Berühmte letzte Worte: Der Krebs als Lebenscoach
Ein perfektes Anschreiben ist gar nicht so einfach
Foto: FotoliaDie globalisierte Arbeitswelt, die internationalen Verflechtungen der Konzerne, der Konkurrenzdruck: All das zusammen erhöht die Anforderungen an die Beschäftigten. Ihre Arbeitstage werden immer länger, auch an den Wochenenden sitzen sie im Büro oder zu Hause am Schreibtisch, überrollt von einer Lawine von E-Mails. In dieser Tretmühle sind viele dann ausgelaugt, überfordert, verzweifelt, kraftlos. Der Akku ist - salopp gesprochen - leer.
Foto: FotoliaDie Arbeitsbelastung führe zudem auch immer öfter zu Krankheiten, heißt es weiter. Klagten 2006 noch 43 Prozent über Rückenschmerzen waren es im vergangenen Jahr bereits 47 Prozent. Während 2006 nur 30 Prozent unter stressbedingten Kopfschmerzen litten, waren es 2012 bereits 35 Prozent. Die Anzahl der von nächtlichen Schlafstörungen geplagten Arbeitnehmern stieg von 20 auf 27 Prozent.
Foto: FotoliaAm häufigsten belastet fühlen sich die Beschäftigten - 58 Prozent - nach dem neuen "Stressreport Deutschland 2012" der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) durch Multitasking, also das Sich-Kümmern-Müssen um mehrere Aufgaben gleichzeitig.
Foto: FotoliaJeder zweite der rund 18000 Befragten (52 Prozent) arbeitet unter starkem Termin- und Leistungsdruck. Laut BAuA hat sich der Anteil der von diesen Stressfaktoren betroffenen Beschäftigten auf dem relativ hohen Niveau des vergangenen Jahrzehnts stabilisiert. Jeder vierte (26 Prozent) lässt sogar die nötigen Ruhepausen ausfallen, weil er zu viel zu tun hat oder die Mittagspause schlicht nicht in den Arbeitsablauf passt.
Foto: FotoliaImmerhin 43 Prozent klagen aber über wachsenden Stress innerhalb der vergangenen zwei Jahre. Außerdem wird fast jeder Zweite (44 Prozent) bei der Arbeit etwa durch Telefonate und E-Mails unterbrochen, was den Stress noch erhöht.
Foto: FotoliaInsgesamt 64 Prozent der Deutschen arbeiten auch samstags, 38 Prozent an Sonn- und Feiertagen. So kommt rund die Hälfte der Vollzeitbeschäftigten auf mehr als 40 Arbeitsstunden pro Woche, rund ein Sechstel arbeitet sogar mehr als 48 Stunden. Und das ist nicht gesund: Seit Längerem weisen Wissenschaftler auf einen Zusammenhang zwischen langen Arbeitszeiten, psychischer Belastung und gesundheitlichen Beschwerden hin: Je mehr Wochenarbeitsstunden, desto anfälliger. Bei Menschen, die 48 Stunden und mehr pro Woche arbeiten, ist die Gefahr für physische und psychische Erkrankungen am höchsten.
Foto: FotoliaNeben der Dauer spielt auch der Schichtplan eine Rolle für die Gesundheit der Angestellten: Studien zeigen, dass Arbeitszeitformen mit "atypischer" Lage - also Nacht- und Schichtarbeit - in Zusammenhang mit psychischer Belastung und gesundheitlichen Beeinträchtigungen stehen. Je länger jemand in Schicht- und Nachtarbeit tätig ist, desto eher können Störungen des vegetativen Nervensystems, Schlaf- und Leistungsstörungen, Magen- und Darmprobleme sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen auftreten.
Foto: FotoliaDarüber hinaus haben lange Arbeitstage und Schichtdienste natürlich auch Einfluss auf das Privatleben: So geben 40 Prozent der Befragten an, arbeitsbedingt nur selten oder nie Rücksicht auf familiäre oder private Interessen nehmen können. Auch das ist auf Dauer nicht gesundheitsfördernd.
Foto: FotoliaWagen wir ein Gedankenspiel, das ich gerade am eigenen Körper erlebte: Sie haben Krebs. Der Tod steht sozusagen vor der Tür. Ihnen bleiben keine sechs Monate, um mit sich, Ihrem Leben, Ihren Lieben und Ihrem Job ins Reine zu kommen. Lauschen wir an dieser Stelle der Lektion des Krebses.
Sie haben vielleicht nur einen durchschnittlichen Job mit durchschnittlichem Gehalt. Niemals jedoch würden Sie sich fragen, ob das schon alles war. Das können Sie ja in der Midlife-Crisis immer noch nachholen. Oder auf dem Sterbebett. Ihnen geht's doch bestens.
