Luxus zum Leihen Protzen für einen Tag

Einen luxuriösen Wagen für 300 Euro, das Edel-Abendkleid für 50 Euro? Kein Problem. Die meisten Luxusgüter lassen sich tageweise mieten, denn der Markt für Leih-Luxus wächst. Das gefällt nicht jedem.

Reich sein ist trendy
Der Reichtum in Deutschland wächst und verfestigt sich – das ist das Ergebnis einer aktuellen Studie. Ebenso wie die Armut hat auch der private Reichtum in Deutschland über die vergangenen zwei Jahrzehnte deutlich zugenommen. Der Anteil der Personen, die reich oder sehr reich sind, liegt heute um ein gutes Drittel höher als Anfang der 1990er Jahre: Galten 1991 noch 5,6 Prozent aller Menschen in Deutschland wegen ihres verfügbaren Haushaltseinkommens als reich oder sehr reich, waren es 2011, dem jüngsten Jahr, für das Daten vorliegen, 8,1 Prozent. „Die sehr Reichen setzen sich vom Rest der Bevölkerung regelrecht ab“, sagen die Autoren. Quelle: Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliches Institut (WSI) in der Hans-Böckler-Stiftung Quelle: dpa
Maria-Elisabeth Schaeffler und ihr Sohn Georg Schaeffler sind derzeit die reichste Familie in Deutschland: Der Studie zufolge haben die Einkommen der sehr Reichen stärker zugelegt als im Durchschnitt der Gesellschaft. Die Gruppe ist zwar sehr klein, doch ist sie im Verhältnis besonders stark gewachsen – von 0,9 Prozent aller Personen 1991 auf 1,9 Prozent im Jahr 2011. Das liegt wesentlich am höheren Anteil, der reichen und insbesondere sehr reichen Personen aus Kapitaleinkommen zufließt. Und: Wer einmal reich oder sehr reich ist, muss zunehmend weniger fürchten, beim Einkommen in die Mittelschicht „abzusteigen“. Quelle: dpa
Konzernvorstände wie Daimler-Chef Dieter Zetsche, dessen Gesamtvergütung im vergangenen Jahr 8,25 Millionen Euro betrug, liegen weit über der Grenze zum Reichtum: Reich ist nach gängiger wissenschaftlicher Definition wer in einem Haushalt lebt, der das Doppelte und mehr des mittleren verfügbaren Jahreseinkommens hat. Dieses beträgt rund 18.000 Euro pro Person. Für Alleinstehende gilt demnach: Eine Person, die netto mindestens knapp 36.000 Euro im Jahr als verfügbares Einkommen hat, gehört zur Gruppe der Reichen. Als sehr reich wird bezeichnet, wer mindestens dreimal so viel wie üblich hat. Die Untergrenze für einen Alleinstehenden liegt hier also bei knapp 54.000 Euro. Quelle: dpa
Vermögenseinkommen gewinnen an Bedeutung: Da Menschen mit hohen Einkommen sehr häufig auch größere Vermögen besitzen, profitieren sie in besonderem Maße von Zinsen, Dividenden oder Mieteinnahmen. Gerade während der 2000er Jahre haben sich Kapitaleinkommen deutlich stärker entwickelt als Lohneinkommen. Und durch die pauschale Abgeltungssteuer werden sie niedriger besteuert als Arbeitseinkommen. Bei den sehr Reichen stammten so 2011 rund 24 Prozent des Einkommens aus Vermögen, bei den Reichen waren es noch 12 Prozent. Unter Menschen mit mittleren Einkommen machen die Vermögenserträge dagegen acht Prozent aus, bei ärmeren lediglich vier Prozent. Quelle: dpa
