Kinder, Küche, Karriere #21: „Ich habe die Herausforderung durch Kind und Karriere völlig unterschätzt“
In unserer Interview-Reihe sprechen wir regelmäßig mit Berufstätigen, die Kinder haben. Sie berichten darüber, wie sie ihren Job und die Sorgearbeit miteinander vereinbaren, für welches Elternzeit- und Arbeitsmodell sie und ihr Partner sich entschieden haben und was ihnen dabei hilft, sich zu organisieren.
Isabelle ist 39 Jahre und arbeitet als Head of Governance, Legal & Compliance in einem mittelständischen Unternehmen. Ihr Mann Christoph (37) arbeitet im öffentlichen Dienst. Das Paar hat eine anderthalb Jahre alte Tochter. Die Familie lebt in einer mittelgroßen Stadt der Region Rheinhessen. Christophs Sohn aus einer vorherigen Beziehung ist zweimal pro Woche bei ihnen.
WirtschaftsWoche: Isabelle, du hattest nach der Geburt deiner Tochter und dem Mutterschutz vier Monate Elternzeit. Danach bist du wieder in den Job eingestiegen – und hast deine Entscheidung bereut. Warum?
Isabelle: Ich bin mehr in der Mutterrolle aufgegangen, als ich vermutet hatte. Ich habe immer gerne und viel gearbeitet. Auch mit Blick auf eine neue Rolle, die ich bekommen sollte, wollte ich schnell in den Job zurückkehren. Aber ich habe völlig unterschätzt, was die Geburt von so einem kleinen Menschen mit einem machen kann. Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, würde ich es komplett anders machen.
Hätte es nicht die Möglichkeit gegeben, deinem Arbeitgeber zu sagen, dass du später als geplant wiederkommen möchtest?
Jein. Mein Arbeitgeber ist sehr familienfreundlich und hätte mir sicherlich viel ermöglicht. Es war mein eigener Stolz, der mich davon abgehalten hat, zurückzurudern. Und es ging auch darum, was wir als Familie geplant hatten. Mein Mann hatte ja auch Elternzeit eingereicht. Ihm zu sagen: „Geh bitte arbeiten, ich bleibe doch zu Hause“, wäre unfair gewesen. Er hat sich ja auf die Zeit gefreut.
Dein Mann war dann ein Jahr lang zu Hause.
Genau, er hatte ab dem Zeitpunkt des Entbindungstermins unserer Tochter erst Urlaub und dann Elternzeit und war zwölf Monate lang zu Hause – vier davon parallel zu mir.
Wie ging es weiter, als die Elternzeit deines Mannes vorbei war?
Es gibt ja die zwei Partnermonate, in denen man zusätzlich Elterngeld beziehen kann, wenn beide Eltern Elterngeld beantragt haben. Vor der Geburt hatten wir überlegt, dass es Quatsch wäre, die nicht zu nehmen. Und als die Kleine ein Jahr alt war, habe ich dann sogar drei Monate Elternzeit genommen.
Und, wie lief das?
Ich habe mich riesig gefreut, bei meiner Tochter zu sein, aber wir haben eine ganze Weile gebraucht, bis wir eingespielt waren. Am Anfang dachte ich, in der Elternzeit wird alles wunderschön, und dann war es fünf, sechs Wochen erstmal richtig schlimm. Meine Tochter hat schlechter geschlafen, schlechter gegessen, mich abgelehnt. Sie hat ihren Papa vermisst – obwohl ich während seiner Elternzeit auch viel da war. Als wir dann endlich eingespielt waren, hätten wir uns eigentlich schon langsam auf meinen Wiedereinstieg in den Job einstellen müssen. Da habe ich mir ein Herz gefasst und bin auf meinen Arbeitgeber zugegangen: Ich habe gesagt, dass ich die drei Monate verlängern muss – sonst bin ich zurück bei der Arbeit, aber nur zu 30 Prozent mit dem Kopf bei der Sache. Mein Chef war in dieser Situation zum Glück sehr entgegenkommend: Hauptsache, es geht mir gut, ich komme zurück und bin glücklich mit der Situation. Also habe ich tatsächlich nochmal verlängert.
Bist du jetzt mit eurem Modell etwas versöhnt?