Zwar tragen Sie nicht so richtig zum Erfolg des Unternehmens bei, und so richtig erfolgreich ist dieses Unternehmen ohnehin nicht mehr. Aber, hey, es läuft, irgendwie.
Plötzlich aber bleiben Ihnen wegen der Krebserkrankung nur noch wenige Monate. Und dann fragen Sie sich: Soll das bereits alles gewesen sein? Ein Job, der Sie nicht fordert. Ein Leben, das Sie nicht fasziniert? Ein ewiger, langweiliger Lauf in diesem Hamsterrad? Welches Vermächtnis hinterlassen Sie der Welt, Ihren Liebsten? Wird man Sie vermissen? Und wenn ja, warum?
Verdammt, denken Sie, anscheinend machen Sie nichts richtig. Jetzt, im Angesicht des Krebses, erscheint Ihnen alles in einem anderen Licht: Prioritäten verschieben sich, Sie zweifeln an Ihrem Lebenswandel, gar am Sinn des gesamten Lebens. Sie stellen alles infrage.
Montagsblues
Besonders montags fällt es uns schwer, etwas positives am Arbeiten zu finden. Laut einer amerikanischen Studie dauert es im Durchschnitt zwei Stunden und 16 Minuten, bis wir wieder im Arbeitsalltag angekommen sind. Bei Menschen ab dem 45. Lebensjahr dauert es sogar noch zwölf Minuten länger. Doch es gibt nicht nur den Montagsblues: Manche Berufsgruppen laufen besonders stark Gefahr, an einer echten Depression zu erkranken. Allein in Deutschland haben nach Expertenschätzungen rund vier Millionen Menschen eine Depression, die behandelt werden müsste. Doch nur 20 bis 25 Prozent der Betroffenen erhielten eine ausreichende Therapie, sagte Detlef Dietrich, Koordinator des Europäischen Depressionstages.
Foto: dpaJournalisten und Autoren
Die Studie der medizinischen Universität von Cincinnati beinhaltet Daten von etwa 215.000 erwerbstätigen Erwachsenen im US-Bundesstaat Pennsylvania. Die Forscher um den Psychiater Lawson Wulsin interessierte vor allem, in welchen Jobs Depressionen überdurchschnittlich oft auftreten und welche Arbeitskriterien dafür verantwortlich sind. Den Anfang der Top-10-Depressions-Jobs macht die Branche der Journalisten, Autoren und Verleger. Laut der Studie sollen hier etwa 12,4 Prozent der Berufstätigen mit Depressionen zu kämpfen haben.
Foto: dpaHändler
Der Begriff „Depression“ ist in der Studie klar definiert. Als depressiv zählt, wer mindestens zwei Mal während des Untersuchungszeitraums (2001 bis 2005) krankheitsspezifische, medizinische Hilferufe aufgrund von „größeren depressiven Störungen“ gebraucht hat. Händler aller Art, sowohl für Waren- als auch für Wertpapiere, gelten demnach ebenfalls als überdurchschnittlich depressiv. Platz neun: 12,6 Prozent.
Foto: dpaParteien, Vereine & Co.
Neben den Hilferufen nach medizinischer Fürsorge flossen noch andere Daten in die Studie ein. Die Forscher beachteten außerdem Informationen wie Alter, Geschlecht, persönliche Gesundheitsvorsorge-Kosten oder körperliche Anstrengung bei der Arbeit. Angestellte in „Membership Organisations“, also beispielsweise politischen Parteien, Gewerkschaften oder Vereinen, belegen mit über 13 Prozent den achten Platz im Stress-Ranking.
Foto: WirtschaftsWocheUmweltschutz
Der Kampf für die Umwelt und gegen Lärm, Verschmutzung und Urbanisierung ist oft nicht nur frustrierend, sondern auch stressig. Knapp 13,2 Prozent der beschäftigten Erwachsenen in dem Sektor gelten laut den Kriterien der Forscher als depressiv. In den USA betrifft das vor allem Beamte, denn die Hauptakteure im Umweltschutz sind staatliche Organisationen und Kommissionen.
Foto: APJuristen
Als mindestens genauso gefährdet gelten Juristen. Von insgesamt 55 untersuchten Gewerben belegten Anwälte und Rechtsberater den sechsten Platz im Top-Stress-Ranking: Rund 13,3 Prozent der Juristen in Pennsylvania gelten für die Forscher der medizinischen Universität Cincinnati depressiv.
