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Altersvorsorge Abzocke oder sinnvolle Vorsorge? Der Streit um Riester

Riestern oder nicht riestern - das ist hier die Frage. Die Kritiker schimpfen über Gebührenschneiderei und gezielte Irreführung. Die Befürworter verweisen auf hohe Zulagen und die Notwendigkeit der privaten Vorsorge. Wer hat recht? Ein Verbraucherschützer, ein Branchenvertreter und ein Professor stehen Rede und Antwort.

Peter Schwark, Mitglied der Hauptgeschäftsführung im Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Quelle: Pressebild Quelle: handelsblatt.com

Handelsblatt: Über den Sinn und Unsinn der Riester-Rente wird viel gestritten. Die Sparer sind verwirrt. Eine aktuelle Studie der Uni Bamberg hat ergeben, dass Verbraucher nur unzureichend über die Kosten der Verträge informiert werden. Warum gestalten die Anbieter ihre Verträge nicht transparenter?

Niels Nauhauser, Verbraucherzentrale Baden-Württemberg: Warum die Anbieter das nicht besser auf die Reihe kriegen, ist mir ehrlich gesagt ein Rätsel, denn so kompliziert muss das ja nicht sein. Vielleicht mangelt es aber auch am Willen?

Peter Schwark, Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft : Auf Versicherungsprodukte trifft die Kritik sicher nicht zu. Die Kunden werden vor Vertragsabschluss in einem Produktinformationsblatt über alle wesentlichen Vertragsinhalte informiert. Dazu zählen auch Angaben zu den einkalkulierten Kosten. Das ist bei Versicherungsprodukten auch gesetzlich vorgeschrieben. Und nur bei Versicherungsprodukten werden bereits die Kosten und Bedingungen der Auszahlungsphase vollständig angegeben. Das hat der Studienautor ausdrücklich hervorgehoben.

Hermann Weinmann, Altersvorsorge-Experte der Fachhochschule Ludwigshafen: Es geht um margenträchtiges Geschäft. Intransparenz ist gewollt, um die Vergleichbarkeit zu erschweren.

Versicherungen und Fondssparpläne werden besonders gerne als Riester-Verträge vertrieben. Bei diesen Produkten sind aber auch die Provisionen am höchsten. Ein Zufall?

Niels Nauhauser, Verbraucherzentrale Baden-Württemberg: Nein.Verkauft wird das, was Provision bringt. Produkte, die wenig bringen, liegen auch nicht im Verkaufsregal. Für den Sparer wäre es aber optimal, so geringe Kosten wie möglich zu haben, und stattdessen eine möglichst hohe Rente. Ein Beispiel: wer als junger Anleger jährliche Kosten von zwei Prozent einspart, kann langfristig eine doppelt so hohe Altersrente erwarten. An solchen Verträgen verdienen die Anbieter aber viel weniger, deshalb werden sie nicht verkauft.

Peter Schwark, Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft : Es stimmt, dass die meisten Banken keine Riester-Banksparpläne anbieten. In Berlin zum Beispiel gibt es kein einziges Angebot. Betriebswirtschaftlich ist das nachvollziehbar, weil bei Banksparplänen keine Kosten für die Beratung einkalkuliert sind. Die in der Altersvorsorge unverzichtbare aufwändige Ansprache der einzelnen Kunden auf ihren Vorsorgebedarf und das individuelle Angebot bedarfsgerechter Produktlösungen kann betriebswirtschaftlich ohne Vergütung der Beratung durch den Produktanbieter nicht amortisiert werden. Bei Versicherungsprodukten hingegen sind die Kosten für die Beratung der Kunden und den Vertragsabschluss bereits einkalkuliert. Bildlich gesprochen: Ein Auto fährt nicht ohne Räder, selbst wenn es dadurch leichter würde. Genauso wenig funktioniert Produktvertrieb ohne Beratungsvergütung.

