Dieselskandal: Wie viele Winterkorns muss die Autobranche noch ertragen?

Martin Winterkorn, ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG, steht in der Stadthalle Braunschweig.
Foto: dpaWas Ex-Volkswagen-Chef Martin Winterkorn an diesem Mittwoch vor Gericht sagte, war von Anfang an klar: Er habe nichts von einem Abgasskandal gewusst und habe folglich auch nichts falsch gemacht. Und – ach ja – natürlich wäre er eingeschritten, hätte er etwas von diesen dunklen Umtrieben in seinem Unternehmen geahnt.
Was man eben so vor Gericht sagt, wenn man nicht ins Gefängnis will und dem Ex-Arbeitgeber ein Schadenersatz von 4,4 Milliarden Euro droht: Nichts gewusst, nichts geahnt. Bei einem Angeklagten ist das der Klassiker. Winterkorn ist aber in einem anderen Verfahren der Angeklagte. Heute stand er als Zeuge vor Gericht und wäre der Wahrheit verpflichtet gewesen. Eigentlich.
Über acht Jahre nach dem Aufdecken des Dieselskandals ist klar, dass bei den meisten Herstellern und vielen Zulieferern über etliche Jahre ein ausgeklügeltes System zur Umgehung von Umweltgesetzen errichtet wurde. Das waren keine Verfehlungen einzelner Techniker, es war ein Branchensport: Wer schafft mit dem geringsten technischen Aufwand die wirksamste Manipulation von Abgaswerten? Als diese Praxis nicht mehr zu leugnen war, versuchten Hersteller, sie als legal darzustellen. Der Europäische Gerichtshof spielte da aber nicht mit. So ist nun auch höchstrichterlich entschieden, dass es eine Verschwörung gab, die in herstellerübergreifenden Arbeitskreisen ausgeheckt wurde.
Davon will der detailbesessene Techniker Winterkorn nichts geahnt haben. Ein Mann, der intern gedrängt wurde, sich aus Zeitgründen doch bitte nicht so tief in die technischen Details von Entwicklung und Produktion einzumischen. Ein Chef, der in technischen Detaildebatten mitunter so getobt haben soll, dass Mitarbeiter um ihr körperliches Wohl fürchteten. Diesem obersten Techniker in Wolfsburg soll entgangen sein, dass seine Dieselfahrzeuge die Abgasgrenzwerte technisch überhaupt nicht schaffen konnten – zumindest nicht in dem von ihm vorgegebenen Kostenrahmen? Dass die im Konzern am meisten geschätzte Antriebstechnik eigentlich keine Zukunft hat?
Winterkorn wusste es und hat es laufen lassen. Oder er hätte es wissen müssen, hat sich aber nicht gekümmert. Weggeschaut hat er in jedem Fall. Damit steht er für eine Generation von Automanagern, die Spaltmaße, Querbeschleunigungswerte und Lederziernähte emotional auf Hochtouren bringen, die aber auf Gesetze pfeifen, die die Gesundheit von Milliarden Menschen schützen. Wer sich als Ingenieur damit befasste, hatte unter diesen Managern kaum eine Chance auf die Top-Jobs. Umwelt? Grüner Mist!
Wenn die deutsche Autoindustrie aus dem Abgasskandal gelernt hat, dass ihr Tun auch jenseits der nutzenstiftenden und freudvollen Individualmobilität eine gesellschaftliche Relevanz hat – Abgastote oder lebenswerte Innenstädte, notorisches Klimaschutzversagen im Verkehrssektor oder Vorreiterrolle bei Elektroautos – dann wäre viel gewonnen. Eine leise Hoffnung habe ich. Denn viele Ingenieure, die heute wegen Elektroantrieben oder Software in die Branche kommen, viele junge Mitarbeiter, die kein Auto haben, aber ein Fahrrad, sie alle tragen einen anderen Geist in die Branche. Winterkorn ist für diese neue Generation kein Idol und keine Autorität. Eher ein abschreckendes Beispiel. Und das ist ja schon mal ein Anfang.
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