Foto: dpaPersonaldienstleister
Auf Rang fünf liegen Mitarbeiter im Dienstleistungsbereich. Deren „Ressource“ ist der Mensch – und der ist anfällig: Denn der „Personal Service“ in Pennsylvania hat nach Lawson Wulsin und Co. eine Depressionsrate von knapp über 14 Prozent. Und nicht nur Kopf und Psyche sind von der Krankheit betroffen, sondern offenbar auch der Körper: Schon seit Jahren forscht Wulsin auf diesem Gebiet und geht von einer engen Verbindung von Depression und Herzkrankheiten aus. Gefährdeter als Menschen aus dem Dienstleistungsbereich sind nur vier andere Jobgruppen.
Foto: WirtschaftsWocheProduktion und verarbeitende Industrie
Eine Ausnahme im Top-10-Ranking stellen Teile der verarbeitenden und produzierenden Industrie dar. Denn aus den Ergebnissen der Forscher ergibt sich eigentlich ein klarer Trend: Berufe, die sich auf die Interaktionen von Menschen konzentrieren, sind stressiger als andere. Im Klartext: Kunden, Patienten und Mitmenschen sind der Stressfaktor Nummer Eins. Dass Depressionen aber auch in anderen Berufsgruppen um sich greifen, beweist die verarbeitende und produzierende Industrie – mit deutlich mehr als 14 Prozent.
Foto: dpaSoziale Arbeit
Ohne den Kontakt von Mensch zu Mensch wäre die Arbeit im „Social Service“ nicht möglich. Sozialarbeiter, Sonderpädagogen, Streetworker und viele andere kümmern sich um benachteiligte und hilfsbedürftige Gruppen der Gesellschaft. Ein Job, der sich selten nach geregelten Arbeitszeiten richtet oder eine entspannte Atmosphäre verspricht. Dabei nehmen die Beschäftigten auch eigene Gefahren in Kauf: Die amerikanische Studie schätzt die Depressionsgefahr bei ihnen auf etwa 14,2 Prozent. Das ist fast jeder siebte Angestellte.
Foto: dpa/dpawebImmobilienmakler
Mieten, kaufen, wohnen. Für den Forscher und Psychiater Lawson Wulsin liegen die Gefahrengründe für Immobilienmakler auf der Hand: „Real Estate Broker“ bewegen zwar Grundstücke, Häuser und große Summen – aber viel zu selten sich selber. Und das ist Teil des Problems, denn die Forscher erkennen einen Zusammenhang von körperlicher Arbeit und der Depressionsstatistik: Berufstätige, die sich physisch stark anstrengen, wie Minenarbeiter oder Bauarbeiter, sind deutlich weniger depressionsgefährdet als andere. Als Immobilienmakler zum Beispiel, bei denen laut Studie rund 15 Prozent als depressiv gelten.
Foto: WirtschaftsWocheNah- und Fernverkehr
Entnervte Kunden, wenig Bewegung, 16,2 Prozent: Angestellte im Nah- und Fernverkehr brauchen besonders starke Nerven, denn der Kontakt mit entnervten Fahrgästen katapultiert die Reisebegleiter auf Platz Eins des Stress-Rankings. Damit liegt ihre Depressionsgefahr 5,8 Prozentpunkte über dem Durchschnitt der von untersuchten Gewerben (10,4 Prozent). Im Gegensatz zu den am wenigsten stressigen Berufen wird der Unterschied sogar noch deutlicher: Beschäftige in der Öl- und Kohleförderung, auf dem Bau oder auch in der Unterhaltungsindustrie sind nicht einmal halb so gefährdet wie Reisebegleiter.
Foto: dpaLehrer
Lehrer-Sein gilt für viele als Traumberuf. Ferien, freie Nachmittage und Beamtenstatus - wer wird sich da noch beschweren? Die Vorurteile über diese Berufsgruppe häufen sich. Dabei belegen Studien, dass Lehrer-Sein nicht so einfach ist, wie es für viele scheint. Zwischen 2010 und 2014 stieg die Zahl der Krankmeldungen durch Burnout um das Neunfache. Auffällig oft sind die Betroffenen Lehrer.
Dass Lehrer trotz vermeintlichem Traumjob so oft an ihre Belastungsgrenzen stoßen, liegt auch an den überdurchschnittlich hohen Arbeitszeiten von über 50 Stunden pro Woche. Nur ein kleiner Teil der Arbeit findet in der Schule statt, zuhause müssen eine Menge Vorbereitungen getroffen werden.
