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Winzerglück Süßer der Riesling nie schmeckte!

Der teuerste Weißwein der Welt? Kommt von der Saar. Der Rekord poliert den Ruf deutscher Weine. Aber ist er wichtiger als 100 Parker-Punkte?

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Riesling-Trauben. Quelle: dpa

Entzücken, Euphorie, Adrenalinschübe gar traut man Egon Müller nicht zu. Wie er so dasteht in seiner historisch duftenden Bibliothek, macht er jederzeit den Eindruck, als könne er seine Leidenschaften in Zaum halten, seine Hochgefühle kontrollieren. Egon Müller lässt sich Zeit. Für seinen Besucher. Für seine Antworten. Und vor allem für die Verarbeitung und Vermarktung seiner komplexen Weine. Mehr als zehn Jahre bereitete Müller seinen Coup vor. Mehr als zehn Jahre ließ er seinen Schatz im gutseigenen Keller zur Sensation reifen. Zum Auktionsrekord. Zum teuersten Weißwein der Welt.

Die Geschichte des deutschen Weinwunders beginnt 2003, gleich oberhalb des kaum als Weingut auszumachenden, leicht verwitterten Herrenhauses zu Füßen des Scharzhofbergs, am Unterlauf der Saar, wenige Kilometer bevor der Fluss in die Mosel mündet. Es ist Erntezeit, jede Traube wird buchstäblich handverlesen, eingehend betrachtet, begutachtet, bewertet. Schön sind die Reben im Spätherbst nicht mehr; Botrytis cinerea hat sich bereits an ihnen zu schaffen gemacht, eine edle Grauschimmelfäule, die die Rieslingtraube perforiert und in der Folge rosinenartig austrocknen lässt. Ihr Saft ist so konzentriert, dass er im vergorenen Zustand vor Aromen schier explodiert. Und zwar noch Jahrzehnte nach der Abfüllung. Manche Weine altern mehr als 100 Jahre.

1000 Euro pro Reifejahr

Egon Müllers Scharzhofberger Trockenbeerenauslese (TBA) ist erst zwölf, als er 1000 Euro für jedes Reifejahr erzielt. Bei der Weinversteigerung Mosel-Saar-Ruwer des Verbands der Prädikatsweingüter (VDP) am 19. September 2015 treiben Kunden den Preis auf sagenhafte 12.000 Euro – kein anderer Weißwein der Welt ist Connaisseuren mehr wert. „Ja“, sagt Müller bedächtig und gönnt sich ein leises Lächeln: „Da spürt man schon Adrenalin.“ Vor allem, weil Auktionsrekorde für deutsche Spitzenweine längst keine Ausnahme mehr sind, sondern beinah schon die Regel: Sechs der zehn teuersten Weißen in 2015 kamen aus Deutschland, allein drei davon von Müller (siehe Rangliste Seite 98).

Weinliebhaber, Spekulanten und Sammler aus aller Welt blicken erstaunt nach Deutschland. Die Renaissance des Rieslings ist ein offenes Geheimnis, mag sein: Die internationale Weinkritik ist seit einem Jahrzehnt schon voll des Lobes für trockene Lagenrieslinge zwischen 20 und 60 Euro. Sicher, Winzer wie Friedrich Becker können für ihre feinen Spätburgunder in der Spitze mehr als 100 Euro verlangen. Und natürlich, die Qualitätsoffensive der deutschen Winzer ist so enorm, dass zum Beispiel Volker Raumland aus Rheinhessen Sekte abfüllt, für die er bis zu 160 Euro verlangen kann. Aber 12.000 Euro – das ist dann doch noch mal etwas anderes.

Die 15 teuersten Weißweine der Welt
Edelsüß zählt. Sieben der Top-Weine stammen aus  Deutschland. Dreimal Müller!
1Egon Müller-Scharzhof Scharzhofberger Riesling Trockenbeerenauslese, Mosel7646 Euro*
2Domaine Leflaive Montrachet Grand Cru, Côte de Beaune5238 Euro
3Joh. Jos. Prüm Wehlener Sonnenuhr Riesling Trockenbeerenauslese, Mosel4256 Euro
4Domaine de la Romanée-Conti Montrachet Grand Cru, Côte de Beaune, France4135 Euro
5Coche-Dury Corton-Charlemagne Grand Cru, Côte de Beaune2498 Euro
6Egon Müller-Scharzhof Scharzhofberger Riesling Eiswein Goldkapsel, Mosel2280 Euro
7Egon Müller-Scharzhof Scharzhofberger Riesling Eiswein, Mosel1870 Euro
8Domaine Leroy Corton-Charlemagne Grand Cru, Côte de Beaune1532 Euro
9Dom Pérignon P3 Plenitude Brut, Champagne1485 Euro
10Coche-Dury Les Perrieres, Meursault Premier Cru1448 Euro
11Domaine Ramonet Montrachet Grand Cru, Côte de Beaune1412 Euro
12Schloss Johannisberg Goldlack Riesling Trockenbeerenauslese, Rheingau1394 Euro
13Dr. Bassermann-Jordan Forster Jesuitengarten Riesling Trockenbeerenauslese, Pfalz1382 Euro
14Domaine des Comtes Lafon Montrachet Grand Cru, Côte de Beaune1327 Euro
15Kloster Eberbach Rauenthaler Baiken Riesling Trockenbeerenauslese, Rheingau1296 Euro

