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horst siedle Verdammte Pflicht

Das Logistikzentrum des Unternehmens Siedle in Furtwangen liegt logistisch ungünstig. Ein Gleisanschluss fehlt. Bis zur A51 Frankfurt–Basel oder zur A81 Stuttgart–Singen quälen sich die Lastwagen eine Stunde und länger. Trotzdem würde Inhaber Horst Siedle die 20 Millionen Euro teure Halle immer wieder nur hier im südlichen Schwarzwald an seinem Firmensitz bauen. „Wenn man es wirtschaftlich kann“, sagt er, „dann hat man die verdammte Pflicht, Verantwortung für die Menschen am Ort zu übernehmen.“ 

Das macht der 66-Jährige in kaum noch zu steigerndem Maße. So wie er mit seinen Türklingelanlagen (knapp 80 Millionen Euro Umsatz, 550 Mitarbeiter) Deutschlands Hauseingänge eroberte, dominiert er als FDP-Stadt- und Kreisrat, als Mäzen und Volkstribun seit Jahren das gesellschaftliche und politische Leben seiner Heimatstadt. 5215 Stimmen erhielt er bei der vergangenen Kommunalwahl, 1517 mehr als der zweitbeste Kandidat, ein Mann von der CDU. „Horst Siedle“, sagt Grünen-Mandatsträger Roland Thurner nach über 20 Jahren gemeinsamer Gemeinderatsarbeit, „hat Furtwangen geprägt.“ 

Das kann man wohl sagen. Der ein Kilometer lange Fußweg zum Gymnasium etwa stammt von ihm: Weil der Stadtrat ihn ablehnte, ließ Siedle den Weg auf eigene Rechnung anlegen und bis heute instand halten. Auch die Tartanbahn des Turnvereins gehört eigentlich zu einem Drittel ihm: Als der Stadtrat für die Erneuerung kein Geld aufbringen wollte, unterbrach Siedle die Sitzung und nahm sie wieder auf mit der Zusage, seine Stiftung für wohltätige Zwecke übernehme 45 000 Euro. 

Siedle tut Gutes und redet darüber. Tagt der Stadtrat mal bei ihm im Unternehmen, projiziert er seine Taten an die Wand: die Finanzierung eines Mitarbeiters im Jugendhaus, seine Leistungen als „Initiator der Stadtsanierung“, sein Engagement für den Kindergarten. Im Kern sei er aber „kein Angeber“, meint Bürgermeister Richard Krieg, sondern „normal“ geblieben. Davon können sich die 12 000 Furtwangener überzeugen, wenn ihr Wohltäter mit Gattin und Mitgeschäftsführerin Gabriele unter die Leute geht, am Samstagmorgen über den Markt schlendert oder sonntags im Bergstüble im Stadtteil Kolmenhof zu Mittag isst. 

Für Siedle sind Furtwangen und Firma eins. Sein Logistikzentrum, das Jobs für 50 bis 60 Mitarbeiter schuf, ließ er – „natürlich zu fairen Kosten“ – von einem örtlichen Unternehmer bauen. Als „Liberaler und Christ“, sagt er, fühle er sich „immer auch seinem Nächsten“ verpflichtet. „Ich kann das Wort Shareholdervalue nicht mehr hören“, polterte er einmal im Fernsehen. In großen Aktiengesellschaften bedeute Gewinn die „Mehrung des Kapitals der Anteilseigner“ – bei Mittelständlern wie ihm hingegen: „Wir schaffen Arbeitsplätze.“ RB 

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