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About Adam Smith

Smith statt Mao oder Marx als Bettlektüre: Es gibt doch einen Fortschritt unter den Menschen.

Der chinesische Premier Wen Jiabao verriet kürzlich, er trage ein Buch von Adam Smith mit sich herum - nicht den "Wohlstand der Nationen", sondern die "Theorie der moralischen Gefühle". Damit schließt sich der chinesische Regierungschef der Welle der Adam-Smith-Begeisterung an, die derzeit bis in die Feuilletons der Zeitungen schwappt.

Weitsichtige Ökonomen wie Amartya Sen hatten ihn schon längst wiederentdeckt. Aber den richtigen Schub bekam die Bewegung durch die Finanzkrise. Ein bisschen kommt diese Besinnung auf die Ursprünge freilich auch einem Offenbarungseid der wissenschaftlichen Ökonomie mit ihren lebensfernen Abstraktionen gleich, die ja zur Klärung der Finanzkrise erschreckend wenig beiträgt.

Smith hat den Vorteil, dass er für jeden passt. Wer sich auf den Gründer der modernen Nationalökonomie beruft, zeigt, dass er marktwirtschaftlich denkt. Weil Smith zugleich ein Moralphilosoph war, bezeugen seine Anhänger aber auch, dass ihnen der moralische Kompass nicht abhanden gekommen ist - und das ist gerade zurzeit sehr angesagt.

Smith gibt aber in der Tat ein gutes Vorbild ab in unseren verwirrenden Krisenjahren. Er war kein Einzelkämpfer, sondern gehörte zur Bewegung der "schottischen Aufklärung", die vor gut 200 Jahren ihr skeptisches, aber auch freundliches Licht in eine Welt warf, die ideologisch wie auch institutionell noch längst nicht in der Moderne angekommen war. Smith war befreundet mit David Hume, dem großen Denker, von dem sogar Immanuel Kant bekannte, er habe ihn aus einem "dogmatischen Schlummer" geweckt. Diese gebildeten Schotten waren weltoffen - man reiste nach Paris, Smith traf auch Voltaire und französische Ökonomen wie Quesnay und Turgot. Sie glaubten wenig, waren misstrauisch gegenüber allen Dogmen, analysierten scharf, aber nie abgehoben. Sie waren keine Revolutionäre, aber bereit, alles infrage zu stellen, was mehr Schaden als Nutzen brachte. Sie vertrauten bei aller Skepsis auf die menschliche Vernunft, hatten aber keine Illusionen über die Schwächen und Fehler ihrer Mitbürger.

Man kann nur hoffen, dass Wen sich nicht nur von Smiths Pragmatismus, sondern auch von dessen Menschenfreundlichkeit anstecken lässt.

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