Bericht der Allbright-Stiftung: Einstellungsstopp für Thomas

SAP-Vorstand Christian Klein (links) und Deutsche-Bank-Vorsitzender Christian Sewing sind nur zwei von vielen Christians in deutschen Chefsesseln.
Foto: imago imagesEs war der Running Gag in jedem Gespräch zur Gleichberechtigung. Wenn auch eine traurige Wahrheit dahinter steckt: Wussten Sie, dass in den deutschen Vorständen mehr Menschen mit dem Vornamen Thomas sitzen als solche mit einem Uterus?
Insofern ist das, was die Allbright-Stiftung nun herausgefunden hat, natürlich eine gute Nachricht. Gerade in so schweren Zeiten wie diesen, in denen die Konjunktur lahmt und selbst Deutschlands Vorzeigekonzern VW Leute rausschmeißt. Erstmals ist unter den Menschen, die in den vergangenen zwölf Monaten in den Vorstand eines der 160 börsennotierten Unternehmen geholt wurden, kein einziger Thomas. So steht es im aktuellen Bericht der Stiftung, die sich für mehr Vielfalt in Führungspositionen einsetzt.
Juhuuuu, denkt frau sich da.
Endlich geht es aufwärts mit der Gleichberechtigung! Und dann bestimmt auch bald wieder mit der Konjunktur!
Der durchschnittliche CEO? Männlich, Mitte 50, deutsch!
Lassen Sie mich eines klarstellen: Bei der WirtschaftsWoche hat niemand etwas gegen Thomasse. Wir haben sogar zwei bei uns in der Redaktion. Sie sind beide ausgesprochen fleißig und freundlich.
Das Problem der vielen Thomasse in den deutschen Vorstandsetagen ist ein strukturelles: Die allermeisten Chefs und Chefinnen fördern vor allem solche Menschen, die ihnen ähnlich sind. Auch das unterlegt die Allbright-Stiftung in ihrem aktuellen Bericht mit Zahlen: Wer hierzulande in einem Vorstand sitzt, ist tendenziell männlich (zu 80 Prozent), deutsch (zu 75 Prozent), wurde 1970 geboren – und hat ein Wirtschaftsstudium absolviert (zu 51 Prozent).
Und raten Sie mal, wer neu eingestellt wurde! Genau. Wer tendenziell männlich (zu 68 Prozent) und deutsch (zu 70 Prozent) ist, 1972 geboren wurde – und ein Wirtschaftsstudium absolviert hat (zu 52 Prozent).
Der Fortschritt ist eine Schnecke.
Gerade in der Autoindustrie übrigens sind Frauen an der Spitze eine Seltenheit. Ausgerechnet in jener Branche also, die gerade beispielhaft vorführt, was passiert, wenn man die Zukunft verpennt. Weil man eben nur die Vergangenheit fortschreibt. Sei’s im Recruiting, sei’s bei der Erschließung von Absatzmärkten oder der Entwicklung alternativer Antriebe. Kann natürlich ein dummer Zufall sein.
Insofern ist es also eine gute Nachricht, dass keine neuen Thomasse in die Vorstände gerückt sind.
Aber Sie ahnen es vielleicht: Es gibt auch einige schlechte Nachrichten, die in dem aktuellen Bericht der Allbright-Stiftung stecken. Es wurden nämlich mehrere Stefans, Markusse und Martins für die Führungsetagen der deutschen Wirtschaft rekrutiert. Und vor allem: Christians. Bei all dem Gezeter um Thomas ist untergegangen, dass Christian die Macht übernommen hat. Dieser Name dominiert in den Chefetagen der börsennotierten Unternehmen schon im dritten Jahr in Folge: Es gibt deutlich mehr Vorstandsvorsitzende, die so heißen (zehn) als Frauen insgesamt (sieben). Drei davon sind sogar im Dax: an der Spitze von Brenntag, der Deutschen Bank und SAP.
Und so hinkt Deutschland in Sachen Gleichberechtigung eben weiter hinter so vielen anderen Ländern hinterher. Hinter Ländern, in denen kein Ehegattensplitting den steuerlichen Anreiz setzt, als Frau zu Hause zu bleiben. Sondern gut ausgestattete Kitas und Ganztagsschulen eher die Möglichkeit bieten, sich im Job voll einzubringen. Länder, in denen Unternehmen Rechenschaft darüber ablegen, wie es um die Vielfalt bei ihnen steht – und sie sich selbst ambitionierte Ziele gesetzt haben, weil sie den Wert erkannt haben, der darin steckt.
Und dann auch noch Oliver!
Gut, der Chef des aktuell größten Problemfalls in der Autoindustrie heißt eh nicht Thomas. Auch nicht Christian, sondern Oliver. Aber wissen Sie was? Wir bei der WirtschaftsWoche haben auch noch mal nachgezählt: Selbst von denen gibt’s drei an der Spitze eines Dax-Konzerns: Oliver Bäte, Oliver Blume und Oliver Zipse. Drei! Genauso viele wie Frauen auf dem Chefposten eines Dax-Konzerns: Belén Garijo bei Merck, Bettina Orlopp bei der Commerzbank, Karin Rådström bei Daimler Truck.
Noch so ein Running Gag in jedem Gespräch zur Gleichberechtigung: In der Krise müssen ja dann doch meist die Frauen ran, weil’s den Herren da oben zu ungemütlich ist. Vielleicht also, nur vielleicht, sind ja die Krisenzeiten zumindest eine gute Nachricht für alle Frauen mit Ambitionen.
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