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Kernenergie Frankreich buddelt am Atommüll-Endlager

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Kaum Widerstand im Atomland

Wie kaum ein anderes europäisches Land ist Frankreich auf den Atomstrom angewiesen: rund 75 Prozent des Stroms in Frankreich stammt aus Reaktoren (im Bild: das Kernkraftwerk Cattenom) Quelle: dpa

Im Atomland Frankreich hingegen, wo 58 Reaktoren drei Viertel des gesamten Stroms produzieren (und der Strom 40 Prozent billiger ist als in Deutschland), gibt es kaum Widerstand gegen das Projekt. Die Atomunternehmen Areva und EDF sind mit einem Umsatz von 8,9 beziehungsweise 65,3 Milliarden Euro eine wirtschaftliche Macht. In Frankreich sind 125.000 Menschen in der Atomindustrie beschäftigt, insgesamt hängen 410.000 Arbeitsplätze direkt und indirekt von der Branche ab.

Doch warum gerade Bure? Als Frankreich in den Achtzigerjahren mit der Standortsuche begann, waren zunächst vier Departements im Gespräch gewesen. Doch vor allem im Südwesten gab es Widerstand, da die dortigen Winzer um den Ruf ihrer Anbaugebiete fürchteten. „Letztlich ist die Akzeptanz der lokalen Bevölkerung entscheidend, das ist wichtiger als die Vorteile der jeweiligen Gesteinsart“, hieß es im Bericht einer Regierungskommission aus dieser Zeit. Mit dem 1991 verabschiedeten Bataille-Gesetz, das den Namen eines Atomlobbyisten trägt, änderte die Regierung ihre Strategie.

Fragwürdige Projekte

Zunächst wollte man drei Möglichkeiten testen: die oberirdische und unterirdische Lagerung sowie die „chemische Transmutation“. Zwei Labor-Bergwerke sollten eingerichtet werden. In der Praxis kam es anders. Es wurde nur ein einziges Labor gebaut, in Bure. Entscheidend sei die geringe Bevölkerungsdichte in der Region gewesen, räumte der damalige Regierungschef Lionel Jospin später ein. Das Bataille-Gesetz machte außerdem den Weg für „finanzielle Begleitmaßnahmen“ frei.

Um mögliche Proteste der Anwohner im Keim zu ersticken, schüttet die französische Regierung die Region seitdem mit Geld zu. Kleine Tricks und große Schecks haben dazu geführt, dass das Endlager in Bure nie zu einem Aufregerthema wurde. Anfangs bekamen die beiden Departements Meuse und Haute-Marne jeweils neun Millionen Euro im Jahr. Mittlerweile ist die Summe auf 30 Millionen Euro jährlich angestiegen. „Die Regierung hat gegen die Grundsätze der Demokratie verstoßen. Sie hat unser Gewissen kaufen wollen“, klagt Michel Marie, der als einer der wenigen Aktivisten gegen das Atommülllager in seiner Heimat kämpft. Die Einwohner der betroffenen Regionen hätten keinerlei Mitspracherecht gehabt und seien mit Geld zum Schweigen gebracht worden. „Es ging nach dem Gießkannenprinzip: Das Geld sollte an möglichst viele verteilt werden“, erklärt er. Dabei seien viele fragwürdige Vorhaben unterstützt worden.

Bure mit seinen etwa 80 Einwohnern erhielt beispielsweise eine Festhalle. Die wenigen Abendspaziergänger in und um das Dorf dürfen sich zudem an einer wahren Festbeleuchtung erfreuen. Sobald es dunkel wird, gehen hippe Straßenlaternen in modernem Design an, die eher in eine Großstadt passen würden. Nachbardörfer, bekamen die Gehwege neu gepflastert. Der Stromkonzern EDF verlegte sein Archiv nach Bure und setzte dafür einen mit Umwelt- und Architekturpreisen überhäuften Kubus mit Nietenmuster mitten in die öde Landschaft.

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