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Blick hinter die Zahlen # 63 – Ehrenamt nach der Pandemie Setzt sich der Boom der Hilfe nach Corona fort?

Schwimmen lehren, Streit schlichten, Essen verteilen, Feuer löschen: Wie wirkt sich die Pandemie auf die Hilfsbereitschaft und das gesellschaftliche Engagement aus? Die Entwicklung des Ehrenamts in Deutschland.

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Was macht Corona mit den Deutschen? Oder konkreter: Mit dem Guten in ihnen? Die Frage treibt in diesen Tagen Soziologen genauso um, wie Verantwortliche in Wohlfahrtsorganisationen, Bürgerinitiativen oder Vereinen. Welche Folgen hat die monatelange Zwangspause für das sogenannte „bürgerschaftliche Engagement“ der Deutschen, ihren freiwilligen und ehrenamtlichen Einsatz für die Gesellschaft und ihre Mitmenschen?

Kehren die Engagierten zurück? Motiviert, das in langer Untätigkeit Liegengebliebene nachzuholen? Oder hat – im Gegenteil – die Trennung von Freunden und Gleichgesinnten die Bereitschaft der Menschen erodieren lassen, sich gesellschaftlich und ohne Gewinnabsicht für und mit anderen zu engagieren?

„Wir haben über die vergangenen zwei Jahrzehnte eine merkliche Zunahme des Engagements in der Bevölkerung feststellen können“, sagt Ansgar Klein, Hauptgeschäftsführer beim Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement (BBE) in Berlin, „aber nun herrscht große Ungewissheit, was eineinhalb Jahre ‚Pausetaste‘ mit dem Engagement der Menschen gemacht haben.“

Tatsächlich verzeichnet die jüngste Auflage des sogenannten Freiwilligensurveys eine, verglichen mit früheren Erhebungen, deutlich gestiegene Bereitschaft der Menschen, sich gesellschaftlich zu engagieren: Waren es 1999 rund 21,6 Millionen Menschen (30,9 Prozent der Gesamtbevölkerung), die sich freiwillig engagierten, und lagen die Werte 2009 später bei 22,8 Millionen (31,9 Prozent), so stieg die Zahl bis 2019 deutlich auf dann 28,8 Millionen (39,7 Prozent).

Der Freiwilligensurvey ist eine bundesweite Erhebung im Auftrag des Bundesfamilienministeriums und wird alle fünf Jahre durchgeführt. Er dokumentiert „Tätigkeiten, die freiwillig und gemeinschaftsbezogen ausgeübt werden, im öffentlichen Raum stattfinden und nicht auf materiellen Gewinn ausgerichtet sind“. Damit umfasst die Studie unter anderem Menschen, die ehrenamtliche Positionen in Gemeinde- oder Stadträten übernehmen, sich in Bürgerinitiativen für politische Belange einsetzen, Kindern das Schwimmen beibringen oder religiöse Veranstaltungen vorbereiten. Die erfassten Freiwilligen organisieren Konzerte und löschen Feuer, verteilen Essen an Bedürftige und schlichten Streit zwischen Menschen in der Nachbarschaft, sie schützen die Umwelt oder engagieren sich für Geflüchtete.

Und überall dort fragen sich die Verantwortlichen nun, wie es nach Corona weitergeht. „Kommen beispielsweise auch die wieder, die schon vor Corona nur noch halbherzig dabei waren?“, fragt Jochen Roose, Soziologe und Engagement-Forscher bei der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) in Berlin. Klar sei, dass mögliche Abgänge zunächst einmal nicht durch neue Helferinnen und Helfer kompensiert werden, die unter normalen Umständen in den vergangenen Monaten für Initiativen oder Organisationen gewonnen worden wären. „Die während der Corona-Phase nur latent angelegten Veränderungen werden sich nach der Pandemie auf einen Schlag zeigen, während sie sich sonst vielleicht über Monate hinweg nivelliert hätten.“

Diese Unsicherheit spiegelt sich auch in einer aktuellen Umfrage des zum Stifterverband gehörenden Think-Tanks Zivilgesellschaft in Zahlen (ZIVIZ). Laut dem ZIVIS-Engagement-Barometer sehen es immerhin 62 Prozent der befragten Verantwortlichen in gemeinnützigen Organisationen als Kernherausforderung an, „Mitgliederaustritte zu verhindern“. Und sogar 70 Prozent nennen die Bindung (neuer) Engagierter an die jeweiligen Organisationen als eine der entscheidenden Kernaufgaben während der Coronakrise.





