicht ausreichend belastbar. Die Forschung dazu ist vielfältig.

42 Prozent der Amerikaner haben im vergangenen Jahr keinen einzigen ihrer ohnehin spärlichen Urlaubstag genommen, hat eine neue Studie ermittelt. Die amerikanische Reise-Nachrichtenwebsite Skift hat 1500 Amerikaner befragen lassen. Nur 15 Prozent nahmen mehr als 20 Tage. Weggefahren sind nur 37 Prozent während ihres Urlaubs und ins Ausland reisten nur 13 Prozent der Menschen.

Schlimmer geht immer – Wo noch mehr gearbeitet wird!

Die meisten Amerikaner haben zehn Urlaubstage und bekommen Geld an sechs gesetzlichen Feiertagen im Jahr – das hängt aber von der Gnade der Arbeitgeber ab. Die Deutschen, Dänen, Franzosen und Spanier haben im Schnitt 30 Tage Urlaubsanspruch – und nehmen auch alle 30. Die USA sind die einzige Industrienation, in der Arbeitnehmer kein Recht auf bezahlten Urlaub, bezahlte Krankheitstage oder Gehalt an Feiertagen haben. Fast jeder vierte arbeitende Amerikaner hat deswegen überhaupt keine bezahlten Ferien. Sogar Japan bietet mehr als die USA: 28 Urlaubstage. Die traditionell überarbeiteten Japaner nehmen allerdings nur zehn davon.

Laut einer Studie des Marktforschers Oxford Economics im Auftrag des Verbands U.S. Travel Association verfallen in den USA jedes Jahr 169 Millionen Urlaubstage ungenutzt. Das bedeutet, dass die Arbeitnehmer den Arbeitgebern Jahr für Jahr umgerechnet 52,4 Milliarden Dollar schenken. „Amerikaner sind Arbeits-Märtyrer“, heißt es in der Studie. „Sie sind an das Büro gefesselt, sie lassen jedes Jahr mehr bezahlte Auszeit ungenutzt, geben etwas auf, das sie sich verdient haben und arbeiten im Grunde für nichts.“

Angst vor dem Urlaub

Und es sind nicht nur die Urlaubstage. Die Menschen in den USA arbeiten auch länger pro Tag. 32 Prozent der Amerikaner arbeiten mehr als 45 Stunden pro Woche. In Deutschland sind das nur 18 Prozent, in Frankreich sogar nur vier Prozent. Während die Amerikaner über das Jahr hinweg lange Jahrzehnte lang genauso viel arbeiteten wie der Rest der Industrienationen, schafft heutzutage kein Durchschnittsarbeitnehmer in einem anderen Land so viele Arbeitsstunden pro Jahr wie die Amerikaner: 1800. Laut einer Studie des Wirtschaftsprofessors Daniel Hamermesh von der Royal Holloway University of London arbeiten Amerikaner außerdem deutlich häufiger nachts und am Wochenende. Und laut der OECD gehen Amerikaner mit 65 Jahren in Rente – hier geht es nicht um das offizielle, sondern um das tatsächliche Rentenalter. In Deutschland sind Männer 62,1 und Frauen 61,6 Jahre alt, wenn sie aufhören zu arbeiten.

Hintergrund des Ganzen ist nicht, dass die Amerikaner von Natur aus so viel fleißiger sind als die Deutschen. Arbeitsmoral ist kulturell, aber viele Amerikaner werden auch zum Fleiß gezwungen. Viele arbeiten nicht mehr in klassischen Angestelltenverhältnissen, sondern haben mehrere Jobs, werden pro Stunde oder pro Tag bezahlt oder sind Freiberufler – und jeder Tag ohne Gehalt bringt echte finanzielle Engpässe. Die Skift-Umfrage hat ergeben, dass Menschen mit den geringsten Einkommen auch am seltensten Urlaub nehmen. Mehr als 45 Prozent der Amerikaner, die 25.000 Dollar oder weniger im Jahr bekommen, nahmen keinen einzigen Urlaubstag. Alle Befragten, die mehr als 150.000 Dollar verdienen, nehmen zumindest ein paar Tage frei. Und es gibt immer mehr Arme. Die Mittelklasse, so definiert man in Amerika Haushalte mit einem Jahreseinkommen zwischen 35.000 und 100.000 Dollar, schrumpft. 1960 fiel noch die Hälfte der Amerikaner in diese Gruppe, heute sind es nur noch 43 Prozent – und das liegt nicht daran, dass der Durchschnitt reicher wird, sondern dass mehr Leute sozial absteigen.

