WiWo History: Wie die Formeln eines Physikers Zeiss zum Welterfolg verhalfen
Im November 1846 öffnet in der Neugasse Nummer 7 in Jena ein neues Geschäft: die „Optische Werkstätte“ von Carl Zeiss. Der 30-jährige Mechaniker beginnt hier, in Handarbeit Mikroskope und andere optische Geräte herzustellen.
Es ist eine Zeit, in der Wissenschaftler die Natur und den Menschen systematisch untersuchen, sie buchstäblich unter die Lupe nehmen. Der Jenaer Botaniker Matthias Jacob Schleiden zum Beispiel, der die Zellen der Pflanzen erforscht. Leute wie er brauchen immer genauere, ausgefeiltere Mikroskope – und die aus der Neugasse sind besser und billiger als die der Konkurrenz.
Die Zeiss-Story
Zeiss will den Mikroskopebau auf eine wissenschaftliche Grundlage stellen. Er sucht nach einem Verbündeten – und findet ihn in einem jungen Physiker, der an der Universität Jena mit seiner fachlichen Brillanz von sich Reden macht: Ernst Abbe.
Ab 1866 arbeitet Abbe als wissenschaftlicher Mitarbeiter in Zeiss’ Werkstatt. Er führt eine Arbeitsteilung ein, um den Bau der Mikroskope effizienter zu gestalten – und erforscht die theoretischen Grundlagen der Optik. Anfang der 1870er-Jahre gelingt Abbe der Durchbruch: Er entwickelt mehrere optische Gesetze, mit denen sich die Linsensysteme in Zeiss’ Betrieb präzise berechnen und verbessern lassen. Bis heute stehen sie in physikalischen Lehrbüchern.
Die Erfolgsformel des Unternehmens ist gefunden. Denn mit den immer besseren Mikroskopen erobert der Jenaer Optikspezialist bald die Weltmärkte. 1886 liefert der Betrieb sein 10 000. Mikroskop aus. Das darf der Gründer noch erleben. Zwei Jahre später stirbt Carl Zeiss.
Abbe übernimmt die Geschäfte. Und trifft eine ungewöhnliche Entscheidung: Er gründet die Carl-Zeiss-Stiftung und überträgt ihr alle seine Unternehmensanteile. Seine Grundidee: Der unternehmerische Erfolg soll den Mitarbeitern, der Forschung und dem Gemeinwohl zugutekommen.
Die weitere Firmengeschichte ist eng verknüpft mit der politischen Geschichte Deutschlands: Zeiss freut sich über Welterfolge, beliefert in den Weltkriegen Militärs und Nazis mit Präzisionsoptiken, beutet als Rüstungsbetrieb Tausende Zwangsarbeiter aus.
Nach 1945 nimmt die US-Armee einen Teil der Mitarbeiter mit in den Westen – Zeiss gibt es nun zwei Mal, in der DDR und in der BRD. Zeiss-Objektive halten die Mondlandung in Bildern fest.
Nach der Wende schafft das Unternehmen seine eigene, komplizierte Wiedervereinigung. Heute fertigt Zeiss Hightechmikroskope und Anlagen zum Bau von Mikrochips – und setzt wie sein Gründer auf Forschung und Innovationen, um neue Märkte zu erschließen.
Jetzt reinhören: Die ganze Zeiss-Story gibt es als Podcast-Folge bei Wiwo History.