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Rat der Weisen Soll ich trotz Krise um mehr Gehalt bitten?

Quelle: Patrick Zeh für WirtschaftsWoche

Die Krisenrhetorik ist im ausklingenden Jahr in deutschen Unternehmen zum Standard geworden. Wie dringt man da als Arbeitnehmer mit dem Wunsch nach mehr Gehalt durch? Anja Henningsmeyer rät zu einer nüchternen Abwägung.

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Eigentlich wäre in diesem Jahr die langersehnte Gehaltserhöhung dran gewesen? Sie wurden vergangenes Jahr noch vertröstet? Sie finden, Sie haben in diesem Jahr während der Coronapandemie besonders hart gearbeitet und Ihrem Unternehmen alles gegeben, damit es gut durch die Krise kommt? Das alles können Gründe sein, warum Menschen gerade jetzt überlegen, wie sie für mehr Gehalt verhandeln könnten. Doch die Situation vieler Unternehmen ist nicht mehr so gut wie vor der Krise, manche haben sich mit Kurzarbeit durchs Jahr gekämpft. Soll ich dennoch nach mehr Geld fragen, möchte ein Leser vom Rat der Weisen wissen.

Antwort: Für jemanden, der sich in seinem Unternehmen wohl fühlt, der gern dort arbeitet und der – zumindest ein Stück weit – mitverantwortlich für die Ziele und das Wohlergehen des Unternehmens handelt, dürfte die spontane Antwort darauf klar „Nein“ lauten. Doch das „Nein“ liegt ja nur denjenigen auf der Zunge, die eine gute Beziehung zu ihrem Unternehmen haben.

Wenn Sie diese Frage dennoch stellen, kann das bedeuten, dass Sie keineswegs solche Gefühle für Ihren Arbeitgeber hegen. Und das ist oft keineswegs die Schuld des Arbeitnehmers. Ganz nüchtern aus verhandlungsstrategischer Sicht betrachtet, entsteht Verhandlungsmacht auf Seite jener Verhandlungspartei, die "am längeren Hebel" sitzt. Und das bedarf immer einer genauen Betrachtung der Situation. Denn Verhandlungsmacht hat zunächst einmal nichts mit hierarchischer oder ökonomischer Macht zu tun.

  • Haben Sie etwas, das Ihr Unternehmen derzeit dringend von Ihnen braucht - Ihr Know-how, Ihre Spezialkompetenz, Ihre Arbeitskraft an einer speziellen Position? Dann sind Sie in einer guten Verhandlungs-Position.
  • Könnten Sie also einen negativen Hebel ansetzen, indem Sie Ihrem Unternehmen genau das entziehen, wenn es Ihrer Forderung nicht entgegenkommt? Entgegenkommen kann auch in Form einer vorzeitigen Beförderung erfolgen, der Auszahlung einer einmaligen Prämie oder ähnliches.
  • Stellen Sie sich zudem die Kernfrage, die Ihre Ausgangslage beleuchtet: Wer von Ihnen hat am meisten zu verlieren, wenn Sie sich nicht einigen? Sollten Sie das sein, lassen Sie Ihre Forderung lieber vorerst in der Tasche.

Bewerten Sie selbst, wieviel Ihre Frage über Ihre Haltung zum Arbeitgeber aussagt. Kürzlich erst haben wir am Beispiel von Tönnies gesehen, dass es Unternehmen gibt, die Arbeitsbedingungen bieten, wie man sie hierzulande im 21. Jahrhundert überwunden glaubte. Solchen Unternehmen und ihren Betreibern schulden Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern keinen moralischen Respekt. Dann ist es durchaus legitim, seinen Arbeitgeber mit Forderungen in den Schwitzkasten zu nehmen – ungeachtet wie dessen Situation ist.

Anja Henningsmeyer ist zertifizierte Verhandlungsführerin, Dozentin und Hauptschöffin am Amtsgericht Frankfurt. Die Verhandlungsexpertin lehrt an zahlreichen Hochschulen und in Unternehmen. 2019 erschien Ihr Ratgeber: „Denn Sie wissen, was Sie tun. Wie Frauen erfolgreich verhandeln“ im Campus Verlag.

Weitere praktische Ratschläge zum Thema Gehalt, etwa, welches Gehalt Sie einfordern können und mit welchen Verhandlungsstrategien Sie Ihre Forderung am besten durchsetzen, finden Sie in unserer Rubrik erfolg.reich „Mein Gehalt“.

Wenn Sie eine Frage haben, senden Sie uns diese bitte an erfolg@wiwo.de oder via FacebookInstagram und LinkedIn

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