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StromtrassenausbauBürgeranleihe übervorteilt Privatinvestoren

Anwohner sollen den Stromnetzausbau für die Energiewende über spezielle Papiere mitfinanzieren. Die locken mit hohen Zinsen, sind aber trotz dem Segen der Regierung riskant und trickreich konstruiert.Günter Heismann 16.08.2013 - 15:45 Uhr

Fragwürdige Anreize sollen die Bürger zur Teilnahme an der Finanzierung neuer Stromtrassen verlocken

Foto: dpa

Die Strommanager aus Holland kommen derzeit viel herum in der norddeutschen Provinz. An vergangenen Montag fanden sich Führungskräfte des Netzbetreibers Tennet TSO in Garding ein, einem Marktflecken mit 2500 Seelen in Nordfriesland. Im Verwaltungsgebäude des Amtes Eiderstedt standen sie besorgten Bürgern von 8 bis 12.30 Uhr Rede und Antwort. Tags darauf ging es weiter nach Heide, dem Zentrum der ehemaligen Bauernrepublik Dithmarschen. Die Rundreise endete am Donnerstag in der Gemeinde Marne in der Südermarsch, wenige Kilometer entfernt vom stillgelegten Atomkraftwerk Brunsbüttel.

Kaum einer will die neue Anleihe

Die Fragen, die die Tennet-Manager beantworten müssen, sind stets dieselben: Wo genau wird die 150 Kilometer lange neue Stromtrasse verlaufen, die das niederländische Unternehmen entlang der Westküste von Schleswig-Holstein bauen will? Gefährdet Elektrosmog die Gesundheit der Anwohner? Werden die umliegenden Wohnhäuser und Bauernhöfe an Wert verlieren, wenn sich die 380-Kilovolt-Leitung dereinst von Niebüll bis nach Brunsbüttel erstreckt?

Die neue Stromtrasse und ihre Varianten. Zum Vergrößern auf die Grafik klicken

Foto: WirtschaftsWoche

Nicht zuletzt machten Tennet-Geschäftsführer Lex Hartman und seine Kollegen auf ihrer Landpartie Propaganda für ein Wertpapier, das derzeit kaum jemand haben will – die neue Anleihe, die das Unternehmen den Anwohnern der geplanten Stromautobahn anbietet. Die Resonanz ist bislang schwach. Von den 160.000 Haushalten, die Tennet im Juni angeschrieben hat, forderten bislang gerade einmal 2000 Informationsmaterial an – gekauft hat den Strombond offensichtlich so gut wie niemand.

Die umworbenen Investoren aus Dithmarschen und Nordfriesland tun gut daran, die Zeichnung zu verweigern: Die Rendite ist zu niedrig, die Risiken sind zu hoch, verkauft werden kann die Anleihe womöglich nur unter hohen Verlusten.

Vor allem aber ist der Bond – eine Hybridanlage mit unbestimmter Laufzeit – hoch kompliziert. "Für Kleinanleger ist dieses Produkt schwer zu durchschauen", warnt Analyst Jannik Prochnow von der Nord/LB.

Scheitert die Emission des Strombonds von Tennet, dann scheitert womöglich auch ein ehrgeiziger Plan, den Umweltminister Peter Altmaier Ende 2012 ausgeheckt hat. Er will den weitverbreiteten Widerstand in der Bevölkerung gegen den Ausbau des Stromnetzes mit finanziellen Anreizen überwinden.

Die "Bürgerleitung" als Konzept

Wie in Schleswig-Holstein sollen sich in ganz Deutschland Anwohner am Bau neuer Trassen beteiligen, mit denen Windstrom aus Norddeutschland zu den Verbrauchern im Süden transportiert wird. Bundesweit müssen schätzungsweise 20 Milliarden Euro in den Bau neuer Höchstspannungsleitungen investiert werden, damit die Energiewende nicht ins Stocken kommt. Dies lässt vielerorts die Fantasie blühen.

Anfang Juli haben Altmaier, Wirtschaftsminister Philipp Rösler sowie die vier Netzbetreiber Amprion, 50 Hertz, Tennet und Transnet BW ein gemeinsames Rahmenkonzept für sogenannte "Bürgerleitungen" vorgestellt. Mit bis zu 15 Prozent können sich Anwohner an den Investitionen für neue Stromtrassen beteiligen. Damit möglichst viele Bürger Anleihen zeichnen, sollen diese eine Mindeststückelung von nur 1000 Euro haben. Im Gegenzug versprechen die Betreiber "marktgerechte Renditen" bis zu fünf Prozent pro Jahr. "Die Bürgerdividende kann damit zu einem hilfreichen Instrument bei der Umsetzung der Energiewende werden", behaupten Regierung und Stromkonzerne in ihrem Eckpunktepapier.