* jahrgangsübergreifende Durchschnittspreise in Euro

Quelle: winesearcher.com

Der Auktionator im funktionalen Konferenzsaal des schmucklosen IAT-Hotelturms am Rande von Trier ruft an diesem 19. September 2015 zunächst 18 Flaschen von Egon Müllers TBA mit einem Startpreis von 2000 Euro aus. Die Nachfrage ist gut, der Interessenten gibt es viele – und der Preis würde gewiss noch höher steigen, wenn Müller jetzt bei 12.000 Euro nicht vier weitere Flaschen freigeben würde: „Egon Müller geht auf 22 Flaschen hoch, sodass wir noch im realistischen Preisbereich bleiben können“, jubelt der Auktionator – Gelächter mischt sich in den Applaus. Am Ende setzt Müller 320 443,20 Euro um, inklusive Aufschlag und Mehrwertsteuer, plus 240.332,40 Euro für 36 halbe Flaschen (0,375 Liter) des gleichen Weines. Es sind zwei Weltrekorde: teuerste Flasche „Jungwein“, die erstmals direkt ab Weingut verkauft wird, teuerster Weißwein der Welt.

Ist es nicht eine herrliche Pointe der Weingeschichte, dass ausgerechnet Müllers zuckersüße TBA das neue Aushängeschild der deutschen Winzerkunst ist? Ein Wein, der die in der Traube enthaltene Süße kaum vollständig vergoren hat – ganz so wie der Liebfrauenmilch, der Anfang der Siebzigerjahre britische Supermärkte eroberte und den deutschen Weinstandort ruinierte? Wären in Müllers TBA nicht rund acht Prozent Alkohol entstanden – mit seiner überbordenden Obstaromenfülle würde er auch Kindern sofort schmecken. Noch einmal also: Wieso zahlen Kenner für so einen Wein 12.000 Euro?

Aufwendiger Eiswein

Während die französischen Preisspitzen in der Regel trocken sind, picken die deutschen Spitzenweingüter von den Reben der teuersten Lagen die am längsten hängenden Trauben. Für die aufwendigste Spezialität, den Eiswein, muss gar der Frost abgewartet werden. Bei höchstens sieben Grad minus werden die Trauben dann gelesen; ihr Most bildet die Grundlage für einen hochkonzentrierten, nahezu dickflüssigen, geschmacksfetten Wein. Kein Wunder also, dass auf Rang sechs und sieben der teuersten Weißweine Eisweine stehen. Von Egon Müller.

Doch wie lässt sich der Auktionserfolg vermarkten und verstetigen? Das treibt zum Beispiel auch Nik Weis vom St. Urbans-Hof in Leiwen um. Weis ist als Mitglied des VDP-Vorstands Mosel-Saar-Ruwer mit dafür verantwortlich, dass auch die Versteigerung 2016 an diesem Wochenende zu einem Erfolg wird. Ganz zufrieden ist er mit dem Resultat des vergangenen Jahres nicht. „Wir hätten aus dem traumhaften Ergebnis mehr machen können“, meint Weis, um dem deutschen Wein einstigen Ruhm wiederzubringen.

Verkostung und Versteigerung

Auf dem Weg dorthin sind Auktionen, seit 1908 der jährliche Höhepunkt des Vereinslebens, ein probates Mittel. Und Rekorde sowieso. Aber sie purzeln nicht alle Jahre. So liegen diesmal allenfalls 13 von 11.201 angebotenen Flaschen aussichtsreich im Rennen: die Trockenbeerenauslese von der Lage Graacher Himmelreich (2005) vom Weingut Joh. Jos. Prüm aus Bernkastel-Wehen. Zwölf Flaschen ab 2000 Euro aufwärts – und eine Magnumflasche (1,5 Liter) für das doppelte Anfangsgebot.

Das Weinauktionsgeschäft ist keine Geheimwissenschaft, und nicht jeder, der die teuersten Kreszenzen probieren möchte, muss mitbieten. Am Tag vor der „nassen Versteigerung“ ist jeder Tropfen zu verkosten, vom Kabinettwein für 15 Euro Startpreis vom Weingut von Othegraven (Günther Jauch) bis zu der Prüm’schen TBA, erklärt Joachim Ress, einer von sieben Kommissionären, die bei der Versteigerung bieten dürfen. Die Kommissionäre sammeln die Kaufwünsche von Händlern, Gastronomen und Sammlern. Ress ist auch Mitglied der sogenannten Tax-Kommission, die im Frühjahr die Weine vorkostet und einschätzt – und die dem Winzer einen Startpreis empfiehlt, den dieser annehmen kann oder nicht.

