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Freytags-Frage

Verstehen Ökonomen die Welt nicht mehr?

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Die Ordnungsökonomik lebt


Ordnungsökonomen beziehen dieses Eigeninteresse explizit in ihre Überlegungen ein; sie argumentieren politökonomisch. Damit scheint der wesentliche Unterschied zwischen den scheinbar unmodernen Ordnungsökonomen und dem von Herrn Fratzscher identifizierten Mainstream festzustehen.

Aber stimmt die Analyse überhaupt? Sind Ordnungsökonomik, Institutionenökonomik und politische Ökonomik, auch als Public Choice bezeichnet, wirklich so unmodern? Kann man in der wirtschaftspolitischen Analyse wirklich darauf verzichten, politische Kalküle einzubeziehen.

Das Gegenteil ist der Fall. In Wirklichkeit ist derjenige unmodern, der darauf verzichtet und dessen wissenschaftliches Werk immer noch ausschließlich auf Optimalitätsüberlegungen und Gleichgewichten basiert. Dass diese Überlegungen nötig sind, um einen Beurteilungsmaßstab zu erhalten, ist unbestritten. Wer aber in der wirtschaftspolitischen Diskussion mitmischt – und das tut Herr Fratzscher – sollte die Anreizstrukturen aller Beteiligten in den Blick nehmen.

Der Instrumentenkasten der EZB


Politische Ökonomik ist amerikanischer Mainstream

Dies wird überall anerkannt. Institutionenökonomik und politische Ökonomik gehören in den Vereinigten Staaten inzwischen vielfach zum Mainstream. Anders als die Vertreter der NIÖ und der Ordnungsökonomik verwenden viele amerikanische Forscher dafür heute weitgehend formale Methoden, und das nicht nur für ihre empirischen Arbeiten. Das ist aber nur eine Frage der Praktikabilität und sollte der einzelnen Forscherin überlassen bleiben; da aber vor allem mathematisch anspruchsvolle Arbeiten (Eleganz vor Relevanz?) zur Publikation angenommen werden, besteht nach wie vor ein Bias zugunsten des auf Optima und Geleichgewichte abzielenden Mainstreams.

Der Bias wird aber verschwinden – er scheint sogar bereits auf dem Rückzug zu sein. Wichtig ist nämlich, dass es einen breiten Konsens darüber gibt, dass wirtschaftspolitische Relevanz sich nicht auf Optima und Gleichgewichte reduzieren lässt – es gilt, die Vielschichtigkeit des Prozesses zu verstehen. Dies berücksichtigt die Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät der Friedrich-Schiller-Universität, die am heutigen Freitag den Walter-Eucken-Preis verleiht.

Dieser Preis wird an Nachwuchswissenschaftler vergeben, die sich mit modernen Methoden wirtspolitisch relevanten Fragestellungen annähern.


Die Qualität der Bewerbungen für den diesjährigen Preis war erfreulich hoch, die Auswahl entsprechend schwer. Junge Forscherinnen und Forscher haben offenbar ein starkes Interesse an Ordnungsfragen, ohne einerseits auf dem methodischen Stand der Vorfahren zurückzubleiben und andererseits Glaubensbekenntnisse (ein korrekter Vorwurf an Ordnungsökonomen in den frühen 1990er Jahre, aber nicht mehr heute) vorzutragen. Angesichts zahlreicher gesellschaftlicher Probleme, zu deren Lösungen ökonomische Methoden von hohem Wert sind, ist es nachvollziehbar und zu begrüßen, dass junge Menschen den Elfenbeinturm gar nicht erst betreten wollen.

Der diesjährige Preisträger Stefan Bauernschuster hat genau diesen Spagat unternommen. Sein Forschungsgebiet umfasst arbeitsmarkt-, familien- und bildungsökonomische Fragestellungen. Er publiziert sehr gut und diskutiert relevante Probleme in seinem Feld. Die Ordnungsökonomik lebt!

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