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Einzelhandel Arcandor-Chef Middelhoff wird zur Belastung

Konzernchef Thomas Middelhoff wird zur Belastung für Arcandor. Wie lange kann sich Großaktionärin Schickedanz den Dampfplauderer noch leisten?

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Großaktionärin Madeleine Quelle: dpa

Wenn es um die finanzielle Zukunft seiner Tochter Madeleine ging, war Gustav Schickedanz stets skeptisch. Ende der Fünfzigerjahre soll sich der Gründer des Versandhauses Quelle bei einem Mitarbeiter beklagt haben, dass seine Tochter „kein richtiges Verhältnis zum Geld“ habe. „Wenn Sie Madeleine mit zehn D-Mark zum Bäcker schicken, um ein paar Brötchen zu holen, und der sagt ,Stimmt so‘, glaubt sie ihm das und verlangt kein Wechselgeld zurück.“ Die Anekdote erzählte ein Freund der Familie dem „Handelsblatt“.

Der Wirtschaftswunder-Unternehmer sollte Recht behalten. Seit seine Tochter Ende der Neunzigerjahre begann, ihre Anteile am früheren KarstadtQuelle-Konzern massiv aufzustocken, ist das Erbe in Gefahr. Denn seit dem 30. September 2007 rauschte der Kurs um mehr als 85 Prozent nach unten, die Großaktionärin verlor rein rechnerisch 2,5 Milliarden Euro. Für Schickedanz ist der Kurssturz ein finanzielles Fiasko. Für Thomas Middelhoff, ihren Vertrauten an der Spitze von Deutschlands zweitgrößtem börsennotierten Handelskonzern, ist er schlicht – ein Armutszeugnis.

Der umtriebige Manager, der seit drei Jahren bei KarstadtQuelle am Ruder ist, hat dem Konzern im vergangenen Jahr den gewöhnungsbedürftigen Kunstnamen Arcandor verpasst und ihn mit dem Zusatz „committed to creating value“ geschmückt, zu: Deutsch: verpflichtet, Werte zu schaffen. Davon ist das Unternehmen weiter entfernt denn je.

Nach drei Jahren unter der Fuchtel von T-Rex, wie Middelhoff in Anlehnung an den größten fleischfressenden Dinosaurier des Erdaltertums intern auch genannt wird, wird klar: Die versprochene Kernsanierung von Karstadt ist nicht bloß gescheitert – sie hat erst gar nicht stattgefunden. Middelhoff verfiel zwar in Aktionismus, er kaufte und verkaufte Unternehmensteile, verscherbelte die Immobilien, baute die Konzernstrukturen um und trieb gar zeitweise eine Fusion mit dem Rivalen Kaufhof voran.

Doch zu den Niederungen des operativen Geschäfts, auf dem das fragile Gebilde ruht, wahrte der smarte Manager fein Abstand wie sonst wohl nur zu Wühltischen im Sommerschlussverkauf. „Middelhoff hat viel angekündigt, aber wenig eingelöst“, sagt der Bad Homburger Handelsexperte Volker Dölle. Und, gravierender noch: Spätestens seit vergangener Woche hat Middelhoff auch noch das Vertrauen der Investoren endgültig verspielt. Nun hält allein Madeleine Schickedanz zu Middelhoff.

Die Aktie bricht ein

Mit papageienhafter Penetranz predigte Middelhoff seit Monaten sein Mantra: Als der Konzern „kurz vor dem Abgrund stand“, habe er das Ruder übernommen. Doch nun sei „die Sanierung geglückt“. Vor allem bei der Warenhauskette Karstadt kann davon allerdings keine Rede sein. Der Umsatz sinkt dramatisch. Binnen Jahresfrist brachen fast vier Prozent des Geschäfts weg. Neben den Bekleidungs-Eigenmarken würden sich vor allem Elektronikgeräte wie Fernseher und Computer „katastrophal“ verkaufen, heißt es intern.

