Hochzinsanleihen Die Milliarden-Party geht zu Ende

Die Börse ist eine wundervolle Party – verlasse sie nicht als Letzter, lautet eine Börsenweisheit. Investoren im Markt für Hochzinsanleihen ziehen sich bereits von der Fete zurück. Der Wendepunkt naht.

Eine Champagner-Flasche in einem Nachtclub. Der Rally bei Junkbonds geht die Puste aus – die Party neigt sich dem Ende. Quelle: dpa

Es mehren sich die Warnsignale, dass die Verkaufswelle bei Hochzinsanleihen aus den USA über den Atlantik nach Europa schwappt. Investoren in London und Edinburgh sagen, dass sie entweder Derivate kaufen, um sich gegen Verluste bei den renditestarken aber bonitätsschwachen Papieren abzusichern. Oder sie steigen um auf Junkbonds, die mit Sicherheiten wie Bohrinseln und Kabelnetzen unterlegt sind.

„Wir verhalten uns im Hochzinsmarkt sehr vorsichtig“, sagt Ariel Bezalel, in London Fondsmanager des Jupiter Strategic Bond im Volumen von 3,8 Milliarden Dollar. „Wir mussten bei der großen Mehrzahl der Transaktionen in diesem Jahr 'Nein' sagen.“

Zwar ist der Stimmungsumschwung noch nicht so ausgeprägt wie in den USA, wo in der Woche bis zum 6. August 7,1 Milliarden Dollar aus Fonds, die in Hochzinsanleihen investieren, abgezogen wurden. Doch Investoren, die dieses Jahr 115 Milliarden Dollar in europäische Junkbonds gepumpt haben, werden argwöhnisch. Sie haben im Juli 0,3 Prozent verloren mit ihren Papieren, nach zwölf Monaten mit Gewinnen in Folge. In den USA kommen die Junkbonds auf Verluste von 1,3 Prozent im Juli.

