Werner knallhart: Getränke-Richtlinie: Der feste Deckel ist die neue Gurke der EU
Es ist Zeit uns endgültig zu lösen. Zu lösen vom Mythos der europäischen Salatgurkenverordnung zu deren Krümmungsgrad. Schon vor vielen Jahren wurde die abgeschafft, dient vielen aber immer noch als Paradebeispiel für die sinnlose europäische Regelungswut.
Wie so oft in Europa gilt: Die Idee dahinter ist aller Ehren wert (es passen mehr Gurken in den Karton, wenn alle gerade gewachsen sind), das Ergebnis ist am Ende aber europäisch blöd (krumme Gurken können nicht verkauft werden).
EU-Skeptiker haben das Geklammer an die Gurken gar nicht nötig. Es gibt doch die neuen angebundenen Deckel. Ein Vierteljahr nach Ablauf der Übergangsfrist gilt europaweit: „Was für ein Mist!“
Die Idee dahinter: Den offenbar festgestellten überbordenden Plastikdeckelmüll an europäischen Stränden einzudämmen. Mit anderen Worten: Kunststoff vermeiden.
Doch schon wieder hat man in Europa die eine Frage nicht gestellt: Zu welchem Preis?
Den hätte man sich als EU-Beamter gut ausrechnen können, wenn man vor Einführung der EU-Richtlinie einfach mal einen Milchshake aus einer der neu bedeckelten Flaschen getrunken hätte.
Das Bemerkenswerte an den festen Deckeln ist ja: Nach dem Öffnen ragt einem jetzt ein Teil der Verpackungsinnenseite ins Gesicht. Und was ist das Besondere an der Verpackungsinnenseite? Ich versuche es einmal EU-bürokratisch auszudrücken: Die Innenseite eines angebundenen Deckels trägt Produktrückstände an sich. Verdammt noch mal!
Diese Produktrückstände sind aber anders als etwa bei Zahnpasta oder Senf bei Getränkeverpackungen sehr flüssig.
Und nun tropfen uns von Athen bis Helsinki Schokoshake, Fruchtsaft und Buttermilch auf die europäischen Oberkörper. Ich schätze zigtausendfach. Das Ausmaß wurde mir erst jetzt klar, da ich mich gerade bei Stockholm aufhalte und meine Kusine mir gezeigt hat, wie sie jetzt Milch hier aufmachen. Ganz, ganz vorsichtig über der Spüle: „Habt ihr sowas jetzt auch?“
Stummes Nicken.
Wenn wir aber – zurecht – beim Energieverbrauch während der Lebensspanne eines Autos auch den Energieverbrauch bei dessen Produktion mitberücksichtigen, dann sollten wir bei der Frage, wie sehr die festen Deckel die Umwelt schonen, auch mit einrechnen, wie viele Hemden und Pullover jetzt mehr gewaschen werden müssen, weil der Deckel tropft. Mit einem Extraverbrauch an Energie und Waschmittel.
Von den ganzen Küchenrollen abgesehen, die dabei drauf gehen wegzuwischen, was beim Öffnen der neuen Milchpäckchen danebengeht. Beim Kochen entspannt die Gedanken schweifen lassen, das ist Me-Time-Romantik von früher. Heute müssen wir Europäer wach sein wie ein Luchs, um beim Ausgießen von Milch, Hafermilch und so sicherzustellen, dass der feste Deckel nicht in den Gießstrahl ragt.
Naja, werden jetzt vielleicht einige Leser denken, der Autor soll sich mal nicht so anstellen. Wir haben doch ganz andere Sorgen. Aber das ist ja die Kunst: Bei allem an großem Quatsch den kleinen Quatsch aus Überforderung nicht durchzuwinken.
Denn selbst wenn Sie vollgesiffte Shirts als Statement für mehr Umweltschutz stolz an sich tragen, müssen wir uns doch eingestehen: Wenn Fortschritt von den Menschen als Strapaze empfunden wird, dann kommt der Fortschritt später. Glauben Sie etwa, dass die Deutschen Lust haben auf noch mehr Pfandregelungen? Nein, weil die aktuellen so chaotisch und kompliziert sind (Rücknahmepflicht je nach Quadratmeterzahl des Ladens!)
- Verbraucher- und Umweltschützer etwa kritisieren an der Getränke-Verordnung:
- Die angebundenen Deckel tragen nicht dazu bei, dass weniger Einwegverpackungen in Umlauf sind.
- Die neuen Deckel benötigen wegen des aufwändigeren Dreh-knick-und-wegklapp-Mechanismus mitunter sogar mehr Plastik als die alten.
- Es ließe sich durch andere Verpackungsvorschriften deutlich mehr Müll einsparen, etwa indem Hohlräume reduziert werden. Warum gelingt es etwa, ein Päckchen Mehl randvoll abzufüllen, ein Päckchen Müsli aber nicht? Und machen Sie mal einen Becher dieser so populären Protein-Puddinge auf. Damit der Deckel schön groß wirkt, wird der Becher an seiner stets unbefüllten Oberseite deutlich breiter. Der Becher wirkt zu einem Drittel leer. Und warum sind Umverpackungen bei Zahnpasta immer noch erlaubt? Warum werden Döner noch in Alufolie gewickelt?
Deckel im Meer sind nicht gut. Schlimm genug, dass hunderte Millionen Europäer jetzt dafür geradestehen, dass einige Umweltassis die Deckel in die Umwelt werfen, wenn sie ihnen nicht an die Flasche getackert werden.
Und so etabliert sich jetzt nach meiner Beobachtung ein neuer europäischer Ritus. Die Deckelinnenseite vor dem Trinken mit dem Mund absaugen: „Ffffffpp!“
Nach dem Anstoßen mit Bier stellen viele das Glas auch noch einmal kurz ab. Wir werden das alles irgendwann nicht mehr hinterfragen.
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