Absolut. Die zwei Monate waren nochmal total wichtig für die Entwicklung meiner Tochter. Die Zeit, in der wir eingespielt waren, konnten wir genießen. Das war viel wert. Und nun kann ich meinem Kind viel besser erklären, dass ich wieder arbeiten gehe. Zwar nur 20 Stunden – aber ich bin zwei Tage mehrere Stunden weg, von morgens bis nachmittags. Ich habe das Gefühl, sie versteht das viel besser, als es noch vor zwei Monaten der Fall gewesen wäre.
Dass du in Teilzeit gehst, war eigentlich so auch nicht geplant, oder?
Nein, gar nicht. Im Nachgang kam alles anders. Wir hatten uns über die fixen Stunden nicht so viele Gedanken gemacht. Klar war, dass mein Mann und ich beide einen Teil unserer Arbeitszeit reduzieren, aber von nur 20 Stunden Arbeit pro Woche war ich nie ausgegangen. Was mit meinem Chef im Raum stand, waren immer rund 30 Stunden. Aber dann habe ich im Laufe der Elternzeit gemerkt, dass 20 Stunden für mich schon eine lange Zeit sind, die ich von meiner Tochter getrennt bin. Allerdings muss ich sagen: Ich habe eine neue Rolle bekommen, die ich auch noch finden muss, und da sind 20 Stunden eigentlich zu wenig. Aber wir haben ab März nächsten Jahres einen Kitaplatz. Und je nachdem, wie flexibel mein Arbeitgeber ist, kann ich mir vorstellen, die Stunden schon vorher kontinuierlich aufzustocken und zum Beispiel abends noch etwas zu arbeiten. Das mache ich momentan auch so, wenn ich in den 20 Stunden nicht alles schaffe.
Was hat es mit deiner neuen Rolle auf sich, die du nach der Schwangerschaft bekommen hast?
Rückblickend schüttele ich wirklich mit dem Kopf, wenn ich davon erzähle (lacht). Ich habe zu der Zeit, in der ich schwanger war, häufiger Anfragen von Headhuntern bekommen. Ich war nicht wechselwillig, aber wollte gerne Führungsverantwortung. Das habe ich zum Anlass genommen, auf meinen Arbeitgeber zuzugehen und ihm zu sagen: Nur weil ich jetzt schwanger bin, mache ich in den nächsten Jahren nicht nur das Nötigste, sondern ich möchte auch in der Karriere weiterkommen. Wir besprachen die Möglichkeiten und wurden uns auch einig hinsichtlich einer neuen Stelle mit Führungsverantwortung. Es stand in Aussicht, dass ich nach meiner Rückkehr aus der Elternzeit damit anfange. Auch deshalb bin ich nicht so lange in Elternzeit gegangen und wollte nach den ersten vier Monaten nicht direkt verlängern. Auch bei der Verlängerung der zweiten Elternzeit war es für mich eine Hürde. Aber ich habe dann einfach ehrlich kommuniziert, dass ich weiß, was ich versprochen habe, es aber nicht abschätzen konnte, und dazu stehe – auch, falls das bedeutet, dass ich die Stelle nicht behalten kann. Das hätte ich verstanden und in Kauf genommen. Und jetzt habe ich Führungsverantwortung mit 20 Stunden und bin schon ein bisschen am Struggeln. Ich habe kein Riesenteam, aber es sind immerhin drei Mitarbeiter. Sie haben alle Expertenrollen, da muss ich in den Themen drin sein und mit ihnen in den Austausch gehen können.
Wie löst du das? Bist du auch außerhalb der Arbeitszeiten für dein Team erreichbar?
Ja, ich habe von Anfang an gesagt: Wenn was ist, habe ich mein Arbeitshandy bei mir. Ich habe auch vor der Elternzeit nicht nach 40 Stunden den Stift fallengelassen. Und wenn ich an meinem freien Tag in ein Meeting muss, finde ich das nicht schlimm – wenn sich das mit der Betreuung irgendwie organisieren lässt. Stressig wird es nur, wenn das nicht klappt. Ich glaube, da werde ich in diesem Jahr immer mal wieder an meine Grenzen kommen.
Wer betreut jetzt eure Tochter, während ihr euren Jobs nachgeht?