Im internationalen Vergleich gibt es kaum ein zweites Land, das sich derart ambitionierte Ziele zur Umstellung seines Energiesystems gesteckt hat wie Deutschland. Daher existiert auch kein Gesamtkonzept, das als Blaupause für die deutsche Energiewende dienen könnte. Dennoch kann Deutschland von anderen Ländern lernen. Eine Studie von McKinsey im Auftrag von Siemens stellt Beispiele aus verschiedenen Ländern vor und zeigt, was davon in welchem Umfang auch in Deutschland erfolgreich umgesetzt werden könnte. Die Fallbeispiele beziehen sich auf die wesentlichen Elemente der deutschen Energiewende entlang der Energiewertschöpfungskette: Stromerzeugung, Verteilung oder Balancierung von Angebot und Nachfrage sowie Steigerung der Energieeffizienz.

Foto: dpa

Dänemark, Niederlande, Brasilien - Versteigerung von Windparks

Der Ausbau von Solar und Windkraft wird die Regierung bis 2020 rund 30 Milliarden Euro kosten. Eine Möglichkeit, den Kostenanstieg zu drosseln, wäre eine Anpassung der Förderung, zum Beispiel durch Auktionierung von Windparkprojekten – wie in Brasilien, Dänemark oder den Niederlanden praktiziert. So kann erreicht werden, dass Windparks an windreichen Standorten mit einer geringeren Vergütung auskommen. Würden in Deutschland die infrage kommenden Windparkprojekte in Zukunft versteigert, könnten allein im Jahr 2020 rund 0,7 Milliarden Euro an Förderkosten eingespart werden.

Foto: dpa

China – bessere Nutzung von Abwärme

Abwärme lässt sich bei Temperaturen ab circa 300 Grad Celsius zur Stromerzeugung nutzen. In Deutschland gibt es unter anderem in der Zement- und Glasindustrie weitere Potenziale, die andere Länder beziehungsweise Pilotanlagen in Deutschland bereits nutzen: So wurden in China in den  vergangenen zehn Jahren knapp 30 Zementwerke mit entsprechenden Anlagen ausgestattet oder werden aktuell umgerüstet. Durch Nachrüsten der in Deutschland infrage kommenden Werke könnten hier im Jahr 2020 etwa 2 TWh Strom erzeugt und so eine Megatonne CO2 eingespart werden. Die Investitionen würden sich bereits nach rund drei Jahren amortisieren, so die Autoren der Studie.

Foto: REUTERS

Shanghai – bessere Transformatoren

Jetzt wird es technisch, aber im Grunde simpel. Transformatoren sind  für die Stromversorgung unverzichtbar, da elektrische Energie nur mittels Hochspannungsleitungen über weite Entfernungen wirtschaftlich sinnvoll transportiert werden kann; der Betrieb von Elektrogeräten ist aber nur mit Nieder- und Kleinspannung praktikabel und sicher. Transformatoren haben einen magnetischen Kern, meist Eisen, man kann aber auch so genannte amorphe Metalle verwenden. Sie haben bessere magnetische Eigenschaften und senken Übertragungsverluste im Netz.  In Shanghai konnten die Leerlaufverluste der ausgetauschten Transformatoren um 80 % reduziert werden konnten. Allein die Ausstattung der in Deutschland bis 2020 neu zu installierenden Transformatoren mit amorphen Kernen könnte die Übertragungsverluste im Stromnetz im Jahr 2020 um 0,2 TWh reduzieren. Dies entspricht der Stromproduktion von circa 65.000 Aufdach-Solaranlagen. Durch die Einsparungen  würden sich die erforderlichen Investitionen nach circa elf Jahren amortisieren.