Auf dem Weg zur Schule: Schüler, die später das Abitur machen, haben eine rund doppelt so hohe Chance, reich oder sehr reich zu sein wie Personen mit mittlerer Reife. Umgekehrt sinkt die Wahrscheinlichkeit für Menschen mit Hauptschulabschluss oder ohne Abschlusszeugnis. Schaut man auf die Berufe, machen Angestellte zwar den größten Teil der Reichen aus. Mit Blick auf ihren Anteil an der Gesamtbevölkerung, sind aber Selbständige, Freiberufler und Unternehmer unter den Reichen und vor allem den sehr Reichen deutlich überrepräsentiert. Die Chance von Selbständigen, sehr reich zu sein, ist mehr als 3,5 mal höher als bei Angestellten. Beamte sind vor allem unter den Reichen relativ gut vertreten. Arbeiter und nicht Erwerbstätige bilden hingegen in beiden Gruppen nur eine kleine Minderheit. Quelle: dpa
Werbung für das ostdeutsche Bundesland Sachsen: Weiterhin gibt es erhebliche Unterschiede zwischen alten und neuen Ländern. Der Erhebung zufolge zählen nur 3,1 Prozent der Ostdeutschen zu den Reichen, verglichen mit 9,4 Prozent im Westen. Auch zwischen der Haushaltsstruktur und dem Einkommen besteht ein signifikanter Zusammenhang: Paare ohne Kinder finden sich am häufigsten unter den Reichen und insbesondere den sehr Reichen. Ein bedeutender Einflussfaktor ist zudem die Anzahl der Kinder im Haushalt. Die Wahrscheinlichkeit reich beziehungsweise sehr reich zu sein, verringert sich pro Kind um 27 Prozent beziehungsweise 20 Prozent. Quelle: dpa
Ein hilfsbedürftiger Mann bittet auf dem Kurfürstendamm in Berlin um Spenden: Im Zeitverlauf von 1991 bis 2011 habe sich die Einkommensverteilung am oberen Rand „merklich verfestigt“, konstatieren die Wissenschaftler. Da die Gruppe der Reichen insgesamt gewachsen ist, sind die Chancen, aus darunter liegenden Gruppen aufzusteigen, zwar relativ konstant geblieben. Abstiege aus der Gruppe der Reichen oder sehr Reichen sind hingegen über die Jahre deutlich seltener geworden. Was für die betroffenen Besserverdiener erfreulich ist, stellt die Gesellschaft insgesamt vor Probleme, sagen die Autoren. Die zunehmende Konzentration der Einkommen und Vermögen am oberen Ende der Hierarchie vergrößerten die Ungleichheit. Quelle: dpa
Die Röntgenaufnahme eines Sparschweins mit Geldstücken: Reiche und sehr Reiche geben nur einen relativ kleinen Teil ihrer Einkommen und Vermögen aus und können einen Großteil zurücklegen. Die Studienautoren befürchten durch die zunehmenden Vermögensunterschiede ein gedämpftes Wirtschaftswachstum und eine wachsende Polarisierung der Bevölkerung. Quelle: dpa