Kein Wunder: Jenseits aufgemotzter Luxushäuser wie dem Berliner KaDeWe oder dem Hamburger Alsterhaus verbreitet das Gros der Filialen allenfalls musealen Charme. Wie schlimm es offenbar um Karstadt mittlerweile steht, wurde erst Mitte vergangener Woche überdeutlich: Um von den Banken überhaupt noch Kredite zu bekommen und die Ware für das wichtige Weihnachtsgeschäft bezahlen zu können, verpfändete Middelhoff am Mittwoch offenbar gar sein wertvollstes Investment, die Beteiligung am florierenden Touristikunternehmen Thomas Cook.

Dabei stellte der Arcandor-Manager noch einmal eindrucksvoll seine Dampfplauder-Qualitäten unter Beweis. Als in der zweiten September-Woche bekannt wurde, dass Arcandor mit einem Bankenkonsortium aus BayernLB, Dresdner Bank und Royal Bank of Scotland über neue Kredite verhandelt, lief Middelhoff zur Höchstform auf. Alles kein Problem, fabulierte er. Die Gespräche mit den Banken würden wohl „noch in der laufenden Woche abgeschlossen“. Es kam wie so oft – nämlich ganz anders.

Die Gespräche zogen sich hin, die Arcandor-Aktie brach ein. Die Banken forderten daraufhin höhere Sicherheiten für ihre Kredite in dreistelliger Millionenhöhe. Selbst einen Verkauf der wertvollen Touristiksparte wollten die Geldinstitute durchsetzen, hieß es hinter den Kulissen. Middelhoff ließ seine Pressesprecher all das vehement dementieren.

Middelhoff wird zur Belastung

Arcandor-Chef Thomas Quelle: AP

Niemals würde er Anteile der „Ertragsperle“ Thomas Cook aus der Hand geben – auch nicht in Teilen. Schließlich steuert das Reiseunternehmen 60 Prozent des Konzernumsatzes bei. Vergangenen Mittwoch lag endlich ein Ergebnis vor. Stolz ließ der Konzernherr die Einigung mit den Banken verkünden, seine Sprecher betonten weiter: „Wir verkaufen Thomas Cook nicht.“

Gegen 21 Uhr war plötzlich alles anders. „Aufgrund unterschiedlicher Informationsstände im Haus“ sah man sich zu „einer Klarstellung“ per Pflichtmitteilung gezwungen. Nun hieß es, die Struktur der Holding werde überprüft. „Dies kann auch die Reduzierung der Beteiligungen an der Karstadt Warenhaus GmbH und der Thomas Cook Group PLC beinhalten.“ Am nächsten Tag rauschte die Aktie zeitweise um 19 Prozent nach unten. „Bei dieser Informationspolitik kommen für Anleger Schadensersatzforderungen infrage“, sagt der Münchner Rechtsanwalt Klaus Rotter.

Der Vorgang zeigt : Middelhoff wird zunehmend zur Belastung für den Konzern. Analysten, Banker, selbst Vertraute verzweifeln an dem Daueroptimisten. Einzig seine Großaktionärin hält bisher treu zu ihm. „Mein Verhältnis zu Frau Schickedanz leidet nicht unter dem Aktienkurs“, gab Middelhoff selbstbewusst zu Protokoll. Das ist erstaunlich, denn Schickedanz dürfte selbst gehörig unter Druck stehen. Denn ein Großteil ihres Arcandor-Engagements ist auf Pump finanziert.

Insgesamt sollen sich die Verbindlichkeiten des Clans auf mehr als 700 Millionen Euro belaufen. Ein Großteil der Summe stamme vom Bankhaus Sal. Oppenheim und soll mit Arcandor-Aktien besichert sein, heißt es. Angesichts des Kursverfalls dürften daher nun auch die Privatbankiers nervös werden. In den vergangenen Tagen spekulierten Aktienhändler bereits, Schickedanz sei von Sal. Oppenheim aufgefordert worden, zusätzliches Kapital zur Verfügung zu stellen, um die Kredite zu besichern. Die Bank wollte sich nicht dazu äußern. Ob Schickedanz solche Forderungen stemmen könnte, bleibt offen.

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