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Wissenschaft „Forscher, die Studien wiederholen, gelten als langweilig“

Ulrich Dirnagl vom Berlin Institute of Health. Quelle: BIH, Thomas Rafalzyk

Das Berlin Institute of Health zahlt Wissenschaftlern Prämien, die auch Misserfolge veröffentlichen oder Studien anderer wiederholen. Initiator Ulrich Dirnagl erzählt, warum dies dringend nötig ist.

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WirtschaftsWoche: Herr Dirnagl, Ihr Institut zahlt 1000 Euro als Anreiz, damit Forscher eine Studie wiederholen, die jemand anderes bereits veröffentlicht hat – oder für die Veröffentlichung von negativen Resultaten. Warum ist das nötig?
Ulrich Dirnagl: Wir haben das Problem, dass zu viele Studien nur dann veröffentlicht werden, wenn sie die Ausgangshypothese bestätigen. Studien, bei denen das nicht der Fall ist, gelten als Misserfolge und verschwinden unveröffentlicht in der Schublade. Wir wollen die Aufmerksamkeit dafür wecken, dass auch diese Ergebnisse ihre Berechtigung haben und wichtig sind.

Aber was ist daran interessant, wenn ein Forschungsprojekt ergebnislos bleibt oder nicht die vermuteten Ergebnisse zeigt?
Denken Sie doch mal an die Medikamentenentwicklung. Wenn die Literaturrecherche vor den klinischen Humanstudien überwiegend positive Ergebnisse zeigt, aber die negativen verschweigt, malt es ihnen ein Bild von einer wirksamen Substanz. Dann rekrutieren Sie Patienten, indem Sie ihnen erzählen, wie vielversprechend das Medikament sei. Sie täuschen die Patienten, wenn auch nicht bewusst. Ganz davon abgesehen, dass viel Forschungsarbeit doppelt gemacht wird.

Was meinen Sie damit?
Stellen Sie sich vor, Sie wollen als Wissenschaftler etwas Neues erforschen. Sie fangen an zu recherchieren, setzen Tierversuche auf und am Ende finden Sie nichts Relevantes heraus. Es ist relativ wahrscheinlich, dass einige vor Ihnen zu einem ähnlichen Resultat gekommen sind, sie diese aber nicht finden, weil keiner sie veröffentlicht.

Nun sind 1000 Euro aber nicht gerade viel, um etwa einen Forschungsansatz zu finanzieren.
Mit 1000 Euro wird niemand reich, aber immerhin kann man davon schon zwei Mitarbeiter auf einen Kongress schicken. Zusätzlich präsentieren wir diese Wissenschaftler auf unserer Website, um ihnen mehr Aufmerksamkeit zu schenken.

Wirkliches Ansehen erreichen Wissenschaftler aber nur, wenn Sie neue, positive Resultate erzielen und diese in einem angesehenen Magazin veröffentlichen.
Das stimmt, das akademische Belohnungssystem ist so ausgerichtet, dass man etwa eine Professur zugesprochen bekommt, wenn man bemerkenswerte Publikationen veröffentlicht. Forscher, die Studien wiederholen, gelten schnell als langweilig und wenig innovativ.

Ist das Berlin Institute of Health dann nicht ein ziemlicher Einzelkämpfer?
Irgendjemand muss anfangen. Und zudem sind wir auch nicht völlig allein in dieser Sache. Erste Fördergeber wie das Bundesministerium für Bildung und Forschung oder der Wellcome Trust in England fördern auch Wiederholungsstudien.

Aber abgesehen von einem monetären Anreiz, was bringt das einem Forscher?
Bei der Charité spielt es mittlerweile eine Rolle, bei der Berufung von Professuren. In dem Bewerbungsprozess fragen wir die Bewerber beispielsweise danach, ob sie bereits Nullresultate veröffentlicht haben. Andere Universitäten wie die in Utrecht oder Edinburgh verfolgen ähnliche Ansätze.

Aber da würde sich ja jeder im besten Licht darstellen.
Das sollte man meinen, aber manche setzen dort beispielsweise nur ein Fragezeichen hin. Das Thema ist einfach noch sehr neu.

Führt Ihr Anreizsystem denn bereits dazu, dass Forschungsergebnisse besser reproduzierbar sind?
Mit harten Kriterien können wir das bisher nicht zeigen. Da viele biomedizinische Studien einen viel längeren Zeithorizont haben als die zwei Jahre, in denen wir die Prämien bisher ausgezahlt haben, ist es dafür auch noch zu früh.

Gibt es denn wenigsten einen ersten Hinweis?
Da gibt es schon einige. Wir belohnen es beispielsweise auch, wenn Wissenschaftler ihre verwendeten Daten der Allgemeinheit zur Verfügung stellen. Das ist wichtig, weil damit zum einen ihre Ergebnisse überprüft und zum anderen neue Fragen beantworten werden können. Hier gehen die Zahlen eindeutig nach oben.

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