Sicherheitsschulungen: Richtig was gelernt!

Einer meiner Freunde weiß jetzt, dass er die Schreibtischschublade in seinem Büro nicht offen stehen lassen sollte, wenn er nicht darüber stolpern will. Er hat das in einer Sicherheitsschulung gelernt, für die er jedes Jahr allerlei Videos und Comics anschauen und anschließend diverse Fragen dazu beantworten muss. Wobei: Er hat das gar nicht gelernt. Er hat es sich nur mal wieder erklären lassen müssen. Gewusst hat er das mit der Schublade bereits, bevor er die allererste Sicherheitsschulung überhaupt absolviert hatte.
Und so stöhnen in dem Unternehmen, in dem er arbeitet, nicht nur mein Freund, sondern auch viele seiner Kolleginnen und Kollegen über diese dämliche Schulung. Weil ihr Zweck allein darin besteht, dass ihr Arbeitgeber einen Haken hinter seine Fürsorgepflicht setzen kann. Für mehr Sicherheit im Büro zu sorgen: Diesen Zweck täuscht der Arbeitgeber mittels Onlinekurs nur vor. Mich erinnert das an meine Schulzeit. Dass wir nicht für unsere Abi-Note, sondern fürs Leben lernen, betonten damals ausgerechnet die Lehrer, die uns die Relevanz ihres Stoffs partout nicht vermitteln konnten.
Zu dem Stoff, den mein Freund nun jedes Jahr aufs Neue über sich ergehen lassen muss, gehören übrigens nicht nur Banalitäten wie die Warnung vor der Schublade, sondern auch völlig irrelevantes Zeugs wie die chemische Zusammensetzung des Schaums eines Feuerlöschers. Ich weiß nicht, wie’s Ihnen geht. Aber mir wäre im Fall der Fälle lieber, dass sich ein Kollege auf die korrekte Bedienung eines solchen Geräts versteht als auf das darin steckende Formelwerk.
Vor ein paar Monaten hat die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY in den USA Dutzende Mitarbeiter entlassen, weil sie bei der beruflichen Weiterbildung geschummelt haben sollen: Sie hatten sich auf mehreren Bildschirmen parallel in Onlinekurse eingewählt – vermutlich, um das vom Unternehmen vorgegebene Soll schneller zu erreichen. Mein Freund und viele in seinem Team können diese Herangehensweise inzwischen gut verstehen.
Und sie haben ihrerseits Wege aus dem Schlamassel gefunden. Einer, Typ Entrepreneur, hat aus dem Painpoint bereits ein Business gemacht: Er bietet die Antworten der Multiple-Choice-Tests, die es zum Ende der Schulung zu geben gilt, jedem an, der ihn auf einen Kaffee einlädt. Und eine Kollegin, Typ Führungskraft, hat ihren Teenagersohn für Videos und Tests eingespannt. Dafür hat sie sogar sein Taschengeld erhöht. Sage also niemand, es habe bei der Sicherheitsschulung keiner was gelernt!
Lesen Sie auch: Auf so viel Einkommen würden Menschen fürs Homeoffice verzichten