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Verkehrte (Finanz-)Welt
Seit der globalen Finanzkrise von 2008 ist die Sorge vor einem erneuten Crash ein ständiger Begleiter. Quelle: AP

Keine Angst vor der Krise!

Viele Investoren halten eine neue Finanzkrise für wahrscheinlich, aber wann genau der Kurseinsturz kommt, ist schwer vorherzusagen. Anleger sollten über ihre Verlusttoleranz nachdenken, um nicht überrascht zu werden.

Seit der globalen Finanzkrise von 2008 ist die Sorge vor einem erneuten Crash ein ständiger Begleiter. Der Handelskonflikt zwischen den USA und China, politische Spannungen, Brexit-Turbulenzen, ein Defizit-Haushalt in Italien, der Einbruch der Börsenkurse Mitte Oktober – all dies gibt immer wieder Anlass zu zahlreichen Medienberichten und Analysen, die eine neue Krise am Horizont sehen. Auch unter Fachleuten sind die Bedenken zuletzt größer geworden: Einer aktuellen Studie des CFA Institute zufolge halten 54 Prozent der befragten institutionellen Investoren eine erneute Finanzkrise innerhalb der nächsten drei Jahre für sehr wahrscheinlich oder sogar extrem wahrscheinlich. 2016 waren es nur 29 Prozent.

Haben wir also Grund zur Panik? Nein, denn Wachstum ist kein stetiger Prozess und Krisen sind keine seltenen Phänomene. Seit der Erfindung des Geldes und der Finanzmärkte hat es Krisen gegeben, die zu schmerzhaften Verlusten führten. Deutsche Aktien verloren im Durchschnitt alle fünf Jahre deutlich an Wert (siehe Grafik unten).

Einerseits lassen sich Kursverluste auf spezifische Ereignisse wie etwa den Konkurs der Lehman-Bank oder die Anschläge des 11. September 2001 zurückführen. Die Vorhersage solcher Ereignisse ist jedoch im Vorfeld so gut wie unmöglich. Anleger können aber die Stabilität des Kapitalmarktes daran beurteilen, wie negative Ereignisse interpretiert werden. Grundsätzlich gilt, dass in einem wirtschaftlichen Aufschwung negative Nachrichten an den Märkten weniger kritisch gesehen werden als in einer Rezession beziehungsweise einer Phase sinkender Kurse.

Diverse Ereignisse hoher Kursverluste am deutschen Aktienmarkt seit 1918. Quelle: StarCapital AG; Stand: 16.10.2018

Andererseits treten jedoch auch immer wieder Kursverluste auf, die sich nicht durch neue Informationen erklären lassen. Wenn, wie am „Schwarzen Montag“ (19. Oktober 1987), die weltweiten Aktienmärkte um mehr als 20 Prozent einbrechen, dann sollte sich eigentlich feststellen lassen, was die überraschende und am Börsentag davor noch vollkommen unbekannte Ursache für diesen Kursrückschlag gewesen war. Doch kein gigantischer Meteorit schlug an diesem Tag ein, der ein Fünftel der Wirtschaftsleistung vernichtete. Aus heutiger Perspektive erscheint der damalige Crash als bloße Korrektur eines zu schnellen und zu steilen Zins- und Aktienkursanstiegs. Dieses Beispiel ist kein Ausnahmefall.

Die wissenschaftliche Forschung untersucht seit mehr als 30 Jahren die Beziehung zwischen Aktienkursen und Nachrichten (siehe Roll (1988), Cutler (1989), Tetlock (2007), Boudoukh (2012)). Die meisten Studien konnten jedoch kein starkes Verhältnis zwischen Aktienrenditen und neuen Informationen nachweisen. Kursverluste treten somit auch dann auf, wenn keine neuen fundamentalen Informationen vorliegen.

Jens Kummer, CFA, ist Senior-Portfoliomanager bei der StarCapital AG und war davor 5 Jahre Managing Partner bei der MARS Asset Management und 11 Jahre im Hause der SEB Investment GmbH als Leiter Multi Asset und Produktmanagement tätig. Er leitete zudem den Bereich Systemische Aktienprodukte bei der Cominvest Asset Management GmbH und startete seine Karriere als Consultant bei KMPG. Seit 2004 ist er CFA Charterholder und Mitglied der CFA Society Germany. Quelle: StarCapital AG

Das Problem liegt einerseits darin, dass auf den Kapitalmärkten (praktisch) unendlich viele Informationen existieren, die von Marktteilnehmern jeweils unterschiedlich interpretiert werden. Andererseits führt die Preisinformation wieder zu Rückkopplungen bei den Marktteilnehmern und löst weitere Käufe/Verkäufe aus. Die Folge sind Fluktuationen im Kleinen, die sich zu Wachstumsschüben organisieren, aber auch zu chaotischem und unkontrollierbarem Verhalten aufschaukeln können.

Parallelen in der Natur

Solche Preisbildungsprozesse weisen viele Parallelen zu "selbstorganisierenden dynamischen Systemen mit Rückkopplung" in Natur und Gesellschaft auf. Ein Vergleich macht deutlich, was gemeint ist: Sandkörner rieseln auf einen Haufen, bis dieser eine kritische Höhe erreicht und auseinander rutscht. Darauf wächst er erneut, bis wieder eine kritische Steilheit erreicht ist und Sandlawinen nach unten rutschen. So wie es unterschiedlich starke Sandlawinen gibt, treten auf den Kapitalmärkten unterschiedlich starke Kursrückschläge auf.

Die folgende Grafik zeigt die Abfolge solcher „Lawinen“ beziehungsweise Tagesverluste im DAX von drei Prozent und mehr seit 1965.

Dax mit Tagesverlust von 3 Prozent und mehrKursentwicklung des DAX seit 1965, Tagesverluste von 3% hervorgehoben. Quelle: StarCapital AG; Stand: 16.10.2018

Während in den Siebziger Jahren gerade einmal der Tage mit Verlusten von mehr als drei Prozent auftraten, stieg die Anzahl in den Achtziger und Neunziger Jahren auf 17 beziehungsweise 38 Tage. Fast 100 Tage mit heftigen Kursrückschlägen verbuchte das letzte Jahrzehnt von 2000 bis 2010. Seit 2010 traten bisher 33 Tagesverluste von mehr als drei Prozent auf, der letzte im Sommer 2016. Dies ist die längste Phase ohne Rücksetzer seit 1985.

Anleger sollten mit Krisen rechnen

Der Blick auf die vergangenen 100 Jahre zeigt: Finanzmärkte haben die Eigenschaft, in Richtung einer Instabilität zu reifen. Wenn ein kritischer Zustand erreicht wird, kann ein kleiner Auslöser eine Krise herbeiführen. Dies ist kein seltenes Phänomen. Anleger sollten deshalb den Anlagemix in ruhigen Zeiten an der persönlichen Verlusttoleranz ausrichten, um beim nächsten Kurseinbruch nicht überrascht zu werden.

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