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Kreatives Recycling Das Milliardengeschäft mit unserem Müll

Verbrennen oder verwerten: Wie geht man richtig mit Müll um? Innovative Unternehmen verknüpfen beides. Sie verwandeln Müll in hochwertige neue Produkte – und wertvollen Brennstoff.

Müllbunker in Hamburg: Immer mehr Abfall landet in der Verbrennung. Quelle: dpa

Uwe Greye verbringt seine Tage allein mit Tausenden Tonnen Müll in einem Bunker. Der Kranführer der Müllverbrennungsanlage im Hamburger Stadtteil Stellingen ist um seinen Job nicht zu beneiden. Umgeben von Dunkelheit, hockt er in einer verglasten Kanzel 20 Meter über dem Grund.

Zu seinen Füßen Berge von Hausmüll. Windeln, Staubsaugerbeutel, zusammengeknüllte Tüten und Folien, Teppichreste, kaputte Möbel, faules Obst und Gemüse – die Überbleibsel unserer Konsumgesellschaft.

Greye durchwühlt mit dem Kran den Haufen und wuchtet ihn in einen Trichter. Von dort fällt der Abfall in einen 900 Grad heißen Ofen. 100 Tonnen Müll bewegt der Hamburger pro Schicht, so viel wie rund 45.000 Haushalte am Tag produzieren.

Eigentlich müssten Männer wie Greye um ihren Job bangen. Deutschland gilt schließlich als Paradies des Recyclings.

Doch der 55-Jährige arbeitet in einer Boombranche. Denn immer mehr Abfall landet in der Verbrennung. Waren es 2004 noch 28 Millionen Tonnen, sind es heute schon 45 Millionen Tonnen. Rund die Hälfte des deutschen Haus- und Gewerbemülls wird einfach verheizt.

Den Politikern in Brüssel und Berlin passt das gar nicht. „Wir wollen aus Europa eine Gesellschaft ohne Abfall machen“, hatte noch im Juli der gerade abgelöste EU-Umweltkommissar, der Slowene Janez Potocnik, verkündet. Auch die Bundesregierung hegt ähnliche Ambitionen. Und die neue EU-Kommission arbeitet schon mit Hochdruck daran, die Abfallgesetze in Europa zu vereinheitlichen.

Das Ziel: Kein Müll soll unsortiert bleiben, nichts direkt auf Deponien landen, die Recyclingquoten sollen steigen. Statt Rohstoffe der Erde abzuringen, sollen wir Abfälle, so die Idee, in neue Produkte verwandeln und so die Umwelt schonen. Kreislaufwirtschaft nennen Fachleute das.

Bei Papier und Glas klappt das bereits heute. Sie werden zu nahezu 100 Prozent recycelt (siehe Kurztextgalerie). Doch unsere Kunststoffabfälle aus dem gelben Sack landen überwiegend in einem der Öfen der mehr als 100 großen deutschen Verbrennungsanlagen.

Die Frage ist: Ist die sogenannte „thermische Verwertung“ wirklich so schlimm? Ist es immer besser, Abfall in neue Produkte zu verwandeln, statt ihn zu verbrennen?


Auf der Spur des Mülls

Wer in diesen Tagen der Spur des Abfalls folgt, erlebt es immer wieder – das Entweder-oder funktioniert nicht mehr. Die Müllmänner der Zukunft holen aus Reststoffen, was sich effizient wiederverwerten lässt. Aus dem Rest machen sie wertvollen Brennstoff. „Recycling und energetische Verwertung sind keine Gegensätze, beide Verfahren ergänzen sich“, sagt etwa der Berliner Müllexperte Karl Thomé-Kozmiensky, emeritierter Professor für Abfallwirtschaft an der Technischen Universität Berlin.

Selbst die Forscher des Freiburger Öko-Instituts räumen ein: „Auch bei noch so viel Recycling bleiben Abfälle, die auf andere Art genutzt werden müssen“, schreiben die Wissenschaftler Anfang dieses Jahres in einer Studie. Sie empfehlen, Müll in Industrieprozessen und leistungsstarken Kraftwerken zu verbrennen.

Gemessen an den erbitterten Diskussionen der Vergangenheit, ist das fast ein Tabubruch.