Hermann Weinmann, Altersvorsorge-Experte der Fachhochschule Ludwigshafen: Zieht man die Gebührenbelastungen für Lebensversicherungen und Investmentfonds außerhalb Riester als Maßstab heran, erkennt man Ähnlichkeiten in der Höhe der Kostenbelastung. Allerdings gibt es sowohl 'reelle' Anbieter als auch Gebührenschinder. Dies verwundert nicht, denn es bestehen zwar Pflichten zur Kosteninformation, aber keine Kostenbegrenzungen.

Gute Beratung muss auch etwas kosten. Wäre Honorarberatung eine Alternative zu Provisionen?

Niels Nauhauser, Verbraucherzentrale Baden-Württemberg: Natürlich darf gute Beratung etwas kosten. Nur wer kann schon behaupten zu wissen, ob er gut beraten worden ist? Dazu müsste man ja besser ausgebildet sein als sein Berater. Freundlich zu sein und den Verbrauchern eine Tasse Kaffee anzubieten, mag die Ratsuchenden zufriedenstellen, aber es ist kein Indiz für Qualität. Genauso wenig ist die Vergütung mit einem Honorar ein Garant für Qualität. Man braucht eine Finanzaufsicht, welche die Qualität sicherstellt und auf deren Arbeit Verbraucher sich verlassen können.

Peter Schwark, Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft : Risikoabsicherung und Altersvorsorge sind Themen, die Menschen gerne auf die lange Bank schieben oder gleich ganz verdrängen. Viel hängt deshalb davon ab, dass die Bevölkerung für ihren Vorsorgebedarf aktiv angesprochen und sensibilisiert wird. Das kann Honorarberatung schon logisch nicht leisten, weil nur Kunden kommen, die ihren Bedarf bereits kennen. Alle, die nicht selbst initiativ werden, verbleiben dann ohne notwendigen Risikoschutz. Honorarberatung ist in vielen Fällen auch vergleichsweise teuer. Warum sollte jemand zum Beispiel ein marktübliches Stundenhonorar von 100 bis 200 Euro zahlen, um eine Haftpflichtversicherung abzuschließen? Honorarberatung ist deshalb vor allem für vermögende Kunden attraktiv. Zudem hat Honorarberatung auch problematische Anreize. Das Honorar hängt nicht vom Erfolg ab. Der Berater hat vor allem Interesse an möglichst vielen Terminen und Beratungsstunden, nicht aber daran, dass der Kunde am Ende auch einen Vertrag abgeschlossen und damit seine Versorgungslücke geschlossen hat.

Hermann Weinmann, Altersvorsorge-Experte der Fachhochschule Ludwigshafen: Wer jemals traditionelle oder kostenpflichtige Finanzberatung betrieben hat, ist sich stets gewahr, dass trotz aller Sorgfalt die erwarteten Ergebnisse von der Realität überholt werden können. Unter dieser Prämisse, dass nicht von vornherein Honorarberatung erfolgreich und Provisionsberatung schlecht ist, kann qualifizierte Honorarberatung ein Beratungsansatz sein.

Was sollte ein Kunde tun, der feststellt, dass sein Vertrag hohe Gebühren kostet? Lohnt sich der Wechsel in einen anderen Tarif oder der Wechsel zu einem anderen Anbieter?

Niels Nauhauser, Verbraucherzentrale Baden-Württemberg: Tatsächlich empfehlen wir das in unseren Beratungen recht häufig, weil es im konkreten Einzelfall Sinn macht. Eine pauschale Wechselempfehlung ohne den konkreten Vertrag zu kennen oder die Situation des Anlegers, wäre unseriös.