Foto: dpa

Schweden – mehr Wärmepumpen

Eine Wärmepumpe entzieht zum Beispiel dem Boden oder der Luft unter Aufwendung mechanischer oder elektrischer Energie thermische Energie und stellt diese zur Raumheizung zur Verfügung. Momentan sind in Schweden bei 9,5 Mio. Einwohnern 1 Mio. Wärmepumpen installiert, gegenüber circa  0,5 Mio. Wärmepumpen in Deutschland bei rund 81 Millionen Einwohnern. Der Ausbau zusätzlicher 0,7 Millionen Wärmepumpen in Deutschland bis 2020 würde zu einer Senkung des Primärenergiebedarfs um 18 PJ und zu einer Senkung der CO2-Emissionen um 0,6 Mt für das Jahr 2020 führen.

Foto: "Tourismusverband Westschweden

Foto: Blumenbüro Holland/dpa/gms

USA – Stromnachfrage besser steuern

Die Stromerzeugung aus Wind und Sonne schwankt wetterabhängig sehr stark. Das belastet das Netz. Die Schwankungen lassen sich durch eine flexiblere Stromnachfrage ausgleichen. Im Nordosten der USA hat man dazu einen Markt für temporäre Nachfragereduzierung geschaffen. Zu Spitzenzeiten reduzieren Stromkunden ihren Verbrauch freiwillig und erhalten hierfür eine Vergütung. Bei diesem Fallbeispiel wurde die Spitzenlast in einem Markt, der größer als der deutsche ist, um circa 8 % reduziert. Würde Deutschland in ähnlicher Weise allein seine industrielle Nachfrage flexibilisieren, könnten 2020 etwa 0,5 Milliarden Euro eingespart werden. Das entspricht den jährlichen Betriebskosten von zwei großen Kohlekraftwerken.

Foto: AP

Los Angeles – LED-Straßenbeleuchtung

International hat eine Reihe von Städten den Austausch der klassisch verwendeten Natrium-Hochdrucklampen durch LED s vorangetrieben. In den USA installierte zum Beispiel Los Angeles von 2009 bis 2013 in 146.000 Ampeln und Straßenleuchten mit LED. Mit Investitionen von rund 45 Millionen Euro konnte eine Reduzierung des Stromverbrauchs von rund 60 % erreicht werden.

Foto: Presse

Österreich – mehr öffentlicher Personennahverkehr (ÖPNV), mehr Elektrobusse

Im Jahr 2009 lag der ÖPNV-Anteil in Berlin bei 29 Prozent, in München bei 26 Prozent. In Wien dagegen liegt der Anteil bei 35 Prozent. Würde man den ÖPNV-Anteil in Berlin, Hamburg, München und Köln analog zu Wien auf 35 Prozent steigern, würde parallel dazu der Pkw-Verkehr zurückgehen. Da der öffentliche Nahverkehr geringere CO2-Emissionen erzeugt als Pkw, würde dies zu einem Rückgang der CO2-Emissionen führen.

Wien pilotiert aktuell außerdem den Einsatz von Elektrobussen. In Deutschland werden die Busflotten momentan nahezu komplett mit Diesel betrieben. Bei einer Erneuerungsrate von 8 Prozent pro Jahr würden bis 2020 mehr als 2.000 Elektrobusse auf deutschen Straßen fahren. Nach dem für 2020 erwarteten Strommix aus grünen und konventionellen Kraftwerken, würde dies zu weniger CO2-Emissionen führen, denn dann würden E-Busse deutlich sauberer fahren als Dieselbusse.

Foto: AP

China – Fahrerassistenzsysteme in U-Bahnen

In Deutschland gibt es in vier Städten U-Bahnen, insgesamt sind 1.500 Züge im Einsatz. Sie verbrauchen 0,7 TWh Strom. Fahrerassistenzsysteme können den Verbrauch senken. Sie optimieren den Energieverbrauch von U-Bahn-Zügen durch Steuerung der Türen, der Stopps sowie der Fahrten zwischen den U-Bahnhöfen. In China werden alle neuen U-Bahnen mit Fahrerassistenzsystemen ausgestattet. Gegenüber einer konventionellen U-Bahn-Steuerung verbrauchen die U-Bahnen so 15 % weniger Strom.

