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Wirtschaftsforschung Der Bruderkampf der Ökonomen

Experimentelle Wirtschaftsforscher und Spieltheoretiker liefern sich einen erbitterten Streit über die richtige Forschungsmethode. Mittelpunkt der Anfeindungen ist die jeweilige Grundannahme: Will der Mensch nur seinen Gewinn oder Nutzen maximieren oder bestimmen auch Werte sein Handeln?

Bestsellerökonom Steven Levitt: In seinem Buch

NEW YORK. Papier kann eine scharfe Waffe sein. Eine "unreife Wissenschaft" sei die experimentelle Wirtschaftsforschung, erklären zwei Ökonomie-Professoren und warnen vor voreiligen Schlüssen aufgrund dürftiger Daten. Kollegen giften zurück: "Unfundiert" sei die Kritik und "fehlerhaft". Schauplatz des Aufsatz-Krieges ist das "Journal of Economic Behavior & Organization". Dort veröffentlichen experimentelle Wirtschaftsforscher regelmäßig ihre Ergebnisse. Nun streiten sie dort auch.

An Anfeindungen von außen hat es der experimentellen Ökonomie nie gemangelt - doch diesmal findet der Zank im eigenen Lager statt. Die Autoren der Kritik, Ken Binmore und Avner Shaked, sind anerkannte Spieltheoretiker, einer eng verwandten Disziplin. Es ist eine Kritik, die man umso ernster nehmen muss - doch zugleich auch eine, die durchaus die Reife des Forschungszweigs markiert.

"Wenn eine Methode intensiv diskutiert wird, ist das ein Beleg für ihren Erfolg", folgert Harvard-Ökonom Alvin Roth, der 1995 das erste "Handbook of Experimental Economics" geschrieben hatte. Jahrzehntelang bildeten experimentelle Wirtschaftsforscher eine verschworene Gemeinschaft. Sie waren damit beschäftigt, ihre Methoden gegen Angriffe von neoklassischen Ökonomen abzuwehren. Letztere gehen davon aus, dass sich Menschen rational verhalten und ihren Gewinn oder Nutzen maximieren wollen. Fast alle gängigen Modelle basieren auf dieser Annahme. Die Experimentalökonomen hingegen interessieren sich für das tatsächliche Verhalten der Menschen und erforschen es im Labor oder im wirklichen Leben.

Das aber halten viele traditionell arbeitende Ökonomen für nicht so wichtig. "Mir ist in der Ökonomie noch nie jemand begegnet, der sagte, ich hab ein Thesenpapier geschrieben und muss nun mal testen, ob es sich im Experiment bewahrheitet", spottet Andrew Schotter, Leiter des Center for Experimental Social Science der New York University. "Die Kollegen sagen vielmehr: Ist mir nicht eine wunderbar elegante Beweisführung gelungen?"

Auf Wertschätzung hat die Disziplin daher lange gewartet. Während Experimente in Physik und Biologie seit Jahrhunderten selbstverständlich sind, gab es in der Ökonomie erst in den 1950er-Jahren sporadische Laborversuche. Es dauerte Jahrzehnte, bis sie systematisch und in Serie vorgenommen wurden - erst mit dem Nobelpreis an den Experimentier-Pionier Vernon Smith im Jahr 2002 wurde die Methode geadelt.

Seitdem boomt die Experimentalökonomie. "Lab" und "Field", wie Laborexperimente und Feldstudien kurz genannt werden, haben sich an vielen Forschungsstätten durchgesetzt. "Als ich Student war, gab es nur ein oder zwei Universitäten, die sich mit experimenteller Ökonomie beschäftigten", erinnert sich Chris Starmer, der 1992 seinen Doktor an der University of East Anglia in Norwich machte.

Heute führt das Laboratoire d'Economie Expérimentale de Montpellier 143 Institute auf, die auf diesem Gebiet forschen. Auch Starmers gegenwärtiger Arbeitgeber ist vertreten - der Ökonom leitet das Centre for Decision Research & Experimental Economics an der University of Nottingham.