Es geht dabei nicht nur um einen Glaubensstreit zwischen Ökos und Verbrennern, sondern um ein Milliardengeschäft. Die Entsorgungs- und Recyclingbranche in Deutschland setzt im Jahr etwa 50 Milliarden Euro um und beschäftigt 500.000 Menschen. Rund 330 Millionen Tonnen Müll fallen jährlich hierzulande an. Das meiste ist Bauschutt, knapp ein Drittel ist Müll aus Privathaushalten und von Unternehmen.

Wie die Grenzen zwischen Recycling und Verbrennung verschwimmen, zeigt sich derzeit wohl nirgendwo so gut, wie im Städtchen Ennigerloh in Westfalen. Dort will der Ingenieur Jürn Düsterloh, Technischer Leiter des Start-ups Dieselwest, aus Abfall Benzin herstellen. In einem kleinen Reaktor wird Kunststoffabfall bei 360 Grad Hitze wieder eine Art Erdöl, aus dem anschließend eine Raffinerie Treibstoff destilliert. Insgesamt acht Millionen Euro haben ein Privatinvestor, der Remscheider Anlagenbauer Recenso, das Land Nordrhein-Westfalen und die EU für die Entwicklung Dieselwest zur Verfügung gestellt. Im Sommer 2015 soll die Pilotanlage ihre erste Testphase beenden. Schon jetzt rufen bei Dieselwest Bürger an und fragen, wo sie das „neue Benzin“ denn tanken können.

Die Pilotanlage von Dieselwest befindet sich auf dem Gelände der kommunalen Abfallwirtschaftsgesellschaft des Kreises Warendorf (AWG). Hier arbeiten bei Ecowest, einer AWG-Tochter, die wahrscheinlich fortschrittlichsten Müllmänner der Republik. In einer orangenen Warnweste führt Chefingenieur Thomas Kohlhaas über das 37-Hektar-Gelände und zeigt, wie moderne Abfallwirtschaft funktioniert.

Herzstück ist die Sortieranlage. Der Riese aus Hunderten Meter Förderband, das in mattem Schwarz seine Bahnen zieht, verwandelt Abfall in ein wattegleiches Gemisch aus winzigen Kunststoffschnipseln, das Kohlhaas Fluff nennt. Ein Teil davon geht zu den Kraftstoff-Forschern von Dieselwest. Alles andere vermarktet Ecowest als Ersatzbrennstoff, kurz EBS. Der enthält pro Tonne so viel Energie wie Braunkohle.


Wie in einer Goldmine

Aber nicht alles, was der Müllfresser schluckt, wird zu Fluff. Die Suche nach dem edelsten Abfall beginnt wie in einer Goldmine. Schredder zermalmen das Material, eine wilde Mischung aus Gewerbe- und Hausabfall, wie Erz im Bergwerk. Magnetbänder fischen Metalle für den Schrotthandel heraus. Siebe fangen feuchten Biomüll ab, der auf die Deponie kommt. Teerpappen, Holzteile und Hartplastik wie Zahnbürsten landen mit den anderen Resten in der klassischen Müllverbrennung.

Ecowest war eines der ersten deutschen Unternehmen, das den hochwertigen Fluff herstellte. Mittlerweile gibt es bundesweit mehr als 40 ähnliche kommunale und private Anlagen. Sie verkaufen den aufgepäppelten Müll vor allem an Zementfabriken. Bis zu 20 Euro bringt das pro Tonne, sagen Branchenkenner. Am Ende spart das den Bürgern in Ennigerloh Geld, weil ihre Gemeinde weniger Abfall in klassische Verbrennungsanlagen schicken muss. Dort kostet die Entsorgung von unbehandeltem Hausmüll bis zu 200 Euro pro Tonne.

Neben der Kostenersparnis winkt auch ein Gewinn für die Umwelt. Weil die Abnehmer des Fluffs, die deutschen Zementhersteller, heute so viel Müll verfeuern wie nie zuvor, decken sie nur noch ein Drittel ihres Energiebedarfs mit Kohle, Öl und Gas.

Der Abfallforscher Matthias Franke vom Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik im oberpfälzischen Sulzbach-Rosenberg hat kürzlich eine genaue Ökobilanz der EBS-Verbrennung in Zementwerken erstellt. Das Ergebnis: „Die Verbrennung ist teilweise sinnvoller als das Recycling“, sagt Franke. Bei einigen Kunststoffabfällen aus dem gelben Sack ist der Energieaufwand zu hoch, um die Stoffe fürs Recycling zu trennen. Außerdem produziert die Verbrennung von Fluff im Zementwerk weniger klimaschädliches Kohlendioxid als Kohle.