Peter Schwark, Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft : Ein Wechsel sollte immer gut überlegt werden, weil häufig neue Kosten anfallen. Man bedenke: Hin und her macht Taschen leer. Wichtig ist beim Vergleich der Kosten langfristiger Verträge, die Kosten in ihrer Wirkung zu verstehen. Zehn Prozent Kosten von jedem Beitrag entsprechen über 30 Jahre einer Minderung der Rendite von weniger als 0,6 Prozent. Dagegen bedeuten 1,2 Prozent Verwaltungsvergütung vom Vermögen pro Jahr einen Renditeverlust von 1,2 Prozent. Das auf den ersten Blick billigere Produkt ist folglich doppelt so teuer. Dass Versicherungsprodukte mit ihrem beitragsbezogenen Kostensystem teurer wären als etwa das kapitalbezogene Kostensystem der Fondssparpläne - wie oft behauptet - ist bei den für Altersvorsorge typischen langen Laufzeiten einfach falsch. Auch bei Banksparplänen liegt der Zins etwa um 1,5 Prozent niedriger als die langfristigen Kapitalmarktzinsen; die Kosten verstecken sich in der Zinsmarge. Dazu kommt, dass allein bei Versicherungsprodukten die Rentenphase bereits mit eingepreist ist. Bei Kostenvergleichen muss dies ebenfalls berücksichtigt werden.

Hermann Weinmann, Altersvorsorge-Experte der Fachhochschule Ludwigshafen: Unlängst war zu lesen, dass auch Affen rechnen können. Ich kann nur empfehlen, erst zu rechnen und dann vor dem Hintergrund der möglichen Konsequenzen zu entscheiden. Hier sehe ich ein Feld für die Honorarberatung.

Wo besteht bei Riester noch Nachbesserungsbedarf?

Niels Nauhauser, Verbraucherzentrale Baden-Württemberg: Die Riester-Rente sollte ursprünglich eine geringere gesetzliche Rente kompensieren. Dieses Ziel könnte man viel effizienter erreichen, indem man den Verbrauchern die Möglichkeit gibt, ein sehr kostengünstiges und an wissenschaftlichen Erkenntnissen zur Kapitalanlage ausgerichtetes Produkt zu wählen. Ein solches Produkt gibt es am Markt nicht, weil es für die Anbieter nicht die gewünschten Renditen abwirft. Deshalb ist der Staat gefordert. Unsere skandinavischen Nachbarn haben bewiesen, dass das möglich ist.

Peter Schwark, Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft : Mit Blick auf die demografische Entwicklung ist dringend eine Dynamisierung der Riester-Fördergrenzen erforderlich. Riester-Beiträge sollten wie in der Entgeltumwandlung bis zur Höhe von vier Prozent der Beitragsbemessungsgrenze in der gesetzlichen Rentenversicherung gefördert werden, also etwa 2 600 Euro pro Jahr. Die Politik stellt so sicher, dass sich die Riester-Förderung bis Renteneintritt nicht auszehrt, sondern mit der Einkommens- und Inflationsentwicklung wächst. Davon profitieren Riester-Kunden erstens in der Ansparphase, da sie mehr steuerbegünstigt vorsorgen können und zweitens in der Rentenphase, weil sie die später drohende Versorgungslücke besser schließen können.

Hermann Weinmann, Altersvorsorge-Experte der Fachhochschule Ludwigshafen: Dem Gesetzgeber ist auch in der staatlich subventionierten Altersvorsorge zum 'Apfelsaft-Paragraph' zu raten. So wie in Gaststätten mindestens ein alkoholfreies Getränk nicht teurer zu verabreichen ist als das billigste alkoholische Getränk, sollten die Anbieter ergänzend verpflichtet werden, zumindest ein Produkt in den jeweiligen Kategorien anzubieten, dessen Kalkulation auf staatlichen Normen beruht und im Hinblick auf die 'Schadstoffe' Risiko und Kosten begrenzt ist. Wenn der Verbraucher weiß, dass alle Anbieter gleich kalkulieren, wird ein Stück des Misstrauens genommen, das aus dem undurchdringlichen Marketing-Nebel der Produktvielfalt resultiert und unumgängliche Vorsorge verhindert. Für wen lohnt sich ein Riester-Vertrag überhaupt?