Mehr als 1000 PS, bis zu 400 Kilometer pro Stunde und eine Innenausstattung aus handvernähtem Leder: Für Autofans ist der Bugatti Veyron ein Traum – zu einem Preis, der für schlaflose Nächte sorgt: 1,1 Millionen Euro kostet der Wagen. Startpreis vor Steuern, versteht sich. Bei Benedikt Lüchinger gibt es das Traumauto bereits für 9900 Euro – pro Tag.

Lüchinger ist Geschäftsführer bei Edel & Stark, einem Limousinen-Service, der in Deutschland, Frankreich und der Schweiz Edel-Karossen an seine Kunden verleiht. Die können auch durchaus eine Nummer günstiger sein als der Bugatti. „Der Preisrahmen startet bei 300 Euro am Tag inklusive 150 Kilometer und endet regulär bei 2390 Euro“, sagt Lüchinger. Ferrari, Lamborghini, Aston Martin, Bentley, Jaguar oder Rolls Royce – der Edel-Autoverleiher verspricht auf seiner Webseite ein großes Leih-Angebot für Luxus-Auto-Fans.

Die Sharing-Economy erobert den Premiumsektor. Und das in vielen Bereichen. Dutzende Luxus-Verleiher tummeln sich im deutschsprachigen Raum. Sie verleihen tageweise Edelkarossen, Yachten, Handtaschen von Louis Vuitton oder Uhren von Breitling. Und es werden immer mehr. Wer einmal richtig protzen will, kann das schon für vergleichsweise kleines Geld - zumindest für einen Tag.

Luxus-Markt vor der Billionen-Grenze

Der gesamte Luxusmarkt boomt. Nach einer aktuellen Studie des Beratungsunternehmens Bain & Company wird mit den besonders teuren und edlen Waren weltweit mehr Geld umgesetzt als jemals zuvor: 865 Milliarden Euro waren es allein im Jahr 2014, sieben Prozent mehr als im Vorjahr. Noch ist der Anteil der Leih-Luxusgüter daran klein, aber erwächst.

Die umsatzstärksten Luxusgütersegmente 2014

Denn Luxusgüter sind nicht mehr nur für die Superreichen. Auch Menschen mit weniger prallem Geldbeutel leisten sich etwas. „Luxus hat sich in der westlichen Welt soweit demokratisiert, dass heute eigentlich jeder Zugang zu wenigstens ein bisschen Luxus hat. Und auch der Meinung ist, das Recht darauf zu haben“, sagt Martina Kühne, Trendforscherin und Luxus-Expertin am Gottlieb Duttweiler Institut (GDI).

Wer kauft, ist selber schuld

Genau an diesem Punkt setzen die Luxusverleiher an. Die Anbieter machen sich dabei zunutze, dass die Menschen nach wie vor auf Luxus stehen, ihn aber für das eigene Wohlbefinden nicht mehr unbedingt selbst besitzen müssen. Car-Sharing hat es vorgemacht. „Es ist doch fast schon Unsinn, wenn ich mir ein 1000-Euro-Kleid für einen Abend kaufe, wenn ich es auch für 100 bekommen kann“, sagt Anna Mangold.

Sie hat auf dieser Philosophie ein ganzes Start-Up aufgebaut. Seit einem knappen Jahr verleiht sie mit ihrem Unternehmen Laremia im Internet und in einem Berliner Showroom Edelkleider von Kleider von angesagten Designern wie Badgley Mischka, David Meister und Monique Lhuillier.

Zehn bis zwanzig Prozent des Kaufpreises werden für ein Ausleihkleid fällig. Bei einem Kleid von Catherine Deane für 2.000 Euro Ladenpreis kommt da immer noch ganz schön was zusammen. Im Schnitt liegt der Preis für ein Abend- oder Cocktailkleid zwischen 40 und 100 Euro, bei einer Leihdauer von vier Tagen. Im Preis inbegriffen sind eine Riss- und Fleckenversicherung und die anschließende Reinigung. Wer seinen Wein verschüttet, landet also nicht automatisch im Armenhaus.

Einen mittleren vierstelligen Kundenstamm hat sich Laremia nach eigenen Angaben mittlerweile aufgebaut. Knapp 90 Prozent seien mit dem Service zufrieden, etwa 30 Prozent würden nach dem ersten Mal immer wieder Kleider leihen. Das Interesse am Leih-Luxus sei sogar noch wesentlich größer, erklärt Mangold und verweist auf 17.000 Facebook-Freunde.

Luxus für alle

Ein Edel-Kleid zum kleinen Preis, bestellt per Mausklick. Das kommt offenbar an. „Bei jüngeren, internet-affinen Menschen wächst die Bereitschaft, Dinge online zu leihen, die man nur für einen bestimmten Anlass braucht“, sagt auch Natascha Grüne vom Anbieter Dresscoded, der neben High-Fashion-Kleidern gleich noch die passenden Ketten und Armbänder anbietet. „Ältere Frauen sind skeptischer und bevorzugen oft die persönliche Beratung im Showroom, statt online zu mieten.“

Schon dieser Satz zeigt, dass es den typischen Luxus-Leiher nicht gibt. Von der Abiturientin bis zur 75-Jährigen sind alle dabei.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%