Ein Großteil dieser Forschung konzentriert sich auf die Entscheidungstheorie und hat das Verständnis für die Präferenzen von Menschen erweitert. Für viele Ökonomen steht heute fest, dass die enge Definition eines Homo oeconomicus, der sich nur von materiellem Eigeninteresse leiten lässt, nicht haltbar ist. Neben dem Ziel, Geld zu verdienen, scheint es Werte und Normen zu geben, die das Handeln bestimmen - zum Beispiel Fairness.

Das entdeckten Forscher durch Experimente, in denen es um die Lohnhöhe ging. Die erste Studie dazu kam 1993 von einem Forscherteam um den Züricher Professor Ernst Fehr, in der ein Arbeitsverhältnis simuliert wurde: Probanden, die Firmen repräsentierten, machten Lohnangebote. Die Arbeiter wählten daraufhin, wie sehr sie sich ins Zeug legen. Ein Homo oeconomicus hätte stets so wenig gearbeitet wie möglich; im Experiment strengten sich die Arbeiter bei höheren Löhnen aber mehr an als nötig. Inzwischen ist der Versuch vielfach repliziert und variiert worden.

So viel neues Material gibt es, dass das "Handbook of Experimental Economics" dringend ergänzt werden muss. Alvin Roth arbeitet mit seinem Koautor John Kagel schon an Teil zwei. Dieser Siegeszug erlaubt, auf neuem Niveau über Qualität zu diskutieren. "Nachdem wir jahrzehntelang in einer Verteidigungshaltung waren, sollten wir selbstbewusst genug sein einzuräumen, dass auch Experimente Grenzen und Schwachpunkte haben", erläutert Chris Starmer.

Solche Schwachpunkte nennt etwa Bestsellerökonom Steven Levitt in seinem Buch "Superfreakonomics". Levitt gibt zu bedenken, dass Ergebnisse verfälscht werden können oder dass sich nur besonders kooperative Personen an Experimenten beteiligen. Außerdem wüssten die Teilnehmer, dass ihr Handeln ausgewertet werde - weshalb sie sich weniger egoistisch verhielten: "Keiner fährt bei Rot über die Ampel, wenn ein Polizeiwagen an der Kreuzung steht."

Lab-Befürworter wie Armin Falk von der Uni Bonn und der Nobelpreisträger James Heckman aus Chicago halten dagegen. Solche verfälschenden Effekte ließen sich ausgeklammern oder zumindest identifizieren - etwa durch die Wiederholung des Experiments mit anderen Teilnehmern und Variationen der Versuchsanordnung. Auch der Aufsichtseffekt lässt sich ausschalten, etwa durch versteckte Kameras. "Das Labor bietet Kontrollmöglichkeiten, die in einer natürlichen Umgebung kaum zu finden sind", schreiben sie in einem Aufsatz in der Fachzeitschrift "Science".

Schwieriger zu entkräften ist der Vorwurf, dass der Kontext von Experimenten, wie Levitt es ausdrückt, "unausweichlich künstlich" ist, während eine Entscheidung in der realen Welt "von einer umwerfenden Fülle von Anreizen, Normen, Umständen und Erfahrungen beeinflusst wird".

Experimentalökonomen sehen darin jedoch keinen Grund, auf Experimente zu verzichten. "Wenn es Zweifel an der externen Validität gibt, können wir Laborversuche zum Beispiel durch Feldexperimente ergänzen", sagt Chris Starmer. Der Brite ist - neben Ökonomen wie Peter Moffat und Robin Cubitt - einer der Autoren des Buchs "Rethinking the Rules". Darin stellen die Experimentalökonomen "kritische Fragen zur Methodik, aber verteidigen sie am Ende", erklärt Starmer. "Wir sagen unseren Kollegen: Entspannt euch, seid erfinderisch!"

Gelassenheit predigt auch Harvard-Ökonom Al Roth seinen Studenten. In seiner Einführung in die experimentelle Ökonomie erinnert er an den Experimentalphysiker Georg von Békésy, der 1961 einen Nobelpreis erhielt. Der ließ seine Experimente gern von Kollegen begutachten, die seinen Forschungen skeptisch gegenüberstanden. "Ein Feind ist willens, viel Zeit und Denkvermögen aufzubringen, um kleine und große Fehler aufzudecken, und wird nicht einmal Honorar dafür verlangen", erklärte er einmal. Das Problem sei nur, dass sie zuweilen die Fronten wechselten. "Auf diese Weise habe ich meine besten drei Feinde verloren."

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