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Kleiderrecycling High-Tech-Garn aus alten Strümpfen

Öl, Baumwolle und Energie: Die Produktion von Kleidung verschlingt massenhaft knappe Ressourcen. Hersteller sammeln deshalb alte Kleidung ein, um sie zu neuen Produkten weiterzuverarbeiten. Die Branche steht vor einem tief greifenden Wandel.

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Sortieranlage des Recyclingspezialisten Soex Quelle: PR

Giftgrün ist die Snowboardjacke. Sie glänzt ein wenig und weist Wind und Wasser ab, verspricht der Hersteller. Funktionskleidung wie diese wird fast immer aus Kunststofffasern hergestellt. Ökologisch korrekt war das bisher nicht, weil die Fasern weder nachwachsen noch verrotten. Doch bei der Jacke des Kieler Outdoor-Ausrüsters Pyua liegen die Dinge anders: Sie besteht aus Altkleidern, genauer gesagt, aus einem Garn, das komplett aus recycelten Kleidern und Plastikflaschen gesponnen wird. Der Stoff ist von neuem Polyester nicht zu unterscheiden.

Als der Textilmanager Timo Perschke 2008 den Bekleidungshersteller Pyua gründete, um aus recycelter Synthetikware Funktionskleidung für Wanderer und Wintersportler zu schneidern, hielten das viele Freunde für abwegig. Doch schon 2010 erwirtschaftete er mit der recycelten Sportkleidung 2,5 Millionen Euro Umsatz. Aber das Unternehmen verkauft nicht nur recycelte Jacken, sondern nimmt die abgetragene Ware auch zurück, sammelt sie in einem Container im Hamburger Freihafen und schickt sie nach Japan, wo sie im Werk des Kunstfaserherstellers Teijin zerkleinert und zu neuen Garnen gesponnen wird.

Kleiderrecycling ist Trend

Längst ist Kleiderrecycling nicht mehr nur das Experiment eines Kieler Startups – sondern ein Trend, der die ganze Textilindustrie erfasst: Jüngst beschloss Teijin gar, die Polyesterproduktion in allen japanischen Werken auf Recycling umzustellen. Die Japaner liefern ihr Recyclinggarn an mehr als 130 Textilhersteller weltweit – allein in Deutschland kursieren 5000 Artikel aus dem Material. Auch die Outdoormarke Patagonia bietet Recyclinganoraks an und nimmt Getragenes mittlerweile zurück. Und die Nachfrage steigt: in Europa laut Teijin um 10 bis 20 Prozent pro Jahr.

Das Recycling löst ein immer drängenderes Problem der Modebranche: Den galoppierenden Ressourcenverbrauch. Die Baumwollnachfrage etwa stieg im vergangenen Jahrhundert weltweit um das Siebenfache und liegt seit 2010 bei rund 25,4 Millionen Tonnen. Zwischen Sommer 2010 und diesem Frühjahr stieg der Preis des Rohstoffs um 115 Prozent (siehe Grafik). Auch die Kunstfaserproduktion ist in die Höhe geschnellt, auf zuletzt 49,6 Millionen Tonnen. Dabei verbrauchen die Hersteller pro Jahr rund 31 Millionen Liter Öl. Trotzdem landen Hemden, Hosen und Schuhe, einmal abgetragen, meist auf dem Müll.

Schon in den Achtzigerjahren stieß sich der Chemiker Michael Braungart an der Wegwerfmentalität. „In der Natur sind alle Abfälle Nahrung“, sagt er. Der Satz wurde zu seinem Mantra – und er zum Vordenker des Recyclings: Mit dem US-Architekten William McDonough entwickelte Braungart 2007 ein Konzept, mit dem sich Produkte endlos und ungiftig recyceln lassen.

Chemikalien verboten

Mehr als 6000 Chemikalien, von Farben bis zu Antiknitterhilfen, standen bis dahin der textilen Verwertung im Weg und verunreinigten die recycelten Fasern. In Braungarts Konzept sind nur noch wenige – recyclingfähige und unbedenkliche ‧– Chemikalien erlaubt. Kleidung soll zudem so gefertigt werden, dass sich Bestandteile wie Reißverschlüsse und Futterstoffe mühelos trennen und verwerten lassen.