Bisher, immerhin, ist noch kein massiver Mitgliederschwund festzustellen. Gerade einmal 17 Prozent der Befragten berichten von Kündigungen im Coronaverlauf. Deutlicher hingegen ist, dass das „umfangreiche, spontane Engagement vom Beginn der Coronakrise“ nachgelassen hat. Das bestätigt zumindest ein Drittel der befragten Verantwortlichen. Jochen Roose überrascht das nicht: „Neue Herausforderungen – egal ob Flüchtlingsstrom oder Corona-Lage – lassen Hilfsangebote vielfach rasch aufblühen“, so der KAS-Experte. Aber das Engagement lasse sich nur zeitlich begrenzt aufrecht erhalten, „weil die Menschen die damit verbundene Zusatzlast im Alltag nicht unbegrenzt tragen können.“

Bleibt die Frage, ob die als gesamtgesellschaftliches Phänomen erlebte Last und die Herausforderungen der Pandemie die Grundbereitschaft der Menschen, stärker aufeinander achtzugeben, sich füreinander zu engagieren, eher gestärkt oder womöglich geschwächt haben. Ob also die Menschen durch die Coronakrise näher zusammengerückt sind, oder nicht?



Auch dazu gibt es keinen eindeutigen Trend, wie eine Umfrage im sogenannten Krisenbarometer der Konrad-Adenauer-Stiftung zeigt. Jeweils ein gutes Drittel der Befragten ist sich unschlüssig, oder glaubt das nicht. Ein knappes Drittel stimmt der These des Zusammenrückens allerdings auch „voll“ oder zumindest „eher“ zu.

Nicht ausgeschlossen also, dass es am Ende tatsächlich so bleibt wie es war und auch nach Corona rund 40 Prozent der Frauen und Männer hierzulande sich in irgendeiner Form freiwillig engagieren, wie das die jüngste Auflage des Freiwilligensurveys für 2019 noch ergeben hatte. Dabei zeigte sich zudem, dass sich die zuvor deutlicheren Geschlechterunterschiede – Männer waren bis 2014 aktiver – weitgehend angeglichen hatten. Gründe dafür, so die Studie, könnten Veränderungen bei der beruflichen Belastung beider Geschlechter oder auch sich ändernden Rollen- und Lebensmodelle sein.





Klar ist indes, dass sich die Felder des individuellen Engagements bis heute zwischen Frauen und Männern teils sehr deutlich unterscheiden. Besonders deutlich ist das beispielsweise bei Sport und Bewegung, Politik oder der Mitarbeit in Rettungsdiensten und Feuerwehren, wo Männer dominieren. Überwiegend weibliche Freiwillige gibt es dagegen in Feldern wie Schule und Kindergarten, im kirchlichen und religiösen Bereich oder im Gesundheitssektor.

Auffällig ist zudem, dass der Anteil freiwillig Engagierter in den vergangenen zwei Jahrzehnten über alle Altersstufen stark angestiegen ist. So legte etwa der Anteil der Engagierten unter jüngeren Menschen zwischen 14 und 29 Jahren seit 1999 um rund ein Viertel auf zuletzt 42 Prozent zu, was klar der verbreiteten These widerspricht, dass „die Jugend heute unpolitisch und gesellschaftlich desinteressiert ist“. Nochmals deutlicher ist indes das verstärkte Engagement von Personen, die 65 Jahre und älter sind. Hier hat sich der Anteil der freiwillig engagierten im selben Zeitraum von 18 auf gut 31 Prozent sogar knapp verdoppelt.



So deutlich der Zuwachs der Menschen über die Jahre ist, die sich ehrenamtlich für die Gesellschaft engagieren: Im Gesamtvolumen und vor allem in der ökonomischen Gesamtwirkung schlägt sich das zusätzliche Engagement bei weitem nicht so positiv nieder, wie es die reine Helfendenzahl vermuten ließe. Denn das Mehr an Menschen investiert gleichzeitig tendenziell weniger Zeit ins persönliche, freiwillige Engagement. So sank der Anteil jener Menschen, die wöchentlich mehr als drei Stunden aufwenden, von fast 50 Prozent im Jahr 1999 auf zuletzt nur noch gut 40 Prozent. Umgekehrt stieg der Anteil jener Personen, die maximal zwei Stunden pro Woche einsetzen, von 50 auf 60 Prozent.



Mehr Menschen, aber weniger Zeitaufwand – im Saldo führt das sogar zu einem leicht sinkenden Beitrag ehrenamtlichen Engagements zur deutschen Wirtschaftsleistung. Das jedenfalls ergeben die Hochrechnungen zum Nationalen Wohlfahrtsindex, des zur Hans-Böckler-Stiftung gehörenden Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung. Danach entsprach der Wert ehrenamtlicher Tätigkeiten 1999 noch rund 68 Milliarden Euro, seit 2009 liegt er relativ konstant bei 63 bis 64 Milliarden Euro.



Welche – auch ökonomische – Rolle das freiwillige Engagement der Menschen in Deutschland nach dem Ende der Pandemie spielen wird, bliebt also eine ebenso offene, wie spannende Frage.

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