Vor der Geburt dachten wir eigentlich, unsere Tochter geht nach einem Jahr in die Kita. Sie hätte auch einen U3-Platz bekommen. Aber auch da hat sich unsere Meinung verschoben. Es war für uns einfach nicht vorstellbar. Wir haben erst überlegt, sie zu einer Tagesmutter zu bringen, aber dann haben die Omas schnell gesagt, dass sie mitbetreuen können. Allerdings wird die Kleine jetzt fast jeden Tag von jemand anderem betreut: zwei Tage von der einen Oma, einen Tag von der anderen Oma, einen Tag von ihrem Papa und einen Tag von mir. Manche sagen, das überfordere ein Kind. Aber meine Tochter liebt ihre Omas heiß und innig. Das Modell klappt richtig gut.
Habt ihr eure Mütter um Hilfe gebeten oder haben sie sich selbst angeboten?
Als ich schwanger war, haben beide noch voll gearbeitet. Meine Mutter ist inzwischen in Rente. Als wir überlegt haben, wie unsere Tochter nach der Elternzeit betreut werden soll, haben wir unsere Mütter gefragt, ob sie sich einbringen möchten. Meine Schwiegermutter hat sofort gesagt: „Ich reduziere meine Arbeitszeit.“ Das ist für uns wirklich eine sehr luxuriöse Situation.
Wieso war es für euch nicht vorstellbar, eure Tochter in die Kita zu geben?
Bei dem Gedanken, ein kleines Kind, das sich noch nicht gut artikulieren kann, in fremde Hände zu geben – auch wenn es fähiges Fachpersonal ist –, war uns einfach unwohl. Die Vorstellung, sie im familiären Umfeld betreuen zu lassen, hat uns besser gefallen.
Hat dein Mann seine Elternzeit eigentlich genossen?
Abgesehen davon, dass er sehr mitgelitten hat, als es mir nicht gut ging: Ja. Er hatte eine super Zeit. Da ich im Homeoffice gearbeitet habe, war er aber auch nie längere Zeit alleine für unsere Tochter verantwortlich. Wenn er mal duschen musste, konnte er mich einfach fragen, ob ich kurz Zeit habe, und dann hab ich meine Tochter genommen. Ich habe jetzt gemerkt, dass das eine ganz andere Sache ist, wenn man alleine ist.
Wie hast du es geschafft, dich nach deiner ersten Elternzeit wieder besser zu fühlen?
Weil ich mental unter der Situation so gelitten habe, habe ich mir nach einem Dreivierteljahr einen Coach genommen. Wenn ich bei meiner Tochter war, hatte ich ein schlechtes Gewissen, weil ich wusste, was ich abends für die Arbeit noch nachholen musste. Und wenn ich bei der Arbeit war, habe ich „mein kleines Baby“ vermisst. Das war der Horror. Beim Coach konnte ich dann einfach mal mein Leid bei jemand anderem als meinem Mann abladen. Und sie hat mir einige Strategien an die Hand gegeben. Das hat geholfen.
Habt ihr sonst noch externe Unterstützung?
Aktuell nicht, aber das ist schon etwas, worüber wir sprechen. Eine Reinigungskraft wäre zum Beispiel eine Überlegung wert. Ein befreundetes Paar, das für meine Tochter wie Tante und Onkel ist, hat sich auch schon angeboten, mal auf sie aufzupassen, wenn wir an einem Wochenende ausgehen möchten.
Haben dein Mann und du momentan auch Zeit zu zweit?
Nur abends … ansonsten nicht wirklich, seit der Geburt unserer Tochter vielleicht erst zweimal. Ich schreibe parallel noch eine Masterarbeit für ein Aufbaustudium, das ich ein Semester pausiert hatte, als unsere Tochter zur Welt kam. Darum kümmere ich mich aktuell abends, wenn die Kleine schläft.
Und habt ihr manchmal jeweils Zeit alleine?
Mein Mann schon, weil die Kleine beim Schlafengehen momentan nur die Mama akzeptiert. Er geht mittwochs zu einer Bandprobe und fährt manchmal Rad. Er verbringt natürlich auch Zeit mit seinem Sohn. Ich war vor Kurzem immerhin mal bei einer Yogasession. Arbeit ist zwar auch eine Art Ausgleich, aber früher habe ich drei- bis viermal die Woche Sport gemacht. Dass das fehlt, merke ich schon.
Hat bei der Frage nach der Länge eurer Elternzeit das Finanzielle eine Rolle gespielt?
