Motivationsbullshit So unrealistisch können Träume sein

Das Zitat

Sätze zur Motivation sind häufig ebenso gut gemeint wie inhaltlicher Nonsens. „If you can dream it, you can do it“ ist so ein Satz. Wer das wörtlich nimmt, kann sich eine blutige Nase holen oder sein Leben verträumen.

„Wenn du es träumen kannst, dann kannst du es auch schaffen.“ Das klingt so motivierend. So ermutigend. So schön. Und ist doch vor allem schön falsch.

Urheberschaft
Das Zitat wird häufig Walt Disney zugeschrieben. Der hat diesen Satz allerdings nie gesagt. Korrekt ist, dass er aus dem Disney-Universum stammt. Stattdessen wurde die Zeile in den 1980ern von einem Mitarbeiter für eine Attraktion im Themenpark Epcot (Teil der Walt-Disney-World in Florida) verfasst. Es kursieren viele weitere Variationen, die auf diverse New-Age-Gurus und Motivationstrainer zurückzuführen sind.

Die gute Absicht
Hinter einem Großteil des Motivationsbullshits steckt eine gute Absicht. Motivationsgurus wollen den Menschen nicht absichtlich schaden– solange sie dabei reich werden, versteht sich. Beim vorliegenden Satz geht es wohl darum, den Glauben der Menschen an sich selbst zu stärken. Sicherlich geht es auch darum, die eigenen (gefühlten) Grenzen infrage zu stellen, „groß zu denken“, wie es manchmal im entsprechenden Jargon heißt. Ist doch wunderbar, oder?

Was ist Motivationsbullshit?

Der Irrtum
Ich kann mir sehr wohl in den schönsten Farben vorstellen, ich könne schneller laufen als Usain Bolt, besser Schach spielen als Garri Kasparow, oder virtuoser E-Gitarren malträtieren als Eddie van Halen. Allein: es nützt nichts. Mir fehlen Muskel- und Hirnmasse oder auch das entscheidende Quäntchen Koordinationsfähigkeit. Es tut ein bisschen weh, gerade das mit der Gitarre, aber es ist so.

Die Falle
Im Extremfall führt „If you can dream it, you can do it“ zu einer Entkoppelung von der Welt, einer Grandiositätsillusion. Man sieht subjektiv Dinge in sich und der Welt, die objektiv nicht zu erkennen sind, frönt vielleicht dem, was Psychologen „magisches Denken“ nennen. Dazu gehört beispielsweise der Glaube, man könne allein durch Gedanken die reale Welt manipulieren. Das wiederum führt im günstigsten Fall dazu, belächelt zu werden, im schlimmsten Fall dazu, dass wir unser Leben verträumen.

Es steht zu befürchten, dass Menschen sich durch diese Art Motivationsbullshit bemüßigt fühlen, sich beruflichen Erfolg, den Traumprinzen oder auch einen Parkplatz zu wünschen. So, wie es Esoterik-Bestseller à la „The Secret“ oder „Bestellungen beim Universum“ propagieren. Von der amerikanischen Publizistin Ayn Rand stammt (sinngemäß) das folgende Bonmot: Wir können uns entscheiden, die Realität zu ignorieren. Wir können aber nicht die Folgen des Ignorierens ignorieren. Ich bin beispielweise wunderbar in der Lage, mir vorzustellen, ich könne durch Wände gehen. Der Schmerz einer gebrochenen Nase nach dem Versuch ist jedoch deutlich schwieriger auszublenden als die physikalische Realität der Wand an sich.

Wesentlich zielführender ist, die ureigenen Stärken und Schwächen verstehen zu lernen, das Beste zu geben, das eigene Blatt bestmöglich auszureizen, anstatt von einer anderen Hand oder gar einem ganz anderen Spiel zu träumen. Das ist vernünftig, das ist menschlich, darin liegt eine eigene Art von Freiheit und auch von Würde.

Nico Rose ist Führungskraft im Vorstandsstab Personal eines internationalen Medienkonzerns. Der ausgewiesene Experte für Positive Psychologie ist zudem als Coach und Speaker aktiv. Quelle: René Golz

Der wahre Kern
Wie jeder Motivationsbullshit enthält auch der vorliegende Satz einen Kern an Wahrheit, welcher bis zur Unkenntlichkeit aufgeplustert wurde. Albert Bandura, einer der am meisten zitierten Psychologen überhaupt, hat neben einer wichtigen Lerntheorie die Forschung rund um das Thema Selbstwirksamkeit begründet. Selbstwirksamkeit bezeichnet die kontextspezifische, also klar abgegrenzte Überzeugung, in einem bestimmten Umfeld bei einer bestimmten Tätigkeit zu reüssieren.

Wenn ein Roger Federer also im hohen Alter noch Grand Slam-Turniere gewinnt, dann liegt das zum einen an seinen athletischen Fähigkeiten, aber auch an der Überzeugung, in wichtigen Momenten sein bestes Tennis spielen zu können. Eine ähnliche Dynamik lässt sich bei anderen Sportlern beobachten, beispielweise bei Basketballern wie Michael Jordan oder Kobe Bryant. Sie waren über Jahre gerade dann besonders gut, wenn es drauf ankam.

Unbedarfte Menschen werden diese Erfolge auf außergewöhnliches Talent zurückführen, aber das ist nur ein Teil der Wahrheit. Jordan wurde beispielweise in seiner Jugend mangels Erfolg aus der Schulmannschaft geschmissen. Diese Schmach hat ihn so sehr gewurmt, dass er laut Aussage seiner späteren Trainer fortan bei praktisch jeder Übungseinheit der erste und letzte Spieler auf dem Platz war. Darin liegt der Schlüssel zur Selbstwirksamkeit: Der nachweislich beste Weg, diese in einem bestimmten Lebensbereich zu steigern, ist zielgerichtete Übung. Diesen unermüdlichen Einsatz scheuen jedoch die Träumer unter uns. Es ist angenehmer, sich den Erfolg auszumalen, als sich beharrlich zu schinden.

Fazit
Menschen dürfen und sollen weiter träumen und ihrer Fantasie freien Lauf lassen. Alles startet schließlich mit einem flüchtigen Gedanken, einer fixen Idee. Verkehrt man diesen Motivationsbullshit ins Gegenteil, wird er übrigens deutlich sinnhafter und lässt sich auch besser mit der psychologischen Forschung in Einklang bringen: „If you can´t dream it, you can´t do it.“ Doch wer nach der Traumphase nicht zur Plackerei übergeht, der wird auch nie erfahren, wieviel glorreiche Realität in der eigenen Phantasie steckt.

Wertung
5 von 10 Bullshit-Punkten

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