Die Hauptauslöser von Stress

Viele Amerikaner bekommen auch kein Gehalt, wenn sie krank zu Hause bleiben müssen. Von denjenigen, die in der Privatwirtschaft arbeiten, bekommen zwar 61 Prozent ein paar Tage lang Krankengeld. Anfang der 90er Jahre waren es nur 50 Prozent. Aber gerade die Menschen, die in schlecht bezahlten Jobs arbeiten, bekommen es nicht. In einzelnen Städten und Bundesstaaten gibt es inzwischen Gesetze zu „paid sick leave“, zum Beispiel in New York, aber sie gelten für viele Amerikaner in unsicheren Beschäftigungsverhältnissen nicht. Die US-Regierung plant gerade, ein Gesetz dazu einzuführen – aber ob und wann es jemals in Kraft tritt, ist ungewiss.

Geld ist der größte Stressfaktor in den USA

Vor Urlaub haben viele Amerikaner regelrecht Angst. Laut der Studie der US Travel Association fürchten sie zum einen, ihren Job zu verlieren, und zum anderen, dass sich nach dem Urlaub so viele Aufgaben angestaut haben, dass die Erholung schnell zunichte gemacht wird. Und mehr als ein Drittel der Amerikaner haben Schuldgefühle gegenüber ihrem Arbeitgeber, wenn sie frei machen – und hoffen, dass sie als bessere Mitarbeiter gelten, wenn sie auf Urlaub verzichten. Es gebe in vielen Unternehmen eine „Kultur des Überarbeitens“, hat die Umfrage ergeben. Dabei ist es genau andersherum: wer Urlaub nimmt, bekommt schneller eine Gehaltserhöhung und wird befördert, sagt Roger Dow von der US Travel Association – der allerdings auch ein Geschäftsinteresse daran hat, dass die Menschen Reisen buchen.

Ein Problem für das Volksglück

Eine Schwierigkeit in den Vereinigten Staaten ist auch der Mutterschutz. US-Präsident Barack Obama, der sich Sorgen macht, weil immer mehr Menschen arm sind in seinem Land, hat das Thema neulich in seiner wichtigen Rede zur Lage der Nation angesprochen. „Eine Volkswirtschaft im Interesse der Mittelklasse bedeutet, dass man Familien helfen muss, sich in einer Welt des ständigen Wandels sicherer zu fühlen“, sagte er. „Das bedeutet, dass man den Leuten helfen muss, dass sie sich Kinderbetreuung, College, Krankenversicherung, ein Eigenheim und Altersvorsorge leisten können.“