Niels Nauhauser, Verbraucherzentrale Baden-Württemberg: Es wäre falsch zu behaupten, für jeden lohne sich ein solcher Vertrag. Viele Anbieter stellen derart hohe Kosten in Rechnung, dass die Förderung das nicht ausgleichen kann. Wer eine Riester-Rente abschliesst sollte nur günstige und gut getestete Angebote nehmen. Letztlich kann diese Frage immer nur im Einzelfall auf die konkrete Situation hin beantworten.

Peter Schwark, Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft : Im Prinzip lohnt sich eine Riester-Rente für jeden, der einen Anspruch auf die staatlichen Förderleistungen hat. Darauf weisen auch die Vorsorgeexperten von der Zeitschrift Finanztest hin. Dazu zählen etwa alle Pflichtversicherten in der gesetzlichen Rentenversicherung, Beamte, Angestellte im öffentlichen Dienst, Auszubildende, Zivil- und Wehrdienstleistende sowie Empfänger von Arbeitslosengeld. Attraktiv sind die staatlichen Förderungen insbesondere für Geringverdiener und Familien. Im Schnitt beträgt die Zulagenquote 30 Prozent. Zusätzlich gewährt der Staat jedem Riester-Sparer auch Steuervorteile.

Hermann Weinmann, Altersvorsorge-Experte der Fachhochschule Ludwigshafen: Riester gilt vornehmlich für sozialversicherungspflichtig Beschäftigte. Riester ist ein Muss für jeden, um die durch den Gesetzgeber bereits beschlossenen Rentenkürzungen auszugleichen.

Welche Produkte würden Sie je nach Alter oder Einkommen empfehlen?

Niels Nauhauser, Verbraucherzentrale Baden-Württemberg: Für die Produktauswahl ist weder das Einkommen noch das Alter besonders relevant, sondern die Risikobereitschaft, die persönlichen Anlageziele (z.B. Option auf Immobilienerwerb) und die Bequemlichkeit des Anlegers. Von Fondsgebundenen Rentenversicherungen sollten Verbraucher aufgrund der hohen Kosten die Finger lassen, häufig sind simple Banksparpläne oder Fondssparpläne interessant.

Peter Schwark, Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft : Für welche Produktvariante sich ein Kunde entscheidet, hängt von seiner Risikoneigung ab. Wer in jungen Jahren einen Riester-Vertrag abschließt, kann bei ausreichender Risikobereitschaft mit einer fondsgebundenen Riester-Rentenversicherung von den Chancen am Kapitalmarkt und damit von einer höheren Rendite profitieren. Zwischenzeitliche Kursverluste können aufgrund der noch sehr langen Laufzeit bis Renteneintritt ausgeglichen werden. Die eingezahlten Beiträge sind garantiert. Für die klassische Riester-Rentenversicherung entschließen sich vor allem sicherheitsbewusste Kunden, die bei ihrer Altersvorsorge auf planbare Versorgungsleistungen setzen. Denn im Falle eines Crashs sind auch die bereits gutgeschriebenen Überschüsse sicher und werden weiter verzinst.

Hermann Weinmann, Altersvorsorge-Experte der Fachhochschule Ludwigshafen: Es gibt keine generelle Empfehlung. Bei Rentenversicherungen, Fondssparplänen und Bank-sparplänen geht es um die subjektive Einstellung zum Risiko und um die Fähigkeit, Risiken im Hinblick auf das tatsächliche Vorsorge-Ergebnis zu verkraften. Wer das Wohnen in der selbst genutzten Immobilie als 'Axiom der Lebensqualität' betrachtet, für den ist sicherlich irgendwann der Wohn-Riester interessant. Entscheidend sind aber bei diesen langen Laufzeiten bis zum Rentenbeginn die Kosten. Wenn die Branche für das Anlageergebnis den Zinseszinseffekt in Anspruch nimmt, dann muss sie sich auch bei den Kosten beim Wort nehmen lassen, denn diese bewirken den Zinseszinseffekt in umgekehrter Richtung.

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