UN-Verhandlungen: Warum der Ablasshandel mit Plastik keine Lösung ist
Plastikmüll überschwemmt unsere Welt, über 400 Millionen Tonnen kommen jedes Jahr neu dazu. Der Müll belastet unsere Städte, unsere Landschaften und Gewässer, er schadet unserer Gesundheit. Bei den Vereinten Nationen in Genf laufen deshalb gerade Verhandlungen darüber, wie die Plastikproduktion weltweit reduziert werden kann. Einige Staaten dringen auf verbindliche Produktionsbegrenzungen, doch die öl-exportierenden Staaten stellen sich quer und werben für eine marktwirtschaftliche Lösung: sogenannte Plastic Credits. Unternehmen können solche Gutschriften kaufen, um neue Plastikproduktion auszugleichen. Für jede neue Tonne Kunststoff finanzieren sie irgendwo auf der Welt eine Tonne eingesammeltes oder recyceltes Plastik.
Die Idee klingt charmant, in dreierlei Hinsicht: Unternehmen würden wichtige Entsorgungsprojekte finanzieren – und zwar dort, wo das Müllproblem am stärksten ist, im globalen Süden. Sie hätten einen Anreiz, Innovationen zu entwickeln, um weniger Plastik zu produzieren. Und die Plastikflut würde eingedämmt, ohne dass wir unsere Lebensgewohnheiten grundlegend ändern müssten – der Markt würde es richten. Nur leider bekämpft der Ansatz nicht den Kern des Problems: die Überproduktion von Plastik. Denn wer zahlt, darf munter weiter verschmutzen. Genau das muss aber eingedämmt werden.
Man stelle sich vor: Jemand sammelt Müll im Park auf, nur um dafür eine Genehmigung zu erhalten, seinen eigenen Abfall ins nächste Gewässer zu werfen. Ein drastischer Vergleich, der aber verdeutlicht, dass Plastik-Gutschriften das Problem nicht lösen, sondern verlagern.
Ziel verfehlt
Die bisherigen Erfahrungen mit Plastic Credits sind durchwachsen. Ein Beispiel ist die Initiative der Organisation Verra, dem größten Anbieter von CO₂-Zertifikaten, der sein Geschäft auf Plastik-Zertifikate ausgeweitet hat. Zu den Partnern gehören internationale Konzerne wie Nestlé, Danone und Veolia. Ihr gemeinsames Ziel lautet, ein freiwilliges Marktsystem zu schaffen, das Plastikmüllprojekte finanziert und zertifiziert. Doch das System erzielt oft nicht das gewünschte Ergebnis: Ein erheblicher Teil der Mittel für die Sammlung von Plastikmüll wird ineffizient verwendet oder in Projekte umgeleitet, die keine messbaren Positivergebnisse liefern. Ohne klare Regeln und strenge Aufsicht lässt sich nicht sicherstellen, dass die durch Plastic Credits bereitgestellten Mittel effizient eingesetzt werden.
Besseres Recycling wird das Müllproblem ebenfalls nicht lösen: Nur wenige Kunststoffe lassen sich überhaupt wiederverwerten, und auch das nur begrenzt. Am Ende landen sie oft auf der Deponie oder werden verbrannt. Was wiederum weitere Umweltschäden zur Folge hat.
Und schließlich ist Plastik nicht gleich Plastik. Während CO₂ immer dasselbe Molekül ist, steht der Begriff „Kunststoff“ für eine unüberschaubare Vielfalt an Materialien. Deren Wirkung auf Mensch, Tier und Umwelt hängt stark von Zusammensetzung, Nutzung und Entsorgungsweg ab. Manche Kunststoffe sind harmlos, andere gesundheitsschädlich oder ökologisch riskant. Es wird daher nicht funktionieren, eine Tonne Kunststoff mit einer anderen zu verrechnen.
Plastic Credits bieten die Möglichkeit, sich an der Lösung eines Problems zu beteiligen, ohne den Produzenten einen echten Wandel zuzumuten. Es ist grundsätzlich positiv, wenn mehr Geld in Entsorgungsprojekte fließt, die lokale Probleme adressieren. Doch eine langfristige Lösung für das globale Müllproblem sind sie nicht.
Dafür braucht es eine internationale, rechtlich bindende politische Lösung und klare Regeln für die Produktion. Wenn wir den Kampf gegen Plastik ernst meinen, dürfen wir uns nicht mit Ablasshandel zufrieden geben.
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