Foto: dpaManager und Führungskräfte
Schlafstörungen, wenig Energie, Appetitlosigkeit und Desinteresse sowie Konzentrationsprobleme: Vier Prozent der deutschen Manager zeigten Merkmale einer ausgeprägten depressiven Störung, weitere 13 Prozent haben leichte Depressionen. In der Allgemeinbevölkerung liegen die Anteile mit zwei und drei Prozent deutlich darunter. Das ist das Ergebnis der Befragung „Psychische Gesundheit von Manager/innen“ von Andreas Zimber und Stephan Hentrich von der SRH Hochschule Heidelberg, der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) und der United Leaders‘ Association (ULA). Sie haben 282 Führungskräfte online zu depressiven Symptomen und deren Belastungen im Job befragt. Die Forscher fanden außerdem heraus: Je mehr sich jemand beruflich verausgabt, desto größer die Niedergeschlagenheit.
Foto: dpa Picture-AllianceAssistenzärzte
Fertig mit dem Medizinstudium müssen sich junge Ärzte erst einmal spezialisieren: Während ihrer mehrjährigen Ausbildung als Assistenzarzt in einer Klinik oder einer Praxis geht die Ausbildung eigentlich erst los. Das heißt: viel Arbeit, wenig Schlaf und die unterste Hierarchiestufe. Das schlägt sich auf die Seele nieder, wie Forscher von der Harvard University herausgefunden haben. Extrem lange Arbeitszeiten, hohe Verantwortung und geringe Anerkennung sorgen bei 28,8 Prozent der Jungärzte für Depressionen, heißt es in dem im "Journal of the American medical association" veröffentlichten Artikel. In den letzten Jahren sei die Rate noch gestiegen.
Foto: dpaUnd genau hier setzt der Krebs als eine beispielhafte Grenzerfahrung an, die Sie nachdenklich stimmt. Wenn Sie im Tagesgeschäft zuviel zu tun haben, die Kollegen Sie nicht verstehen, das Unternehmen weniger Sinn stiftet als gedacht - dann läuft etwas grundlegend falsch. Dann wird es Zeit, etwas zu ändern. Nämlich sich selbst!
Dazu stellt uns der Krebs als ultimativer Coach die alles entscheidende Frage: "Wie kannst Du in Deinem Leben, wie können Dein Team, Dein Unternehmen einen Unterschied machen, Wert(e) kreieren, von Herzen vermisst werden?"
Und meine Antworten an das Management lauten: Setzen Sie Prioritäten, um produktiver zu werden. Denken Sie positiver, um gesünder zu bleiben. Und schaffen Sie relevante, zukunftsfähige Unternehmen.
1. Prioritäten setzen
Von den Besten zu lernen war schon immer der effektivste Weg, über sich hinauszuwachsen: Steve Jobs empfiehlt, sich täglich zu fragen: "Wäre dies der letzte Tag meines Lebens, würde ich tun wollen, was ich heute tun muss?" Ein Nein an zu vielen aufeinanderfolgenden Tagen spräche für eine Veränderung. Warren Buffett empfiehlt eine Liste mit fünf Prioritäten für die nächsten (fünf) Jahre. Alles weitere würde nur ablenken.
Die Ratschläge klingen seltsam? Aber wie lange steht man im Bad, in der Warteschlange, im Stau? Wie lange sitzt man vor einem Bildschirm oder lässt sich sonstwie ablenken? Erfolg ist konsequente Kompromisslosigkeit.
2. Positiv denken
Wenn ich einen einzigen Grund nennen müsste, warum ich vergleichsweise erfolgreich und unbeschadet durch meine Krebstherapie ging, ist das eindeutig mein ungebrochener Optimismus - gerade an den schwersten Tagen.
3. Relevanz schaffen
Sinn ergab schon immer mehr Sinn als Unsinn. Das Magazin "FastCompany" beschreibt den aktuellen Wandel des Kapitalismus zu mehr Sinnhaftigkeit und Nachhaltigkeit als "bedeutendste Bewegung unserer Zeit". Demnach verstehen kluge Unternehmen, dass Relevanz und Profitabilität Hand in Hand gehen.
Spätestens der Krebs als Management-Coach hält uns den Spiegel vor. Er ist Gnade, Katharsis und Chance - ob wir das wahrhaben wollen oder nicht. Er lässt uns innehalten, unser Leben zu ändern und ihm Richtung, Ziel und Sinn zu geben. Wir sollten diese Chance nutzen - und zwar bestenfalls schon vorher.
Wir sollten schon heute an unseren Prioritäten, unserem positiven Denken, unserer Relevanz für andere und uns selbst arbeiten. Lernen wir die Lektion, die uns der Krebs mit auf den Lebensweg geben kann: Wachsen wir über uns hinaus. Für uns selbst und unsere Zukunft, für unser Umfeld und unsere Umwelt. Ehe es zu spät ist.
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