Grüne Zukunft Wie das Lego-Prinzip die Zukunft der Industrie sichert

Rolf Najork, Geschäftsführer der Robert Bosch GmbH, über die Herausforderungen der Industrie und ihren Weg in die Zukunft. Quelle: dpa

Die deutsche Industrie steht vor großen Herausforderungen. Erneut gehen die Aufträge zurück, die Lieferketten mit China sind unterbrochen. Damit ein Aufbruch gelingt, müssen die richtigen Bausteine kombiniert werden. Ein Gastbeitrag.

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Pandemien, Kriege, Klimawandel – die Welt scheint im Dauerkrisenmodus, nur mit der Abwendung von Katastrophen beschäftigt. Das Problem, das daraus erwächst: Kreist man ausschließlich um die Krise, kommt man nicht voran. Für einen Aufbruch müssen wir uns auf Chancen und Lösungen konzentrieren, unseren Blick nach vorn richten. Eine wichtige Rolle spielt hierbei die Industrie. Mit über sechs Millionen Beschäftigten und rund 40 Prozent direktem und indirektem Anteil an der Wertschöpfung ist sie Jobmotor und Rückgrat der deutschen Wirtschaft.

Aber die Industrie hat auch den größten Strombedarf: Über 20 Prozent der CO2-Emissionen gehen auf ihr Konto. Der ökologische Umbau funktioniert nur, wenn wir hier ansetzen. Auf dem Prüfstand steht das, was jahrelang unsere Ökonomie und unseren Wohlstand befeuert hat.

Die fünfte industrielle Revolution setzt auf nachwachsende Rohstoffe – und auf das Lego-Prinzip: Wir müssen nicht alles neu erfinden, sondern das Beste aus den vier vorangegangenen industriellen Revolutionen kombinieren. Für eine grüne Zukunft ist vieles bereits vorhanden und bildet ein stabiles Fundament für den großen Wurf.

von Konrad Fischer, Florian Güßgen, Andreas Menn, Jürgen Salz

Beispiel Digitalisierung: Seit Jahren gepriesen und gefordert, entfalten digitale Werkzeuge im Klimaschutz ihre volle Kraft. Sie helfen Wirtschaft und Gesellschaft, den ökologischen Fußabdruck zu verkleinern. Industrie 4.0 macht es vor. Physische Komponenten werden durch Software und Information ersetzt. Maschinen lassen sich aus der Ferne warten und over the air aktualisieren. Ganze Fabriken entstehen virtuell, entworfen mithilfe digitaler Zwillinge und optimiert im laufenden Betrieb.

Intelligenz wird zunehmend von der Hardware in die Software verlagert. Das spart Zeit und Kosten, schont Ressourcen. Dematerialisierung schützt das Klima: Aus Materie werden Bits und Bytes, die für Transparenz sorgen. Mit Sensoren ausgestattete Maschinen erfassen Daten, intelligente Software bereitet sie auf, künstliche Intelligenz wertet sie aus. Der Energiebedarf in Fabriken lässt sich so besser vorhersagen, Abweichungen im Verbrauch werden frühzeitig erkannt und korrigiert.

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Die Fabrik der Zukunft ist grün und flexibel. Statisch fest sind nur noch Boden, Decke und Wände, alles andere ist wandelbar. Maschinen ordnen sich immer wieder neu, konfigurieren sich selbst – je nachdem, was gerade gefertigt werden muss. Die Anlagen werden langlebiger, der Verbrauch von Rohstoffen zur Herstellung neuer Hardware sinkt. Die modulare Fertigung läutet das Ende der alten Welt ein – und den Beginn einer neuen: Wachstum und Klimaschutz sind kein Widerspruch. Aus weniger wird mehr. Die Formel funktioniert.

Gefertigt wird in den Industriehallen aber nicht nur für die eigene Branche, sondern auch für alle anderen Wirtschaftssektoren, die vor den Herausforderungen der ökologischen Transformation stehen. Die Industrie entwickelt und produziert Technologien, um Energie zu gewinnen, zu speichern und zu verteilen, für schonenden Materialeinsatz und Recycling, sie elektrifiziert die Mobilität und stattet Fahrzeuge mit alternativen Antrieben aus.

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von Florian Güßgen

Umwelttechnik made in Germany ist weltweit gefragt. Die Beratungsfirma Boston Consulting und der Verband VDMA rechnen allein für den Maschinen- und Anlagenbau mit einem Marktpotenzial der Dekarbonisierung bis 2050 von über 300 Milliarden Euro – und zwar jährlich. Der Umbau der gesamten Wirtschaft ist ohne industrielle Produkte und Dienstleistungen undenkbar. Jetzt gilt es für Bund und Länder, passende Rahmenbedingungen zu schaffen: Den Ausbau erneuerbarer Energien müssen wir beschleunigen, Wasserstoff als komplementären Pfeiler im Klimaschutz etablieren.

Gleichzeitig dürfen Brückentechnologien wie Erdgas kein Tabu sein, um Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Ein massiver Ausbau der Infrastruktur, mehr Geschwindigkeit bei Planung und Genehmigung und weniger Bürokratie sind dringend erforderlich. Nationale Energie- und Umweltvorhaben müssen wir mit internationalem Rohstoffimport und Diversifikation bei Lieferanten verknüpfen. Das Ziel: Wir stellen die Energieversorgung auf unterschiedliche Standbeine, verringern Abhängigkeiten. Es geht nicht mehr um ein Entweder-oder, sondern um ein austariertes Sowohl-als-auch.

Wir müssen Fahrt aufnehmen und die Herausforderungen angehen – vorwärtsgewandt, zuversichtlich, tatkräftig. Nur so lässt sich Zukunft entwerfen. Nur so setzen wir Kräfte frei, zünden Innovationen. Und Innovationen brauchen wir nicht allein, um in der Industrie den CO2-Ausstoß zu reduzieren, sondern um die Resilienz der Gesellschaft insgesamt im Hinblick auf die Auswirkungen der Erderwärmung zu erhöhen: sich vorbereiten, wappnen, krisenfest machen.

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Wir haben dies selbst in der Hand. Küstenregionen weiter besiedeln. Flächen für die Landwirtschaft schaffen und erhalten. Schmelzwasser aus Gletschern nutzen. Das darf keine Utopie sein. Vieles wartet nur darauf, erdacht und entwickelt zu werden. Setzen wir die einzelnen Bausteine richtig zusammen, dann kann es gelingen, Ökologie, Ökonomie und Soziales zu verbinden, menschliches Handeln und Umwelt zu versöhnen.

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