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Der Rat der Weisen Fortschritts-Verweigerer: Wie gehen Chefs am besten mit ihnen um?

Quelle: PR

Fortschrittsverweigerer können die Nerven von Führungskräften bis aufs Äußerste strapazieren. Warum sie ihnen dennoch nicht mit harten Bandagen wie einem Rausschmiss begegnen sollten, erläutert Coach Johannes Lober.

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In fast jeder Abteilung gibt es sie. Diejenigen, die noch ein wenig zu sehr an der „guten alten Zeit“ hängen, die sich gegenüber neuen Ideen und Prozessen sträuben. Für Führungskräfte und Kollegen kann es ermüdend sein, diese Fortschrittsverweigerer immer wieder vom Gegenteil zu überzeugen. Gerade, wenn ein Unternehmen oder eine Abteilung zukunftsfähig aufgestellt werden soll. Was ist dann der richtige Weg? Oder, wie es ein Leser formulierte: „Wie gehe ich mit Fortschrittsverweigerern um?“

Antwort: „Nach außen nichts, nach innen alles zulassen.“ So lautete die Antwort des CEOs eines Dax-Konzerns auf die Frage, was seine persönliche Haltung im Umgang mit Bremsern, Nein-Sagern und Fortschrittsverweigerern im Transformationsprozess des Unternehmens sei. Falls Sie sich über diese Antwort wundern, befinden Sie sich in guter Gesellschaft. Auch die meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Führungskräfte-Workshops, den ich damals begleitet habe, waren überrascht. Was sie da vom CEO hörten, passte weder zum Klischee des Technical Evangelist in Sportsakko und Rollkragenpulli, der mit pathetischen Auftritten selbst die behäbigsten Mitarbeiter zu feurigen Missionaren seiner Zukunftsvision macht. Noch passte es zum Zerrbild des knallharten Silberrückens im Dreiteiler, der „seinen Konzern“ und nicht zuletzt sich selbst mit stahlhartem Willen durch die Transformation treibt.

Daher gleich vorweg: „Nach außen nichts, nach innen alles zulassen“ verweist auf eine Haltung, die aus dem Rahmen der aktuell vorherrschenden Leadership-Rhetorik fällt. Sie ist spannungsreich und sie ist anspruchsvoll. Und genau deswegen bin ich überzeugt, dass sie hilfreich für Menschen ist, die sich in den Dienst einer Sache stellen und echten Fortschritt bewirken wollen – allen Widerständen zum Trotz.

Lange bevor die Transformation von Dax-Konzernen ein Thema war, hat der römische Kaiser und Philosoph Marc Aurel diese Haltung in Aufzeichnungen, die später unter dem Titel „Selbstbetrachtungen“ berühmt wurden, beschrieben. Die „Selbstbetrachtungen“ entstanden im Feldlager an der damals stark gefährdeten Nordgrenze des römischen Reichs. Marc Aurel befehligte tausende Soldaten in einem Krieg, den er mit großer Härte und viel Blut führte. Es liegt nahe, in seinen Schriften flammende Reden zur Stärkung des Kampfgeists seiner Soldaten oder die Glorifizierung der eigenen Heldentaten zu vermuten. Doch weit gefehlt. Wer die „Selbstbetrachtungen“ liest, dem begegnet ein empfindsamer, vielschichtiger und beeindruckend reflektierter Mensch. Ein Mensch, der immer wieder mit den äußeren Umständen, vor allem aber mit sich selbst ringt. Ein Mensch, der größte Anstrengungen unternimmt, das eigene Ego klein zu halten, um den Blick für das Wesentliche nicht zu verlieren.

Heute, gut 1800 Jahre nach Marc Aurel, dürften Führungskräfte in den meisten Unternehmen kaum noch mit wilden Horden von Germanen zu kämpfen haben. Die Herausforderungen sind völlig andere, aber ebenso überlebenswichtig für den Fortbestand des Unternehmens. Denn in den heutigen Management-Begriffen wie „Digitalisierung“, „Disruption“ oder „Agilität“ schwingt immer ein und derselbe Leadership-Imperativ mit: „Führe so, dass die Organisation, für die Du tätig bist, zukunftsfähig bleibt.“ In den Worten von Management-Denker Peter Drucker: „Innovate or die.“ Das sollten Sie sich immer vor Augen führen, wenn Sie es als Führungskraft mit Fortschrittsverweigerern zu tun haben. Was von Ihnen als Führungskraft vor allem gefordert ist, ist konsequenter Einsatz für Zukunftsfähigkeit – zur Not auch mit harten Bandagen, bis hin zur Entlassung eines Fortschrittsverweigerers. Nach außen nichts zulassen. So weit, so klar.

Nun aber zur Innenseite: Wie sieht es in Ihnen aus, wenn Sie an den Fortschrittsverweigerer denken? Mit hoher Wahrscheinlichkeit werden Sie auf äußerst lebendige Erinnerungen stoßen, in denen diese Person mal wieder mit aufgesetzt sorgenvoller Miene irgendwelche Bedenken angemeldet, längst überfällige Schritte einfach ausgesessen oder via Flurfunk an Ihnen und Ihren Zielen herumgestänkert hat. Kurz: Ihnen kommt die Galle hoch, wenn Sie nur daran denken. Und da ist er, der innige Wunsch, mit harten Bandagen gegen diese Person vorzugehen. Am besten rausschmeißen!

Wahrscheinlich beginnen Sie nun zu ahnen, warum gerade der Part „nach innen alles zulassen“ sehr anspruchsvoll sein kann. Sie wollen doch nicht etwa Ihren Fortschrittsverweigerer nur deswegen loshaben, weil Sie sich selbst und Ihre Emotionen nicht mehr aushalten? Als Führungskraft hätten Sie vielleicht sogar die Macht dazu, ihn vor die Tür zu setzen. Aber finden Sie es auch der Sache nach richtig, das zu tun? Welche Botschaft senden Sie damit an Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter? Werden sie Ihnen gegenüber in Zukunft Bedenken und Zweifel noch offen ansprechen? Was bedeutet das für die Kultur, den Nährboden für Innovation, den Sie als Führungskraft maßgeblich schaffen? Leadership in Transformationsprozessen heißt ganz wesentlich, zuzulassen, dass sich die Spannungen, die Komplexität und Ambivalenzen der Sache, um die es geht, auch in unserem Innenleben widerspiegeln.

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Sind Sie also in der Lage, um der Sache willen all den Nerv, die Frustration, die Anstrengung in Ihrem Innenleben zuzulassen? Und wollen Sie sich das wirklich antun? Ja? Dann tun Sie, was Sie für richtig halten. Hart, aber herzlich!

Johannes Lober ist Geschäftsführer des Instituts für Philosophie und Leadership der von den Jesuiten getragenen Hochschule für Philosophie München. Er begleitet und berät Menschen, die obere Führungspositionen übernommen haben oder übernehmen werden. In seinen Kursen auf Schloss Elmau geht es darum, die eigene Persönlichkeit durch Selbstreflexion und Selbstwahrnehmung als Ressource für Leadership in Spitzenpositionen zu erschließen.

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Alle Folgen unserer Serie „Rat der Weisen“ finden Sie hier.

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