Deutsche haben keine Ahnung von Finanzen
Geldanlagen werden nicht hinterfragtObwohl die Zinsen aktuell auf extrem niedrigen Niveau herumkrebsen, hinterfragt die Mehrzahl der deutschen Anleger ihre bestehenden Geldanlagen nicht (69 Prozent). Lediglich 31 Prozent nehmen das Niedrigzinsumfeld zum Anlass, ihre Anlageformen zu überprüfen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Union Investment. Analysten der Bank haben das Anlageverhalten der Deutschen im zweiten Quartal des laufenden Jahres untersucht. Quelle: dpa
Desinteresse und mangelnde KenntnisseDie allgemeine Zurückhaltung beruht zum einen auf Desinteresse und zum anderen auf mangelnden Kenntnissen. Nur 19 Prozent der Befragten setzen sich aus eigenem Antrieb mit Finanzangelegenheiten auseinander. Rund 53 Prozent setzen sich überhaupt nicht mit Finanzfragen auseinander. Nur jeder Fünfte glaubt sich mit Geldanlagen gut auszukennen. Satte 39 Prozent halten ihre Finanzkenntnisse für unzureichend. Quelle: dpa
Junge Erwachsene schätzen Kenntnisse am schlechtesten einBesonders schlecht um den Wissensstand in Sachen Geldanlagen steht es bei den jungen Erwachsenen. In der Altersgruppe der 20- bis 29-jährigen glauben lediglich 14 Prozent über gute Finanzkenntnisse zu verfügen. 59 Prozent halten ihr Wissen für nicht ausreichend. In der höheren Altersgruppe der 40- bis 49-jährigen sieht die Lage nicht viel besser aus. Hier sind nur 16 Prozent davon überzeugt gute Kenntnisse in Finanzfragen zu besitzen. Bei den Menschen im Alter zwischen 50 und 59 Jahren sind es immerhin 24 Prozent, die glauben, ausreichendes Wissen über Geldanlagen zu haben. Quelle: IMAGO
Je höher das Einkommen, desto mehr Finanzwissen ist laut eigener Einschätzung vorhandenBefragte mit einem monatlichen Einkommen unter 1300 Euro schätzen ihr Finanzwissen besonders schlecht ein. Hier glauben nur drei Prozent über ausreichende Kenntnisse zu verfügen. In der Einkommensklasse über 2300 bis 3100 Euro steigt dieser Wert auf 14 Prozent, bei Menschen mit einem Einkommen über 4100 Euro liegt die Schätzung bei 34 Prozent, „Das Ergebnis der Studie zeigt, wie groß der Nachholbedarf bei diesem wichtigen Thema ist. Selbst unter den lebenserfahrenen älteren Menschen und denjenigen mit höheren Einkommen fühlt sich nur eine Minderheit in Finanzangelegenheiten sattelfest“, sagt Giovanni Gay, Geschäftsführer bei Union Investment. Quelle: dpa
Nur wenige SelbstentscheiderDie fehlenden Finanzkenntnisse sorgen für einen hohen Bedarf an Finanzberatung. 40 Prozent der Deutschen sind laut eigener Aussage bei ihren Anlageentscheidungen auf konkrete Empfehlungen ihres Bankberaters angewiesen. Besonders großen Wert auf die Beratung legen die 20- bis 29-jährigen (47 Prozent). Selbstentscheider hingegen gibt es nur wenige. Nur 33 Prozent der Haushalte investieren genügend Zeit, um eine möglichst treffende Anlageentscheidung zu treffen. Quelle: dpa
BauchgefühlIn erster Linie wollen sich die Deutschen mit ihren Finanzentscheidung wohlfühlen. 71 Prozent der Befragten geben an, dass ihnen ein gutes Bauchgefühl dabei wichtig ist. „Die Ergebnisse verdeutlichen, dass Bankberatern im Kundengespräch eine bedeutende Aufgabe zukommt. Sie müssen ihren Kunden die Vorteile einer breit gestreuten Geldanlage aufzeigen und Brücken zu chancenreicheren Investments bauen. Nur wer sein Vermögen ausgewogen strukturiert und einschätzbare Risiken eingeht, kann bei langfristig niedrigen Zinsen auskömmliche Erträge erzielen“, erläutert Gay. Quelle: dpa
Starke SicherheitsorientierungIm Vordergrund jeder Entscheidung steht die Sicherheitsorientierung. 63 Prozent der Befragten steht der Aspekt der Sicherheit an erster Stelle. Rund 25 Prozent legen Wert auf größtmögliche Flexibilität der Geldanlage. Nur jeder Zehnte hat hohe Gewinnziele im Blick. Quelle: dpa

Die Finanzierungskosten für Europas riskanteste Unternehmen sind sechs Jahre lang durch die Zentralbankpolitik niedrig gehalten worden. Jetzt beginnen sie zu steigen. Die durchschnittliche Rendite von Hochzinsanleihen ist seit Anfang Juli um 0,5 Prozentpunkte auf 4,15 Prozent geklettert, wie Indexdaten von Bank of America Merrill Lynch zeigen. Das ist die höchste Rendite seit Februar. Noch im Mai lag sie auf einem Rekordtief bei 3,46 Prozent.

Auch beginnen die Bondanleger, sich gegen die zunehmende Aufweichung von Schutzklauseln in den Anleihebedingungen zu stemmen. Repräsentanten von mindestens sechs Investoren haben sich im Juli in London mit der Association for Financial Markets in Europe getroffen, um über eine Verschärfung der Bedingungen zugunsten von Anlegern zu sprechen.

„Wir nähern uns einem Wendepunkt“, sagt Jon Mawby Vermögensverwalter bei GLG Partners in London. Die Gesellschaft hat den Anteil der Junkbonds in ihrem Bondfonds von 45 Prozent im vergangenen Jahr auf nur mehr 15 Prozent verringert. „Wenn Investoren selbstzufriedener werden, auch wenn sich die Strukturen der Transaktionen ungemein zu Ungunsten der Anleger verschlechtern und die Renditen komprimiert werden, dann sollten wir das als Warnsignal betrachten“, ergänzt er.

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