Foto: REUTERS

Mexiko – Abwrackprämie für Haushaltsgeräte

Ein neuer Kühlschrank der aktuell höchsten Effizienzklasse verbraucht 150 kWh pro Jahr und damit circa 30 % weniger als ein durchschnittlicher, zehn Jahre alter Kühlschrank. Mexiko hat 2009 ein Anreizsystem für den Austausch von "Weißer Ware" aufgelegt . Ziel war es, Kühlschränke, die älter als zehn Jahre waren, durch neue Geräte zu ersetzen. Bedingung war, dass die Neugeräte den mexikanischen Effizienzstandard um mindestens 5 % überbieten mussten. Das Anreizsystem bot Barauszahlungen und Subventionen von Finanzierungslösungen sowie zusätzliche Leistungen für den Abtransport und das Recycling der Altgeräte. Im Rahmen des Programms haben seit 2009 1,5 Millionen Haushalte ihre alten Kühlschränke ersetzt. Dadurch konnte die durchschnittliche Stromnachfrage pro Haushalt um 7 % reduziert werden.

Foto: AP

Spanien – höhere Energieeffizienz

Elektrische Antriebe verbrauchten in der deutschen Industrie im Jahr 2010 etwa 85 TWh Strom. Die Energieeffizienz der derzeit eingesetzten Antriebssysteme könnte verbessert werden. Madrid setzt etwa für die Wasserversorgung drehzahlvariable Pumpen ein, nach zwei Jahren amortisierten sich die Kosten. Im Jahr 2020 könnte der industrielle Stromverbrauch in Deutschland um circa 6 TWh reduziert werden, wenn alle Antriebe ausgetauscht würden, deren Anschaffung sich nach maximal drei Jahren rechnet.

Foto: dpa

In Deutschland wird das Potenzial neuer Antriebe in Industrieanlagen noch nicht ausgeschöpft, so die Studie. Das Umrüsten im laufenden Betrieb sei zum Teil schwierig, in manchen Betrieben gebe es nur wenig Transparenz bezüglich realisierbarer Einsparungen und bei längeren Amortisationszeiten fehlt häufig die Bereitschaft der Entscheider, Kapital zu binden. Hier könnten Ansätze wie das Energiespar-Contracting helfen: Die Investitionen werden von einem Dienstleister finanziert und über die erfolgten Einsparungen beglichen, die zwischen Dienstleister und Besitzer aufgeteilt werden. Ähnliche Ansätze sind auch bei energetischen Gebäudesanierungen möglich und erleichtern dort die Überwindung der Investitionsschwelle.

Foto: dpa

Schwierige Löschung von Windrad-Bränden

Die schmalen, hohen Windmasten sind bei einem Brand kaum zu löschen. Deshalb lassen Feuerwehrleute sie meist kontrolliert ausbrennen – wie im April in Neukirchen bei Heiligenhafen (Schleswig-Holstein).

Foto: dpa

Tiefflughöhe steigt

Die Bundeswehr hat die Höhe bei nächtlichen Tiefflügen angepasst. Wegen Windradmasten kann die Tiefflughöhe bei Bedarf um 100 Meter angehoben werden. Der Bundesverband Windenergie (BWE) begrüßt, dass dadurch Bauhöhen von bis zu 220 Meter realisiert werden können. Die Höhe des derzeit höchsten Windradtyps liegt bei etwa 200 Metern.

Foto: dpa

Dieselverbrauch durch Windräder

Viele neue Windkraftanlagen entstehen – ohne ans Netz angeschlossen zu sein. Solange der Netzausbau hinterherhinkt, erzeugen die Windräder keine Energie, sondern verbrauchen welche. Um die sensible Technik am Laufen zu halten, müssen Windräder bis zu ihrem Netzanschluss mit Diesel betrieben werden. Das plant etwa RWE bei seinem im noch im Bau befindlichen Offshore-Windpark „Nordsee Ost“.

Foto: AP

Stromschläge für Feuerwehrleute

Solarzellen lassen sich meist nicht komplett ausschalten. Solange Licht auf sie fällt, produzieren sie auch Strom. Bei einem Brand droht Feuerwehrleuten ein Stromschlag, wenn sie ihren Wasserstrahl auf beschädigte Solarzellen oder Kabel halten. Diese Gefahr droht nicht, wenn die Feuerwehrleute aus sicherer Entfernung den Wasserstrahl auf ein Haus richten – aber, wenn sie dabei ins Haus oder aufs Dach gehen. Stromschlagsgefahr gibt es ebenso für Feuerwehrleute, wenn sie nach einem Straßenunfall Personen aus einem beschädigten Elektroauto bergen müssen.

