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Was sich in Deutschland ändern muss Deutschland, chill mal

Zu Trump kursieren Videos, die Parallelen zu Hitler ziehen. Gerne geteilt von Deutschen, mit mahnendem Beisatz: „Wir wissen, wovon wir reden.“ Das ständige Heraufbeschwören von Weltuntergangsszenarien muss aufhören.

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Wovor die Deutschen große Angst haben
TerrorismusDie Attentate der Terror-Miliz IS in Europa schüren die Angst vor terroristischen Anschlägen massiv. Rangierten Befürchtungen vor neuen Anschlägen in Europa im Sommer 2015 noch auf Platz drei, sind sie nun sprunghaft angewachsen - um ein gutes Fünftel auf 73 Prozent. Verwunderlich ist das für Psychologen nicht. Denn die Anzahl der Attentate in Europa ist real gestiegen. War das Meinungsbild im Sommer 2015 noch vom Anschlag auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ geprägt, kamen im November die Attentatsserie von Paris und im März 2016 die Bomben von Brüssel dazu. Bei Anschlägen in der Türkei wurden 2016 auch deutsche Touristen getötet. Quelle: obs
Politischer ExtremismusExtrem angewachsen im Vergleich zum Vorjahr sind auch die Ängste vor politischem Extremismus (68 Prozent, plus 19 Prozentpunkte). Diese Angst hat zumindest indirekt auch mit der dritten Angst zu tun. Quelle: dpa
EinwanderungDie Aussicht auf weiteren Zuzug von Ausländern macht den Deutschen angesichts der Flüchtlingskrise wachsende Angst. Kurz vor der Zuspitzung der Flüchtlingskrise im Sommer 2015 befürchtete jeder zweite Befragte (49 Prozent), dass das Zusammenleben zwischen Deutschen und Ausländern durch einen weiteren Zuzug von Flüchtlingen beeinträchtigt wird. Nun teilen bereits zwei Drittel der Befragten (67 Prozent, plus 18 Prozentpunkte) diese Sorge. Quelle: dpa
Überforderung der Deutschen und staatlicher Behörden durch FlüchtlingeZwei Drittel der Interviewten (66 Prozent) sind inzwischen der Meinung, dass die Deutschen generell und besonders die Behörden durch Flüchtlinge überfordert sind - das sind 17 Prozent mehr als im Vorjahr. Dazu könnten die sexuellen Übergriffe in der Silvesternacht in Köln und anderen Städten und häufige Meldungen über gewaltsame Konflikte in Flüchtlingsheimen beitragen. Quelle: dpa
Kosten für Steuerzahler durch Schuldenkrise von EU-StaatenAuch die Befürchtung, dass die Kosten der Schuldenkrise der EU an ihnen hängen bleiben werden, macht 65 Prozent der Deutschen Angst. Diese Sorge war allerdings auch schon im Vorjahr ähnlich hoch (plus 1 Prozentpunkt). Quelle: dpa
Überforderung der PolitikerZu diesen konkreten Ursachen kommt als neue Kategorie bei der überwiegenden Mehrheit der Deutschen noch der Eindruck, dass die Politiker generell mit ihren Aufgaben überfordert sind (65 Prozent, plus 17 Prozentpunkte). Für die politische Klasse dürfte dieses Ergebnis ein Alarmsignal sein. Quelle: AP
Persönliche SorgenAngesichts der politischen Sorgen treten die persönlichen deutlich in den Hintergrund, obwohl auch die gestiegen sind: 57 Prozent der Deutschen haben Angst davor, im Alter ein Pflegefall zu werden (plus 8 Prozentpunkte) und 55 Prozent fürchten sich vor einer schweren Erkrankung (plus 8 Prozent). Quelle: AP

Donald Trump hat es ins Weiße Haus geschafft und erlässt ein Dekret nach dem anderen: die Abschaffung der Gesundheitsreform Obamacare, der Mauerbau an der mexikanischen Grenze, der Einreisestopp für Muslime. Sofort kursieren in den sozialen Netzwerken Videos, die Parallelen zwischen Hitlers und Trumps Machtergreifung ziehen. Gerne geteilt von Deutschen, mit dem mahnenden Beisatz: „Wir Deutschen wissen, wovon wir reden.“ Da schwingt mit: „Hättet ihr mal auf uns gehört!“

Denn die allwissenden Deutschen haben natürlich schon vor vielen Monaten davor gewarnt, dass unsere transatlantischen Freunde auf direktem Weg in die Autokratie sind. Die Folgen: Untergang der westlichen Werte, Handelskrieg, Desaster. Einige warnen vor ähnlichen Entwicklungen in Deutschland: Verrohung der Debatten, Siegeszug der Populisten, postfaktisches Zeitalter.

Der düstere Blick in die Zukunft liegt im Trend – nicht nur in den sozialen Netzwerken, sondern auch in Politik und Medien. Entsprechende Schlagzeilen dominieren die Nachrichten. Und auf jedes Problem reagieren wir mit gehöriger Aufregung: Fake-News bei Facebook? Her mit dem Wahrheitsministerium! Steigende Zuwanderung? Hilfe, Überfremdung! Entwicklung künstlicher Intelligenz? Roboter nehmen uns die Arbeit weg!

Die Deutschen haben vor nahezu allem Angst. Laut R + V-Ängste-Studie 2016 fürchten sie sich am meisten vor Terrorismus, politischem Extremismus und Spannungen zwischen Ausländern und Deutschen. Der „Angstindex“ – der Durchschnitt der jährlich abgefragten Sorgen –  ist im Vergleich zum Vorjahr um zehn Prozentpunkte gestiegen.

Kritik an aktuellen Entwicklungen ist richtig und wichtig. Auch Sorgen sind in Ordnung. Aber das ständige Heraufbeschwören von Weltuntergangsszenarien muss aufhören. Im internationalen Vergleich steht Deutschland gut da: starker Mittelstand, niedrige Arbeitslosigkeit, hohe Lebensqualität. Eine aktuelle Studie kürte Deutschland aufgrund dieser Faktoren zum „besten Land der Welt“.

Deutschland ist bereits Exportweltmeister, Fußballweltmeister, Reiseweltmeister. Die Titel „Empörungsweltmeister“ oder „Schwarzmalereiweltmeister“ müssen nicht noch hinzukommen. Ein bisschen mehr Optimismus, Pragmatik und Sachlichkeit könnten nicht schaden.

Oder wie meine Generation sagen würde: Deutschland, chill mal.

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