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Gedrosselte Pkw Tempolimit durch die Hintertür

Quelle: imago images

Immer mehr Hersteller drosseln die Höchstgeschwindigkeit ihrer Autos, bei Elektroautos sind sogar alle Modelle abgeregelt. Eine faktische Geschwindigkeitsbeschränkung ist näher als viele glauben.

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Für Mario Müller ist die Sache klar: „Nie im Leben“ würde er sich ein langsames Auto kaufen. Der Rallye-Fan fährt gerne schnell. Das Adrenalin, wenn die Tachonadel sich den 250 Stundenkilometern nähert, der Rausch der Geschwindigkeit, das brauche er wie andere eben einen großen Fernseher oder ein Haus mit Garten. „Und auf meiner Strecke, hier im Emsland, ist das nachts auch überhaupt kein Problem“, sagt er.

Doch der Druck auf die Schnellfahrer steigt, seit Jahren fordern etwa Politiker der Grünen ein allgemeines Tempolimit. Doch die Tage der sprichwörtlichen „freien Fahrt für freie Bürger“ dürften auch ganz ohne die Politik gezählt sein. Zumindest für die überwiegende Masse der Pkw.

„Die Prioritäten der Kundinnen und damit die Anforderungen an Technik und Design ändern sich“, sagt Peter Mertens. Der promovierte Ingenieur hat sein Leben lang als führender Entwickler für die Autos sehr schneller Marken gearbeitet und daran geforscht, sie immer noch schneller und sportlicher zu machen: für Jaguar und Audi, etwa. Nun sagt er: „Für das Rasen mit über 200 gibt es nur emotionale, aber ehrlich sagt kein einziges rationales Argument.“

Gedrosselt wird schon seit 1987

Gedrosselte Autos sind schon heute die Regel und nicht die Ausnahme. Tatsächlich lassen sich Modelle, die so schnell fahren können, wie es ihr Motor erlaubt, an einer Hand abzählen. In der Regel sind es exklusive Sportwagen: Der Porsche Panamera etwa schafft noch 300 km/h. Einige italienische Sportwagenbauer und die Konstrukteure der Corvette von General Motors, des Mercedes/McLaren SLR und einige Modelle des BMW-Tuningpartners Alpina lassen die PS-starken Motoren noch an der langen Leine.

Der rein elektrische Porsche Taycan Turbo S an der Säule. Damit er dort nicht allzu oft hinmuss, ist bei Tempo 260 Schluss. Quelle: dpa

Doch bereits seit 1987 drosseln die meisten Hersteller die Masse ihrer Autos bei 250 km/h. Damit wollten sie schon damals einem allgemeinen Tempolimit zuvorkommen. „Man befürchtete noch, dass die deutsche Autoindustrie ihren technischen Vorsprung auf europäische, amerikanische und japanische Hersteller einbüßen könnte, wenn es nicht mehr möglich wäre, die Autos auch im Alltag auszufahren“, sagt Mertens. Inzwischen wisse man: „Das ist Quatsch, um einen Hochleistungsmotor zu bauen, müssen nicht die Endkunden mit 300 über die Autobahn fahren. Die Autos werden sowieso woanders auf Dauerhöchstleistung getestet.“

Technisch ist die Drosselung relativ einfach: Eine elektronische Sperre aus Mikrochip und Software greift ein, sobald sich das Auto den 250 km/h nähert. Der Motor kann dann nicht mehr höher drehen, obschon er eigentlich mehr Leistung und damit Geschwindigkeit zulassen würde. Bei Lkw drosselt man die Höchstgeschwindigkeit dagegen meist über die Spritzufuhr: Jenseits der 100 fließt nicht mehr genügend Diesel nach, um noch schneller zu fahren. Es ist nicht illegal, die elektronische Drossel entfernen zu lassen. Da es (noch) kein allgemeines Tempolimit gibt, darf man auch schneller fahren als 250. Doch es ist riskant: Kommt es bei so extremem Geschwindigkeiten zu einem Unfall, sprechen Gerichte den Fahrern schon mal eine Teilschuld zu, auch wenn der eigentliche Unfallverursacher ein anderer war. Die Reaktionszeit des menschlichen Fahrers bei solchen Geschwindigkeiten lässt das Auto mehrere Hundert Meter weit ungebremst weiter rasen, nachdem die Person zum Beispiel ein Hindernis wahrgenommen hat.

Immer mehr Hersteller drosseln freiwillig unter 200

Doch auch der Burgfrieden zwischen Politik und Autobauern dank der freiwilligen Selbstbeschränkung bei 250 km/h dürfte nicht mehr lange halten. „De facto kann man solche Tempi ja ohnehin fast nirgends mehr in Deutschland fahren“, sagt Stefan Bratzel, Professor am Center for Automotive Management der FH Bergisch Gladbach. Volvo preschte als erster Hersteller im vergangenen Jahr vor. Kein neues Modell der Schweden wird noch schneller als 180 fahren können – egal ob E-Auto, Hybrid, Benziner oder Diesel.



Bratzel glaubt, dass die meisten Hersteller dem Volvo-Beispiel folgen werden, einfach, weil es ihre Kunden anders als zu Beginn der 1990er-Jahre nicht mehr übel nehmen: „Wir haben das sehr genau untersucht und umfangreiche Umfragen unter den Volvo-Kundinnen durchgeführt“, sagt der Automarktforscher. „75 Prozent der deutschen Kunden gaben an, dass die 180-km/h-Drosselung für sie nicht interessant oder relevant sei, nur etwa 20 Prozent störten sich daran.“

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