Ältere Mitarbeiter dürfen mehr Urlaub bekommen
Das Landesarbeitsgericht Rheinland-Pfalz hat geurteilt, dass ältere Mitarbeiter durchaus mehr Jahresurlaub bekommen dürfen, als ihre jüngeren Kollegen. Im konkreten Fall ging es um einen 58-Jährigen, der zwei Tage mehr Urlaub als seine Kollegen unter dieser Altersgrenze bekam. Einer der jungen Kollegen fühlte sich benachteiligt und klagte - ohne Erfolg. Der Mehrurlaub solle sicherstellen, dass ältere Arbeitnehmer erwerbsfähig bleiben, heißt es in der Urteilsbegründung. Die Verlängerung des Jahresurlaubs sei ein bewährtes Mittel zum Schutz der Beschäftigung älterer Arbeitnehmer, erläuterte das Gericht. Quelle: dpa
Einen ganzen Sommer auf Mallorca, was wäre das schön. Eine Umfrage des Job-Portals Monster und dem Meinungsforschungsinstitut YouGov zeigt: Die Mehrheit der Deutschen hält durchschnittlich 30 bezahlte Urlaubstage im Jahr für zu wenig. Besonders junge Arbeitnehmer befinden die Zahl der freien Tage für zu niedrig. 75 Prozent der 18- bis 34-Jährigen fordert mehr Urlaub. Dabei ist Deutschland bei der Zahl der Urlaubstage schon ganz vorne dabei im Vergleich zu anderen europäischen Ländern. Ein Überblick: Quelle: dpa
Auch in Dänemark gibt es im Schnitt 30 Tage Urlaub. Quelle der Zahlen: Statista.com Quelle: dpa
Ein Reisender geht an einem Plakat des Komitees "Ferieninitiative-nein" vorbei Quelle: dpa
In Italien gibt es im Durchschnitt 28 Tage bezahlten Urlaub. Quelle: dpa
A woman identified as "Frau Antje" is dressed in traditional Dutch costume selling tulips, the traditional flower of Holland, in front of the Nieuwe Kerk, New Church, in the center of Amsterdam Quelle: AP
Prähistorische Grabstätte - der rund 5000 Jahre alte Poulnabrone Dolmen in Irland Quelle: gms

Ein besonderes Anliegen ist ihm die Unterstützung von Familien. „Wir sind heute das einzige entwickelte Land der Welt, das keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall oder bezahlte Elternzeit hat.” Es stimmt: Zwar haben Eltern nach dem Family Medical Leave Act das Recht, zwölf Wochen um die Geburt herum zu Hause zu bleiben. Das Gesetz garantiert aber nur, dass sie ihren Job behalten können, nicht auch ein Gehalt während dieser Zeit. Der Staat gibt keinen Dollar. Laut der UN-Behörde International Labor Organization geht es Müttern und Vätern nur in einem anderen Land in etwa genauso schlecht: Papua-Neuguinea. Und so kehren viele amerikanische Mütter gleich nach der Geburt wieder zur Arbeit zurück – besonders in ärmeren Familien.

Der Volkswirtschaft insgesamt bringt der amerikanische Fleiß nichts. Etliche Untersuchungen, zum Beispiel jüngst eine der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young, haben ergeben, dass Menschen besser und produktiver arbeiten, wenn sie erholter sind. Laut einer Analyse der Weltgesundheitsorganisation aus dem Jahr 2012 kostet Stress am Arbeitsplatz amerikanische Unternehmen pro Jahr 300 Milliarden Dollar. Inzwischen gibt es mehr und mehr Unternehmen, die es ihren Mitarbeitern freistellen, so viel bezahlten Urlaub zu nehmen wie sie wollen, zum Beispiel der Streamingdienst Netflix, der Spielekonzern Zynga, das Rabattportal Groupon und die Virgin Group des Milliardärs Richard Branson, zu der zum Beispiel eine Fluggesellschaft gehört. Noch ist das aber nur ein Experiment für wenige Privilegierte.

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Das Ganze ist auch ein Problem für das Volksglück. Eine Gallup-Studie hat kürzlich ergeben, dass es für die Lebenszufriedenheit wichtiger ist, mehr Urlaub zu nehmen, als mehr Geld zu verdienen. Der Unterschied ist extrem: Wer nur 24.000 Dollar Jahresgehalt hat, aber regelmäßig Urlaub nimmt, ist glücklicher als derjenige, der mehr als 120.000 Dollar verdient, aber keine Ferien hat. Besonders glücklich können Menschen wie de Blasio sein. Sie verdienen mehr als 120.000 Dollar, können Urlaub nehmen – müssen aber den Neid der Mitmenschen ertragen.

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