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Josef Hecken Ein Workaholic und Raucher mit dem Zeug zum Gesundheitsminister

Kann man mit einem Minister in spe in eine einfache Pizzeria gehen, wo links die Berliner S-Bahn vorbeirauscht und rechts die Straßenbahn? Kann man – jedenfalls mit Josef Hecken. Er könnte Gesundheitsminister werden.

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Der Gesundheitsminister des Quelle: dpa

„Ist doch super hier, da kann ich rauchen“, grinst der 50-Jährige, der zum Hemd keine Krawatte, aber Jeans trägt, obwohl er „später noch bei Merkel vorbeischauen“ wird. Drei Päckchen „Ducal rot“ am Tag pafft er weg – und will ausgerechnet Gesundheitsminister werden.

Die Kanzlerin auf seiner Seite

Vieles spricht dafür, dass er den Posten bekommt: Der CDU-Mann ist ein Vertrauter der Kanzlerin. Er gilt als kompetentester Gesundheitspolitiker der Union. Er hat am umstrittenen Gesundheitsfonds mitgebastelt, damals noch als Ressortchef im Saarland.

Hecken würde Merkel helfen, die Umverteilungsmaschinerie wenigstens in ihren Grundzügen zu erhalten, gegen den Willen der FDP. Die Kanzlerin persönlich machte den aufstrebenden CDU-Politiker 2008 zum Chef des Bundesversicherungsamtes und damit zum obersten Wächter über den Fonds.

Apotheke Quelle: AP

Falls Hecken Minister wird und die Zigaretten als Nervenpflege braucht, eignen sich die nächsten Jahre nicht zum Entzug. Im Gesundheitssystem gibt es fast 250 Milliarden Euro zu verteilen. Hecken würde umworben, belauert und beschimpft werden. Wenn der FDP-Politiker Rainer Brüderle neulich bemerkte, in Berlin führe die Schleimspur der Lobbyisten quer über die Straße, herrscht vor dem Bundesgesundheitsministerium die größte Rutschgefahr.

Widerstände und Klippen reizen Hecken. „Der ist ein Macher, ein absoluter Workaholic“, sagt Raimund Nossek, Chef des BKK-Landesverbands Rheinland-Pfalz und Saarland. „Das Kleingedruckte zu irgendwelchen Gesetzen und Verordnungen ist ihm eher lästig.“ Er ist ungeduldig, redet wahnsinnig schnell und wahnsinnig viel. Kommt das Gegenüber nicht mit, stockt er kurz – und erklärt alles noch mal, am Beispiel von „Vater Anton Hecken“, der nicht versteht, warum er statt rosa auf einmal grüne Pillen nehmen muss. „Aber wenn Vater Anton Hecken in der Apotheke merkt, er muss bei den rosa Pillen nichts zuzahlen – dann findet er die auf einmal gar nicht mehr schlecht.“

Griff ins Wespennest

Dass viele gute und gut gemeinte Sparideen im Gesundheitssystem scheitern – diese Erfahrung machte Hecken schon mehrmals. Als Minister im Saarland wollte er die Krankenhauslandschaft straffen. Klinikchefs und Landräte verbündeten sich – Hecken musste zurückstecken. Er genehmigte die erste Filiale der Apothekenkette Doc Morris – ein Griff ins Wespennest –, die Apotheker liefen Sturm, Privatdetektive folgten ihm bis an die Haustür, Hecken verlor vor dem Europäischen Gerichtshof.

Natürlich werden die Apotheker trotzdem „konstruktiv mit jedem zusammenarbeiten, der Gesundheitsminister wird“, versichert Thomas Bellartz, Sprecher der Bundesvereinigung deutscher Apothekerverbände, diplomatisch. Bei den gesetzlichen Krankenkassen klingt es enthusiastischer: „Wir können mit ihm gut leben, auch die AOK“, sagt Jürgen Graalmann, Vorstand des AOK-Bundesverbands. Die Privaten freuen sich ohnehin über jeden, der nicht Ulla Schmidt heißt. Allerdings hört man auch warnende Stimmen: Hecken sei arrogant, ein schwieriger Mensch.

In Berlin träfe Hecken auf ein Ministerium, das elf Jahre von Ulla Schmidt (SPD) und ihrer grünen Vorgängerin Andrea Fischer regiert wurde. Zwar hat er bereits ein paar Unions-U-Boote geortet, die sich zum Auftauchen bereit machen. Und einige CDU-Beamte arbeiteten loyal der roten Ministerin zu. Doch dürfte die Zahl der Schwarzen „etwa bei zehn“ liegen, schätzt ein Kenner des Hauses.

Als Erstes müsste Hecken Schmidts „Küchenkabinett“ entlassen – jene Kampftruppe, die mit ideologischem Eifer den Kurs gegen die vermeintliche Ignoranz von Verbänden und Medien verteidigte: Abteilungsleiter Franz Knieps und seinen Kollegen Ulrich Tilly, der Journalisten nicht selten persönlich beschimpfte. Auf dem Weg in den Ruhestand ist Pressesprecher Klaus Vater, der die Bundespressekonferenz gern mit einer windigen „Richtigstellung“ begann, wenn ein Blatt wieder einmal „Mist“ geschrieben, also Kritik geübt hatte.

Ideologischer Eiferer

Im Hause selbst ging es autoritär zu: Als die Krankenhausgesellschaft Schmidts Finanzspritze von 3,5 Milliarden Euro als Mogelpackung bezeichnete, verbot die Ministerin sämtlichen Mitarbeitern, den KHG-Frühlingsempfang im Berliner Hotel Hyatt zu besuchen.

Im Gegensatz zu Schmidt gilt Hecken nicht als ideologischer Eiferer. Das allerdings könnte gegen ihn sprechen: Ohne die nötige innere Getriebenheit hält man es im Haifischbecken Gesundheitswesen womöglich nicht lange aus.

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