Foto: AP

Störende Schatten

Windräder werfen Schatten – manche Anwohner sehen darin eine „unzumutbare optische Bedrängung“, wie es das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen ausdrückte. Es gab einer Klage recht, die gegen ein Windrad in Bochum gerichtet war. Im Februar wies das Bundesverwaltungsgericht die Revision des Investors ab. Das Windrad wird nun gesprengt.

Foto: dpa

Gestörte Navigation

Auf hoher See wird es voll. Windparks steigern nicht nur das Kollisionsrisiko mit Schiffen. Die Rotoren stören auch das Radarsystem. Der Deutsche Nautische Verein schlägt daher vor, dass Windparks nur genehmigt werden, wenn die Betreiber auch neue Radaranlagen an den Masten installieren.

Foto: dapd

Windrad-Lärm

Windräder drehen sich nicht nur, dabei machen sie auch Geräusche. Je stärker der Wind, desto lauter das Windrad – und das wollen viele Bürgerinitiativen nicht hinnehmen. Ein Beschwerdeführer aus dem westfälischen Warendorf erreichte im September 2011 vorm Verwaltungsgericht Münster zumindest, dass eine Windkraftanlage nachts zwischen 22 und 6 Uhr abgeschaltet wird.

Foto: dpa

Fachleuten kräuseln sich angesichts dieses Geschwurbels die Nackenhaare. Die Anwohner werden keineswegs eine "Dividende" erhalten, wie dies bei der Ausgabe von Aktien der Fall wäre. Geplant ist vielmehr die Emission von Anleihen mit festen Zinssätzen. Überdies können sich die Bürger gar nicht unmittelbar an Stromleitungen beteiligen. Vielmehr finanzieren die Anwohner mit Strombonds wie bei Tennet das gesamte Unternehmen, ohne irgendeinen Einfluss auf die Verwendung der Gelder zu haben. Bürgerprojekte sehen anders aus.

Obendrein sind die Konditionen keineswegs so attraktiv, wie dies auf den ersten Blick scheint. Tennet verspricht für das erste Bürgerpapier zwar Zinsen von fünf Prozent. Doch die werden erst nach Baubeginn gezahlt – in der Zwischenzeit gibt es lediglich drei Prozent. "Wird mit dem Bau der Leitung, wie geplant, im Jahr 2015 begonnen, beträgt die durchschnittliche Rendite bis zur ersten Kündigungsmöglichkeit zehn Jahre nach Baubeginn rund 4,6 Prozent", rechnet Analyst Prochnow vor.

Genehmigung kann Jahre dauern

Doch es ist keineswegs sicher, dass die Bautrupps schon 2015 in Holstein anrücken. Hunderte von Anwohnern wollen gegen die Westküstenleitung klagen. Es dürfte also noch viele Jahre dauern, bis die Trasse endlich genehmigt ist – nicht zuletzt deshalb, weil sich wohl nur die wenigsten Kläger ihre Rechte mit Geld abkaufen lassen. "Damit hängt die gesamte Rendite der Bürgeranleihe von der Länge der Genehmigungsphase ab", räumt Tennet-Geschäftsführer Hartman ein. Verzögert sich der Baubeginn zum Beispiel um zwei Jahre, sinkt die durchschnittliche Rendite für zehn Jahre auf rund vier Prozent.

Überdies kann die Verzinsung der Anleihe von 2018 an neu festgelegt werden. Und "ab Baubeginn räumt sich Tennet das Recht ein, die Zinszahlungen zu stunden", warnt Analyst Prochnow. Es sei zwar schwer vorstellbar, dass das Unternehmen hiervon Gebrauch mache. Außerdem würden eventuell gestundete Zahlungen ebenfalls verzinst. Doch die Anleger sollten diesen Punkt im Auge behalten. Wer beispielsweise seine Rente mit den versprochenen Zinsen aufbessern will, könnte womöglich jahrelang leer ausgehen.

Anleihe wäre sehr anfällig für Kursschwankungen

Wollen Anleger ihre Bonds veräußern, weil sie beispielsweise Bargeld benötigen, müssen sie auf böse Überraschungen gefasst sein. Die Tennet-Anleihe soll zwar an den Börsen von Hamburg und Luxemburg gelistet werden, wenn die Zeichnungsfrist Ende August abläuft. Dennoch dürfte es schwer sein, die Bonds zu einem fairen Preis loszuwerden. Selbst Tennet-Boss Hartman rechnet damit, dass der Markt für seinen Bond "aufgrund des Volumens und Art der Investoren möglicherweise nicht besonders liquide sein wird". Die Nord/LB schätzt, dass Tennet bei den Anlegern lediglich rund zehn Millionen Euro einsammeln wird. Wegen des geringen Volumens dürfte die Anleihe sehr anfällig für Kursschwankungen sein.