„Die Kommissionäre arbeiten dabei unabhängig und korrekt“, versichert Unternehmensberater Jean Fisch aus Brüssel, der mit David Rayer die Onlinepublikation moselfinewines.com betreibt und einige Wochen vor der Versteigerung seine Verkostungsnotizen veröffentlicht: „Wir stellen fest, dass sich nun ein jüngeres Publikum aus aller Welt von Singapur, Hongkong oder Taiwan bis hin zu Kunden aus osteuropäischen Nationen für diese Weine interessiert.“

Virtuos austarierter Preis

Das sind gute Nachrichten für Deutschlands Weine und Winzer. Und für eine erfolgreiche Zukunft der Weinauktionen. „Der VDP ist historisch als Versteigerungsvereinigung gestartet“, sagt der VDP-Bundesvorsitzende Steffen Christmann, „das gehört zu unserer Tradition.“ Tatsächlich jedoch tritt nur die Hälfte der zehn Regionalverbände bei drei Versteigerungen an, in Trier (Mosel-Saar-Ruwer), im Dormitorium von Kloster Eberbach (Rheingau) und in Bad Kreuznach (Ahr, Nahe, Pfalz, Rheinhessen). Ein Selbstläufer sind die Auktionen nicht. „Wir Winzer müssen frühzeitig unsere potenziellen Kunden, sowohl Händler als auch Privatleute, informieren“, sagt Christmann. Die Weine, die nicht ab Weingut, sondern aus privaten Sammlungen über die beiden großen internationalen Auktionshäuser Christie’s und Sotheby’s auf den Markt kommen, erhalten durch das Marketing der Auktionshäuser Aufmerksamkeit. „Wir hingegen können uns nicht hinstellen und einfach darauf hoffen, dass schon ein paar kaufkräftige Interessenten vorbeikommen“, sagt Christmann.

Und so entsteht auch ein kleiner Wettstreit der Regionen. Während Kreuznach 2015 mit 3256 Flaschen immerhin 333.382 Euro netto einsammelte, verbuchte das Rheingau mit 74.234 Euro netto für 2249 Flaschen weit weniger. Und beide zusammen wiederum waren nur ein Klacks gegenüber Egon Müllers Triumph an der Mosel.

Müller ist das mit dem Auktionserfolg verbundene Prestige sicher recht – und warnt zugleich vor Preisexplosionen: „Die Käufer sollen wiederkommen.“ Die Kunst für einen wie ihn besteht darin, die Nachfrage seiner Kunden, die Kenntnis der Jahrgangsqualität und die Anzahl der zur Verfügung stehenden Flaschen so virtuos auszutarieren, bis ein hoher Auktionserlös fast unausweichlich ist. Müller beherrscht die Kunst perfekt.

Aber mutet das Auktionsverfahren mit den sieben Kommissionären nicht rettungslos altbacken an? Warum zum Beispiel versteigern Winzer ihre seltenen Preziosen nicht online? „Wir müssen das Verfahren vielleicht prüfen“, sagt Müller, „aber Tradition ist Tradition, und bisher überwiegen die Vorteile“, zu denen Müller auch zählt, dass alle Flaschen einer Sorte nur für den gleichen Preis zu haben sind.

100 Parker-Punkte für 70 Euro

Der Bernkasteler Ring, die zweite große Versteigerung an der Mosel, versucht es hingegen mit Innovation. Erstmals sind 2016 Flaschen mit Foto in einem Katalog abgebildet, ein neuer Auktionator führt durch den Vormittag, es werden größere Lose statt einzelne Flaschen verkauft. Das ist vielleicht auch der Grund, warum mit Markus Molitor diesmal einer der bekanntesten deutschen Winzer fehlt. Molitor hat seit Anfang der Neunzigerjahre nicht nur in der Nähe seines neu erstandenen Weinguts in Wehlen Rebflächen gekauft, sondern auch an Saar und Ruwer. Viele Kilometer fahren er und seine Mitarbeiter, um die Parzellen zu prüfen und den besten Zeitpunkt für die Lese zu bestimmen.

20 Jahre lang war Molitor bei den Versteigerungen dabei, hat seine Auslesen angeboten: „Ich möchte, dass die Mosel wieder dahin kommt, wo sie vor 80 Jahren schon mal war.“ Doch 2016 setzt er aus, wie auch schon 2015: „Man muss auch mal was zurückhalten.“ Der Hintergrund: Gleich drei von Molitors Weißweinen aus 2013 bewertete der von Robert M. Parker gegründete Wine-Advocate mit der Maximalpunktzahl 100 – nachdem Molitor sie für 70 Euro die Flasche an Bestandskunden verkauft hatte. Ein Blick auf den Preis von Müllers TBA, von dem es in Großbritannien noch drei Flaschen für inzwischen 19.000 Euro gibt, lässt erahnen, was Molitor entgangen ist. Was aber ist am Ende mehr wert für den Ruf des deutschen Weins: der Rekorderlös von Müllers TBA oder die dreimal 100 Parker-Punkte für Molitor? Nik Weis vom St. Urbanshof zögert nicht: „Solange wir nicht laut dafür trommeln, haben Parker-Punkte immer noch eine größere PR-Wirkung als unsere Rekordauktionen.“

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