Ja, das war ein Faktor. Wir hätten es finanziell auch geschafft, wenn wir uns andersherum aufgeteilt hätten – mit Abstrichen, weil ich einfach mehr verdiene. Es war eine Summe, da hätten wir auf Urlaube verzichten müssen. Aber auch die Tatsache, dass ich 100 Prozent Homeoffice machen kann, hat eine Rolle gespielt. Und als ich dann die Elternzeit verlängert habe, haben wir das aus Rücklagen finanziert.
Hat dein Mann seine Stelle jetzt auch reduziert?
Ja, während meiner zweiten Elternzeit hat er 100 Prozent gearbeitet und jetzt auf 27 Stunden reduziert. Wahrscheinlich erhöht er aber auf 30.
Carearbeit und Mental Load – wie habt ihr das aufgeteilt?
Haushalt, Einkaufen, Garten und Co. teilen wir uns ganz gut auf, würde ich sagen. Ich kümmere mich um Rechnungen, die Wartung des Hauses, Terminorganisation. Mein Mann kümmert sich zum Beispiel um alles rund um den Garten. Was die Kleine angeht, liegen mindestens 80 Prozent bei mir. Ich bin zum Beispiel heute Morgen aus dem Haus und habe meinem Mann gesagt, wann sie ihren Snack bekommen soll, was sie anziehen soll und wo Wechselklamotten sind. Er würde alles hinbekommen, aber ich glaube, er ist schon froh und dankbar, dass ich das manage. Ich plane in der Regel auch das Essen, gehe zu Eltern-Kind-Kursen und treffe Absprachen mit den Omas. Alles, was meine Tochter betrifft, liegt schon eher bei mir.
Stört dich das?
Manchmal schon. Erst seit ich Mutter bin, weiß ich, was der Begriff Mental Load wirklich bedeutet. Man muss sich selbst organisieren, hat die Familie und das kleine Kind. Es potenziert sich. Und am Abend sitze ich da und es fällt mir schwer, noch einen klaren Gedanken zu fassen. Es ist ein Stück weit auch meine eigene Schuld, weil ich meinen Mann mehr hätte machen lassen müssen. Das hätte er sicherlich auch getan. Ich habe es am Anfang aber an mich gerissen.
Selbst, als dein Mann in Elternzeit war?
Ja. Zu der Zeit haben wir uns noch mehr abgesprochen, aber auch da lag schon viel bei mir. Es fängt mit dem Ins-Bett-bringen an. Irgendwann habe ich gesagt, dass er ja das Fertigmachen übernehmen könnte, wenn ich schon gefühlt drei Stunden neben unserer Tochter liege und er schon Feierabend machen kann. Das haben wir jetzt geändert und ich habe wenigstens mal zehn Minuten für mich. Er sagt selbst, dass er sich im letzten halben Jahr sehr auf mich verlassen hat. Daher versuchen wir jetzt dort umzuschichten, wo es sich anbietet …
Was wünschst du dir für die Zukunft?
Wenn ich ans nächste Jahr denke, hoffe ich, dass die aktuelle Situation meiner Tochter nach wie vor gut passt. Und dass ich mit meiner Doppelrolle besser klarkomme. Ich hatte große Ängste, bevor ich wieder zur Arbeit gegangen bin. Jetzt bin ich total happy, wieder da zu sein und auch mal was anderes zu haben – so sehr ich die Zeit mit meiner Tochter auch genieße. Ein paar Stunden weg zu sein, verleiht der Zeit zu Hause eine neue Qualität. Das genieße ich sehr.
Abschließend muss ich sagen, dass ich die Herausforderung „Kind und Karriere“ völlig unterschätzt habe. Mir gefiel vor der Geburt die Vorstellung, eine „Working Mum“ zu sein. Und ich hatte, was das angeht, auch viele tolle Frauen als Vorbilder. Ich habe allerdings die emotionale Seite völlig unterschätzt. Ja, ich bin eine Working Mum und mache auch Karriere. Stand jetzt hätte ich rückblickend aber einige Entscheidungen, zum Beispiel die der Elternzeit in den ersten zwölf Monaten, anders getroffen und Abstriche im Finanziellen und wahrscheinlich auch in meiner Karriere zugunsten von mehr Zeit mit meiner Tochter sehr gerne in Kauf genommen. Aber hinterher ist man ja meistens schlauer.
Hinweis: Weil die Interviewpartnerin sehr persönliche Erfahrungen sowie Einblicke in ihre Finanzen teilt, nennen wir nicht ihren vollen Namen. Er ist der Redaktion bekannt.