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Ukraine-Krise An die Waffen!

Von wegen weiter verhandeln: In Kiew trommeln Politiker, Journalisten und Wissenschaftler für eine härtete Gangart gegenüber Russland. Alle Hoffnungen ruhen auf den USA. Waffen müssen her – egal von wem.

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Selbst Politiker sollen an die Front, fordert eine ehemalige Journalistin. Quelle: dpa

Kiew Das politische Kiew ist fast komplett im Kriegsmodus. Vor dem für Mittwoch im weißrussischen Minsk geplanten Gipfeltreffen von Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem französischen Staatspräsidenten François Hollande mit den Präsidenten Russlands und der Ukraine, Wladimir Putin und Petro Poroschenko, überbieten sich Parteien und Politiker in der ukrainischen Hauptstadt mit immer neuen Forderungen nach Waffenlieferungen.

Viktoria Sjumar war früher einmal Journalistin und baute unter anderem einen unabhängigen Radiosender auf. Seit Oktober sitzt sie für die Regierungspartei „Volks-Front“ von Ministerpräsident Arsenij Jazenjuk im Parlament. Heute forderte die 37-Jährige, dass auch Abgeordnete zum Einsatz in die Ost-Ukraine geschickt werden sollten.

Bislang sind bestimmte Berufs- und Personengruppen vom Wehrdienst und von der aktuellen Mobilisierung befreit. „Die ukrainischen Politiker müssen ein Vorbild für das gesamte Volk sein“, begründete die dunkelhaarige Frau ihren Antrag, den sie am Dienstag ins Parlament einbringen will.

Auch die frühere ukrainische Ministerpräsidentin Julia Timoschenko, mit ihrer Vaterlandspartei ebenfalls an der Regierung beteiligt, fordert den Einsatz von Waffen. Sie will mit einer Parlamentarier-Delegation nach Washington reisen, um dort in Kongress und Senat für US-Militärhilfe an die Ukraine zu trommeln. „Wir müssen sofort fahren, um unser gewünschtes Ergebnis zu erzielen. Die Ukraine braucht moderne Waffen, und zwar schnell“, forderte die konservative Politikerin.

Mit solchen Tönen trifft die Politik offenbar den Nerv der meisten Ukrainer. Selbst Politikwissenschaftler wie Peter Oleschtschuk, Professor an der renommierten Taras-Schewtschenko-Universität in Kiew, warnen davor, Putin durch Verhandlungen noch mehr Zeit zu geben. „Wenn wir jetzt noch monatelang weiterverhandeln, wie bisher, wird Putin den Krieg gewinnen“, schreibt Oleschtschuk in einem Gastbeitrag für die Internetausgabe der Wochenzeitung „Nowoje Wremja“.

Seit Tagen berichten die großen ukrainischen TV-Sender über die internationalen Verhandlungen zur Suche nach einem neuen Friedensvertrag, die am vergangenen Donnerstag mit dem Besuch von Merkel und Hollande ihren Anfang in Kiew nahmen.

Der Tenor des ukrainischen Leitmediums ist unüberhörbar: „Putin kann nicht mehr vertraut werden, er ist kein Verhandlungspartner, der Frieden in der Ukraine will. Er ist vielmehr derjenige, der die Ukraine von der Landkarte tilgen möchte.“ Die Ukrainer setzen alle Hoffnungen auf die USA.


Putin „zerstört die Lebensentwürfe ganzer Generationen“

„Und wenn sich Obama anders entscheidet, besorgen wir uns die Waffen anderswo“, sagt ein Parlamentsabgeordneter fast trotzig. Er will seinen Namen nicht nennen und redet, wie er betont, „nur sehr ungern mit einer Journalistin aus Deutschland“.

Die Bundesregierung habe Kiew im Stich gelassen, findet der junge Mann. Er hat die Rede der Bundeskanzlerin in München genau verfolgt. Vor allem die Aussicht, der Ukraine könnte ein ähnliches Schicksal drohen wie der DDR oder wie Ungarn 1956 und der Tschechoslowakei 1968, findet er „nicht hinnehmbar“.

Seine Generationskollegen, die Ukrainer um die 30, sind nicht dazu bereit, sich auf eine jahrzehntelange Eiszeit einzustellen, nur weil Putin es nicht ertragen kann, dass sich ein weiteres Nachbarland Russlands Richtung EU und Nato aufmacht.

Bundeskanzlerin Merkel spreche aus einer komfortablen Position. Sie habe seit 1989 die Gewissheit, dass ihr Gefängnis – die DDR – eines Tages aufgehört hatte zu existieren. „Wir Ukrainer kämpfen seit 1991 für die Westanbindung und Selbstbestimmung unseres Landes. Wer uns jetzt sagt, sorry Leute, ihr müsst jetzt erst einmal 30 oder mehr Jahre auf eine neue Chance warten, der zerstört die Lebensentwürfe ganzer Generationen junger Ukrainer“, klagt der Politiker.

Auch er sei bereit, für sein Land zu kämpfen. „Da zögere ich keinen Augenblick. Russland darf mir nicht einfach so meine Heimat und meine Freiheit wegnehmen“, beteuert der junge Politiker, der aus der Stadt Donezk stammt.

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