Die Aussicht auf einen kostengünstigen und umweltfreundlichen Brennstoff hat mit den EBS-Kraftwerken inzwischen sogar eine neue Generation von Verbrennern hervorgebracht, die einzig auf Müll der Extraklasse eingestellt sind. Sie arbeiten effizienter als die meisten herkömmlichen Müllverbrennungsanlagen und produzieren Strom und Wärme für Papierfabriken, die Chemie- und die Stahlindustrie.

Bestimmte Kunstabfälle werden besser recycelt

Das neueste und größte EBS-Kraftwerk soll kommendes Jahr im Industriepark Höchst in Frankfurt am Main starten. Die rund 350 Millionen Euro teure Anlage wird die mehr als 90 dort angesiedelten Unternehmen mit Elektrizität und Dampf für ihre Produktion versorgen. Dafür verfeuert sie jährlich einen Abfallberg, wie er in Hamburg anfällt.

Aber ob Zementfabriken oder EBS-Kraftwerke: Nicht mit jeder Sorte Müll werden die Anlagen zu Umweltschützern. Bestimmte Kunststoffabfälle sind besser im Recycling aufgehoben. Ausgediente Gartenstühle etwa und löchrige Gießkannen aus Plastik, das kaputt gespielte Bobby Car, Folien, die Spargelfelder bedeckten oder Strohballen umhüllten, oder die Gehäuse von Elektrogeräten. „Wichtig fürs Recycling ist, dass die Abfälle sauber und sortenrein sortiert werden“, sagt Recyclingexperte Thomas Probst vom Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung.

Scanner erkennen die begehrten Polyolefine

Ist das der Fall, haben Unternehmer wie Michael Scriba leichtes Spiel. Der Geschäftsführer von MTM Plastics im thüringischen Niedergebra gehört zu den Pionieren bei der Verwertung von Polyolefinen. Aus diesen Kunststoffen bestehen Dosen, Tuben, Tüten, Folien, Becher und Flaschen – also vieles von dem, was sich im gelben Sack der Verbraucher findet.

Früher ließ Scriba noch von Hand sortieren, erzählt er bei der Führung durch seinen Betrieb. Heute trennen Zentrifugen und andere Maschinen die Abfälle. Infrarotstrahlen schießen auf die Kunststoffe, anhand des reflektierten Lichts erkennen Scanner die begehrten Polyolefine. Sie wandern in einen Extruder, der die bunten Kunststoffteilchen auf bis zu 240 Grad erhitzt, bis sie zu einer Masse verschmelzen. Im weiteren Prozess wird sie entgast, gereinigt, mit Zusatzstoffen vermischt und schließlich durch ein Sieb gepresst. Kühlt die Masse ab, entsteht ein pfefferkorngroßes Granulat, das in Säcken an 60 Kunststoffverarbeiter in ganz Europa geht. Sie stellen daraus Mülltonnen, Kisten, Eimer sowie Bauteile für Autos oder Büromöbel her und auch neue Gartengeräte.

Vielfalt an Produkten

Die Vielfalt an Produkten ist ein Fortschritt. Denn aus eingesammelten Kunststoffgemischen Lärmschutzwände und Parkbänke herzustellen, wie es vielfach noch geschieht, „macht ökologisch überhaupt keinen Sinn“, kritisiert Fraunhofer-Forscher Franke. Der Grund: Bei diesen Anwendungen verdrängt das Recyclingmaterial das viel klimafreundlichere Holz.

Beim sortenreinen Recycling der Polyolefine aber kann sich die Umweltbilanz sehen lassen. Mit den 27.000 Tonnen Plastik, die Scriba im Jahr herstellt, vermeiden seine Kunden den Ausstoß von 59.000 Tonnen Treibhausgas, wie Forscher der Hochschule Magdeburg-Stendal ausgerechnet haben.

Das entspricht der Menge, die ein Mittelklassewagen ausstößt, wenn er die Erde 8000 Mal umkurvt. Zudem sparen Kunststoffverarbeiter, die statt Neuware die Granulate aus Thüringen einsetzen, pro Jahr insgesamt 32.000 Liter Erdöl ein.