Diese Cradle to Cradle genannte Philosophie – übersetzt von der Wiege eines Produktes zur Wiege des nächsten – gilt international „als Goldstandard einer hochwertigen Kreislaufproduktion“, sagt Wolfgang Grupp, Chef des baden-württembergischen Freizeitbekleidungsherstellers Trigema. Mehr als 600 Unternehmen verkaufen bereits Cradle-to-Cradle-zertifizierte Produkte, darunter der Unterwäschehersteller Triumph und Stoffproduzent Backhausen. Auch Wal-Mart, Otto, C&A, Puma und Nike loten das Prinzip aus.

Sie bauen dafür eine völlig neue Infrastruktur auf – ähnlich dem Pfandflaschensystem: Bei der Modekette Adler etwa erhalten Kunden für eine kleine Tüte Altkleider einen Gutschein im Wert von einem Euro, für eine große gibt es drei. Das sei die „Vorhut einer neuen industriellen Revolution“, sagt Braungart. „Das Cradle-to-Cradle-Prinzip wird sich in den nächsten Jahren in Europa vollständig durchsetzen.“

Grafik: Gefragt und teuer Quelle: IVC / Bloomberg, Statista

Das würde einen gigantischen Abfallstrom umlenken: 30 Kilo Hemden, Hosen und Unterwäsche wirft jeder Deutsche pro Jahr in den Müll. Eine gigantische Verschwendung. Denn der Einsatz gebrauchter Ware spare bis zu 50 Prozent der Rohstoffkosten, sagt Bekleidungstechniker Thomas Schneider von der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin.

Am besten lassen sich bislang Kunstfasern zurückgewinnen, darunter Polyester und Polyamid. Im Gegensatz zu Naturfasern lassen sie sich chemisch recyceln. Führend dabei ist der japanische Konzern Teijin, der als erstes Unternehmen einen Kreislauf für die Polyester-Wiederverwertung entwickelt hat, dem wichtigsten Stoff für Bekleidung überhaupt.

Weltweit lässt Teijin jährlich Tausende Tonnen Textilien sammeln, in Asien, in den USA und in Europa. Damit sich in die neuen Stoffe keine giftigen Chemikalien mischen, nimmt Teijin allerdings nur Textilien aus hauseigenem Polyester zurück. Denn für die eigene Produktion gelten rigide Standards: Bromierte Flammhemmer, chlorhaltige Chemikalien sowie Stickstoffbeschichtungen und Farben sind tabu.

Fasern recyceln, Produktionskosten senken

Sobald die Jacken und Hosen zurück in Japan sind, reißen riesige Maschinen, die an Aktenvernichter von der Breite eines Bulldozers erinnern, die Altkleider in winzige Stücke. In einem nächsten Schritt ziehen Magnete die Reißverschlüsse heraus.

Anschließend entfärben Chemikalien die Stoffreste, um sie danach bis zu 280 Grad Celsius zu erhitzen. Dabei verwandelt sich die Kunstfaser unter anderem in Ethylenglykol. Die Chemikalie ist der Ausgangsstoff der Polyesterproduktion. Und deshalb ist die recycelte Faser nicht von neuer Ware zu unterscheiden. „Unser Produkt ist genauso rein“, sagt Niko Heimann von Teijin Deutschland in Hamburg.

Alle großen Kunstfaserhersteller sind laut Bekleidungstechniker Schneider daran interessiert, ihre Fasern zu recyceln und die Produktionskosten zu senken. Schneider setzt dafür auf ein neues Verfahren: das bloße Umschmelzen von Synthetikkleidung. Das sei schneller und effizienter, sagt er. Allerdings müssen Altkleider zuvor sogar nach Farben sortiert werden.