Entgeistert registrieren Analysten, dass Tennet praktisch keine Vorkehrungen trifft, um seine Anleger vor Kursverlusten zu schützen. Üblicherweise sorgen sogenannte Market Maker oder Designated Sponsors im Auftrag des Emittenten dafür, dass der Handel in Schwung bleibt. Sie springen ein, wenn sich auf dem Markt kein anderer Käufer findet, der angebotene Wertpapiere übernehmen will. Dann können Verkäufer sicher sein, dass sie einen halbwegs angemessenen Preis bekommen. Doch solche Liquiditätsspender sind bei der Tennet-Anleihe schlicht nicht vorgesehen.

Wer unter diesen Umständen nicht verkaufen will oder kann, muss womöglich ewig warten, bis er sein Geld zurückbekommt. Kündigen kann den Strombond nur Tennet selbst – und zwar frühestens nach zehn Jahren. Der Zeichner ist also ganz auf die Gnade des Emittenten angewiesen, was ungewöhnlich ist.

Obendrein müssen die Anleger sich klarmachen, dass der Bond nachrangig ist. "Die Zeichner stehen in der Liste der Gläubiger weit hinten. Im Fall einer Insolvenz hätten sie nur geringe Chancen, ihr Kapital wiederzusehen", so Jürgen Kurz von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz.

Angesichts der unübersehbaren Risiken der Anleihe bewerten die Ratingagenturen den Tennet-Bond ziemlich mau. Moody’s vergibt die Note Baa3, also die unterste Stufe in der Investitionsklasse. Die Anleihe wäre demnach gerade noch für konservative Investoren zu empfehlen. Bei Standard & Poor’s lautet das Rating aber schon schwächer mit nur BB+. Damit wird der Bond bereits als spekulativ eingestuft. Vorsichtige Anleger sollten deshalb lieber die Finger davon lassen.

Andere Netzbetreiber warten ab

Die Struktur der Bürgeranleihe und das zu erwartende geringe Handelsvolumen würden eigentlich eine deutlich höhere Verzinsung als bestenfalls 4,6 Prozent einfordern. "Sieben Prozent müsste man Privatanlegern eigentlich schon bieten", so ein am Verfahren beteiligter Experte, der seinen Namen angesichts der politischen Brisanz des Themas lieber nicht gedruckt sehen möchte.

Mit Spannung beobachten die übrigen Netzbetreiber, ob Konkurrent Tennet bei seinem Pilotprojekt eine gewischt bekommt. "Abwarten", lautet dort die Devise. "Bisher haben wir weder ein fertiges Produkt noch ein passendes Leitungsbauprojekt, bei dem wir die Bürgerdividende einsetzen könnten", heißt es bei Amprion, die Stromleitungen in Bayern und Westdeutschland betreibt. "Wir werden eine solche Anleihe mit kleinen Stückelungen und einer Vielzahl von Investoren nur auflegen, wenn wir die Mehrkosten auf die Strompreise überwälzen können", heißt es bei Transnet BW aus Baden-Württemberg. Ähnliches lässt 50 Hertz aus Ostdeutschland verlauten: "Wir müssen erst einmal prüfen, ob in unserer Region überhaupt genügend Anwohner eine Affinität zu Anleihen und ähnlichen Investments haben."

Angesichts des denkbar geringen Interesses in der Bevölkerung beginnt nun auch Tennet die Flagge einzuziehen. "Die Bürgeranleihe ist ein neuer Weg, um über eine finanzielle Beteiligung für mehr Verständnis für den Stromnetzausbau zu werben. Sie ist aber nicht der einzige und auch nicht der wichtigste Weg", sagt Geschäftsführer Hartman. "Viel wichtiger als die Frage, wie es läuft, ist, was wir aus dem Pilotprojekt Bürgeranleihe lernen können."

Mit anderen Worten: Das Tennet-Management rechnet damit, dass der neue Bond zur Finanzierung von Stromtrassen ein fürchterlicher Reinfall wird.

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