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Unternehmensdarlehen Kreditvergabe auf der Kippe

Deutsche Unternehmen fürchten derzeit nichts so sehr wie eine anhaltende Kreditklemme. Doch momentan gewähren deutsche Banken noch eher Darlehen als die Konkurrenz in Europa. Doch jüngste Zahlen der Europäischen Zentralbank belegen, dass sich das bald ändern könnte.

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Deutsche Banke geben derzeit großzügiger Kredite als die europäische Konkurrenz. Quelle: AP

FRANKFURT. Deutschland ist bislang eines der wenigen Länder des Euro-Raums, das von der drastischen Verschlechterung der Finanzierungsbedingungen noch nicht stark in Mitleidenschaft gezogen worden ist. Allerdings belegen jüngste Zahlen der Europäischen Zentralbank (EZB), dass sich das ändern könnte.

Die beruhigende Seite der Fakten sieht so aus: Während zum Beispiel in Spanien bis Dezember 2008 der Nettoneukredit an die Unternehmen um acht Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) zurückging, nahm er in Deutschland im Vorjahresvergleich sogar noch leicht zu. Wie die Auswertung der Statistik der EZB durch das Handelsblatt zeigt, lag das deutsche Unternehmenskreditvolumen im Dezember um 88 Mrd. Euro über dem Vorjahr. Ein Jahr zuvor waren es erst 59 Mrd. Euro gewesen. Das entspricht einer Zunahme des Nettoneukredits um gut ein Prozent des BIP.

Beunruhigender ist dagegen, dass diese Steigerung nicht ausreicht, um die Rückgänge im übrigen Euro-Raum wettzumachen. Zudem gibt es Anzeichen, dass auch im deutschen Kreditzyklus eine Wende zum Schlechteren bevorsteht. Nach der letzten Umfrage der Bundesbank bei den Kreditverantwortlichen der Banken von Oktober verschärfte ein Drittel der Befragten bei allen Unternehmenskrediten ihre Standards. Bei den Krediten an Großunternehmen war es sogar gut die Hälfte. Das deutet darauf hin, dass die Stagnation des Unternehmenskreditvolumens im Dezember im Vergleich zum Vormonat Vorbote einer Wende sein könnte.

Für die bereits eingetretene scharfe Wende im europäischen Kreditzyklus führen Volkswirte drei Gründe an. Der Wert der Unternehmen und das Vermögen der Haushalte ist durch Kurseinbrüche bei Aktien und zum Teil auch bei Immobilien gesunken, weshalb viele ihre Verschuldung zurückfahren müssen. Unternehmen investieren weniger, Haushalte schränken den Konsum ein und brauchen entsprechend weniger Kredit. Und schließlich haben die Banken ihre Kreditvergabebedingungen seit Ausbruch der Finanzkrise nach eigenen Angaben drastisch verschärft, so dass diejenigen, die Kredit wollen, das Geld nicht mehr so leicht bekommen.

Bei den deutschen Haushalten nahm das Volumen des Nettoneukredits zwar zu, dies aber nur weil sie netto 2008 nicht mehr so viel tilgten wie 2007. Der Nettoneukredit ist die Kreditaufnahme abzüglich der Tilgung. Um die Veränderung dieser Größe weitet sich der Ausgabenrahmen der Unternehmen und Haushalte aus. Steigt der Nettoneukredit, haben sie entsprechend mehr Geld für Ausgaben zur Verfügung. Sinkt der Neukredit, wird der Ausgabenrahmen kleiner.

In Irland dagegen kam es hier zu einem dramatischen Umschwung von einer Ausdehnung des Neukredits bis Ende 2007 um mehr als acht Prozent des BIP zu einem Rückgang um über drei Prozent, ein Unterschied von über 13 Prozent des Bruttoinlandsprodukts in einem Jahr. Im Spanien, das wie Irland mit einer geplatzten Immobilienblase zu kämpfen hat, betrug der Rückgang immerhin rund fünf Prozent des BIP.

Dass Deutschland solche Zahlen noch nicht aufweist, hängt damit zusammen, dass es hier anders als in vielen anderen Euro-Ländern keinen Immobilienboom gegeben hat. Die Verschuldung der Haushalte war geschrumpft, anstatt wie in anderen Ländern drastisch zu steigen. Deutsche Unternehmen gingen es wegen der besonders lange andauernden Wirtschaftsflaute vor fünf Jahren vergleichsweise spät an, ihre Schuldenlast auszuweiten. "Es ist ein Lichtblick, dass es in Deutschland keine Kreditklemme gibt", meint Thomas Mayer, Europa-Chefvolkswirt der Deutschen Bank. Er sieht aber die Gefahr, dass die stark exportabhängige und auf Investitionsgüter spezialisierte deutsche Wirtschaft besonders unter dem internationalen Nachfrageausfall leiden wird.

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