Altkleider einschmelzen

Für ein deutsches Unternehmen entwirft Schneider daher Funktionsbekleidung, die von Knopf bis Etikett aus nur einem Material besteht – noch ist der Auftraggeber Geheimsache. Getrennt nach Farben soll eine spezielle Anlage diese Altkleider später bei gut 200 Grad Celsius einschmelzen und sofort zu neuen Fasern spinnen können. „Kleidung aus Polyamid oder Polyester kann beliebig oft umgeschmolzen werden“, sagt Schneider. Die Fasern würden durch dieses Verfahren sogar besser. Denn Verschmutzungen, etwa der giftige Katalysator Antimon aus der Erzeugung von Polyester, werden mit jedem neuen Schmelzvorgang herausgelöst. Selbst Damenstrumpfhosen ließen sich so fertigen, dass das Nylon mit jedem Lebenszyklus besser würde.

Genau das versucht der französische Strumpfhersteller Dim: Das Unternehmen aus der Nähe von Lyon investiert 250 000 Euro in eine „unsterbliche Strumpfhose“, wie Braungart sie nennt. 2012 soll sie auf den Markt kommen. Elegant und bequem müsse sie sein, heißt es bei dem Unternehmen, für das schon Top-Model und Präsidentengattin Carla Bruni Bein zeigte.Auch Dim baut auf Braungarts Cradle-to-Cradle-Konzept: Das Unternehmen hat bereits einen Partner gefunden, der gebrauchte Strümpfe einsammeln und ans Werk liefern wird, heißt es bei französischen Experten.

Kostüm Dutch Spirit Quelle: PR

Trotz aller Recyclingmöglichkeiten: In Sachen Hautfreundlichkeit und Ökologie hat Baumwolle einen immer noch besseren Ruf als die Kunstfaser. Die Naturfaser ist – nach Polyester – der zweitwichtigste Grundstoff der Modeindustrie. Doch bisher können Hersteller Baumwolle nur mit Qualitätsverlusten recyceln. Dafür werden Altkleider zerrissen. Dabei verkürzen sich die Faserbündel, aus denen jedes Garn besteht, so stark, dass die daraus gewobenen Textilien weniger robust sind. Aus einer Jeans kann deshalb allenfalls noch T-Shirt-Garn werden.

Um Baumwollrecycling zum Durchbruch zu verhelfen, entwickelt der Berliner Bekleidungstechniker Schneider nun im Auftrag eines großen deutschen Textilherstellers, der nicht genannt werden möchte, einen ganz besonderen Webstuhl: Das Gerät läuft rückwärts und dröselt das Gewebe etwa von Hosen schonend wieder auf, zurück bleiben soll ein strapazierfähiges Garn. In zwei bis drei Jahren soll dieser Reverse-Webstuhl fertig sein.

„Cradle to Cradle ist eine Investition in die Zukunft“

Auch Trigema-Chef Grupp beobachtet diese Entwicklungen aufmerksam. Jeden Tag nähen in seinem Unternehmen Mitarbeiter Hunderte T-Shirts. „Cradle to Cradle ist eine Investition in die Zukunft“, sagt er. Nur mit technologischer Überlegenheit könnten sich europäische Hersteller gegen die Konkurrenz aus Asien wehren. 

Um sich auf das Recycling vorzubereiten, hat Trigema zunächst kompostierbare T-Shirts, Polohemden und Sweatshirts entwickelt. Die biologisch abbaubare Ware ist aber nur der erste Schritt. „Was problemlos verrottet, kann später auch schadstofffrei recycelt werden“, sagt Braungart.

Nur: Technik und Design allein genügen nicht für das Recycling. Vor allem müssen die Hersteller eine Entsorgungsinfrastruktur aufbauen. Wie die aussehen könnte, lässt sich schon heute in Wolfen, nordöstlich von Halle, studieren. Hier betreibt Soex, der weltgrößte Verwertungsbetrieb für Altkleider, eine spezielle Sortierfabrik.