Zehntausende Tonnen Kunststoffabfälle landen in der Verbrennung

Am Ende kann aber selbst Kunststoffretter Scriba nicht alle Abfälle verwerten, die Laster täglich auf seinen Hof kippen. Ein Drittel, rund 20.000 Tonnen im Jahr, sortiert auch er aus und schickt sie Abfallbehandlungsanlagen wie Ecowest. Die sortieren den Müll ein weiteres Mal und verarbeiten ihn zu Fluff. So landen Zehntausende Tonnen Kunststoffabfälle in Deutschland doch noch über Umwege in der Verbrennung.

Die Kombination aus beidem, aus sortenreinem Recycling und der Produktion hochwertiger Brennstoffe, sei letztlich das ideale Verwertungssystem, sagen die Forscher des Öko-Instituts.

Das Problem aber ist: Noch immer gelangen – trotz aller deutschen Gelbmüll-Sortier-Freude – zu viele Kunststoffabfälle unsortiert in ineffiziente, klassische Verbrennungsanlagen. Sie decken ihren Bedarf außerdem mit Sperrmüll und Importen. Zu Niedrigpreisen schlucken sie auch unsortierte Firmenabfälle. Viel Plastik, aber auch Holz und Papier geht verloren.

Damit Kunststoffe erst gar nicht in die Hände klassischer Verbrenner geraten, bauen Firmen wie Veka Umwelttechnik aus dem thüringischen Hörselberg-Hainich geschlossene Kreislaufsysteme für einzelne Produkte auf. Zum Beispiel für die PVC-Fenster des Mutterhauses, dem Fensterprofilhersteller Veka.

Das Ziel von Geschäftsführer Norbert Bruns: alle Profile, die Veka verkauft, am Ende wieder einzusammeln. Dafür arbeitet er mit Fensterbauern und Containerdiensten zusammen und bezahlt sie für Altfenster. Bruns verarbeitet die Rahmen zu Granulat, das zu neuen Fensterrahmen wird. Das ist umweltschonender und billiger als Neuware.

Auch für PET-Flaschen gibt es ein solches geschlossenes System. Die Firma Petcycle, mit Sitz im rheinland-pfälzischen Bad Neuenahr-Ahrweiler und getragen von mehr als 100 Unternehmen aus der Getränke- und Recyclingindustrie, hat mittlerweile 40 Millionen Kästen mit Mineralwasser und Limonaden im Umlauf. Die Kunden bringen sie in die Supermärkte zurück, die sie dann an die Petcycle-Mitglieder schicken, die aus den gebrauchten Flaschen neue machen.

Präferenz für Recycling

Und auch die Verbrenner selbst haben Recyclingpotenzial. Müllverbrennungsanlagen gewinnen heute schon Metalle aus ihrer Asche. 2012 waren es in Deutschland mehr als 300.000 Tonnen Eisen, Aluminium und Kupfer. Selbst der mit Schwermetallen belastete Staub aus der Abgasreinigung, der bislang als Sondermüll unter Tage deponiert wird, birgt große Schätze.

„Die Metallkonzentration im Filterstaub ist höher als in den meisten natürlichen Lagerstätten“, sagt der Berliner Experte Thomé-Kozmiensky. Vor zwei Jahren errichtete das Schweizer Unternehmen BSH Umweltservice in Zuchwil nördlich von Bern für rund neun Millionen Euro die weltweit erste Anlage, die täglich fast eine Tonne reines Zink aus Giftmüll herausholt.

Am Ende der Tour zu Recyclinghöfen, Wertstoffsammlern und Müllverbrennern steht damit die Erkenntnis, dass die Präferenz fürs Recycling zwar im Grundsatz richtig ist – aber eben kein Dogma. Was zu aufwendig zu trennen und zu säubern ist, sollte zu Brennstoff oder Sprit werden, um Kohle oder Öl zu ersetzen.

Aus Kunststoffen, die in Bechern, Bobby Cars und Elektrogeräten stecken, sollten Recycler neues Plastik herstellen, für das Erdöl im Boden bleibt. Und was sich gar nicht verwerten lässt, kann in Verbrennungsanlagen wandern. Müllwerker wie Uwe Greye in Hamburg haben also auch künftig zu tun.

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