Ein Hauch Cameron Diaz

Jeden Tag laden hier Lastwagen bis zu 300 Tonnen Altkleider ab. In einer fußballfeldgroßen Werkshalle sortieren Hunderte Mitarbeiter Shirts, Hosen und Schuhe am Fließband. Hemden oder Jeans werden automatisch zu Ballen gepresst. Tragbares verkauft Soex in Entwicklungsländer. Zerschlissene Klamotten zerschneiden messerscharfe Walzen ähnlich einem gigantischen Aktenvernichter in haarfeine Fasern. Dieses watteähnliche Material verkauft Soex an Unternehmen, die daraus Dämmmatten, Isoliermaterial oder Putzlumpen fertigen. Weltweit verarbeitet Soex rund 200 000 Tonnen Altkleider und setzt damit 150 Millionen Euro pro Jahr um.

Doch auch bei Soex spielt das textile Recycling eine immer wichtigere Rolle: Kaschmir und Wolle etwa lässt das Unternehmen in Italien zu neuem Garn spinnen.

Um diese Prozesse zu erleichtern, möchte Soex bis 2020 elektronische Etiketten für Bekleidung und Schuhe einführen. Auf diesen Funkchips wollen sie unter anderem speichern, welche Chemikalien in dem Produkt stecken und woraus Knöpfe und Nähte bestehen. Mit einem Lesegerät ließen sich die Artikel dann automatisch nach Stoff und Farben trennen. Solch ausgefeilte Sortiersysteme würden hochwertiges Recycling überhaupt erst ermöglichen.

Recycling Schuhe Quelle: PR

„Wir wollen alles bis zum Letzten verwerten“, sagt Soex-Strategiemanager Pailak Mzikian. Das größte Problem bereiten den Experten dabei immer noch die Schuhe. Rund 7000 Tonnen alte Treter landen jedes Jahr bei Soex. In der EU werden 1,2 Millionen Tonnen weggeworfen, schätzen die Recyclingforscher Mike Lee und Shahin Rahimifard von der Loughborough University im britischen Leicestershire.

Lee und Rahimifard haben jedoch eine Methode erfunden, mit der sich sogar Schuhe weiterverarbeiten lassen. Nun arbeiten sie mit Nike, der britischen Supermarktkette Tesco und Soex daran, dieses Schuhrecycling anwendungsreif zu machen: Die Pantoffeln werden dafür gemahlen und Leder, Gummi, Textilien und Schaumstoff in einer Art Windkanal voneinander getrennt. 2012 will Soex diese Technik einsetzen. Ein britischer Schuhhersteller will das Gummipulver zu neuen Sohlen schmelzen. Und der europäische Filialist Salamander interessiere sich für das gemahlene Leder, weil das Unternehmen über eine Technik verfüge, dieses wieder zum Obermaterial eines Schuhs zusammenzufügen, berichtet Lee.

Kritiker halten Rücknahme für unwirtschaftlich

So werden auch alte Schuhe zu einem lukrativen Geschäft, und die Ketten Reno, Vögele Shoes, Max Shoes und Bingo Schuh-Discount lassen alte Treter vorsorglich über die Soex-Tochter I:Collect einsammlen. Kunden erhalten für jedes alte Paar einen Rabatt auf Neuware. Seit Reno das Rücknahmesystem eingeführt hat, sei der Umsatz deutlich gestiegen, sagt Mzikian. Der Bonus lockt Käufer und erhöht zugleich die Kundenbindung.

Doch das System hat auch Kritiker. Textilexperte Bernd Gulich vom Sächsischen Textilforschungsinstitut in Chemnitz hält die Rücknahme und die Wiederverwertung von Hemden, Jacken und Schuhen in Europa für unwirtschaftlich. Die Lohnkosten seien zu hoch und die Rohstoffkosten für die Bekleidungsherstellung immer noch zu niedrig. Zudem mag es mancher Konsument schlicht unsexy finden, Recyclingkleider zu tragen. Doch dagegen wartet Braungart mit einem kreativen Coup auf: „Man muss diese Produkte heilig machen.“

Wie das? „Indem man getragene Schuhe von Basketballchampion Dirk Nowitzki und Bekleidung von Cameron Diaz in Spuren in die Recyclingware bringt.“ Brad Pitt und Cameron Diaz zählen tatsächlich zu den Fans des Cradle-to-Cradle-Konzeptes.

Und mit Promi-Aura hat bisher noch jedes Produkt seine Fans gefunden.

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