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Zoff um Plastiktüten Warum wir unsere Einkäufe endlich anders verpacken sollen

Ab April müssen Verbraucher bei einigen Händlern Geld für Plastiktüten bezahlen. Der Deutschen Umwelthilfe reicht das nicht. Warum sie eine gesetzliche Abgabe fordert und wie Händler Verbraucher umerziehen sollen.

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Die Deutsche Umwelthilfe fordert, dass alle Händler gesetzlich dazu verpflichtet werden, Geld für Plastiktüten zu nehmen. Quelle: dpa

Der Deutsche Einzelhandelsverband und das Bundesumweltministerium schlagen Händlern eine Selbstverpflichtung vor: Sie sollen freiwillig Geld von ihren Kunden für Plastiktüten verlangen. Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) fordert eine gesetzliche, verbindliche Regelung für alle Händler. Tobias Quast, Projektmanager Kreislaufwirtschaft bei der DUH, spricht im Interview über den optimalen Plastiktüten-Preis und Vorbilder für Deutschland.

WirtschaftsWoche Online: Große Unternehmen wie H&M und Media Markt fordern von ihren Kunden ab April freiwillig Geld für Plastiktüten. Wieso reicht Ihnen das nicht?

Tobias Quast: Wenn einzelne Unternehmen den Plastiktütenverbrauch reduzieren wollen, ist das erst einmal gut. Es reicht jedoch nicht aus. Die freiwillige Selbstverpflichtung hat zu viele Schlupflöcher. Es machen gerade einmal so viele Unternehmen mit, dass 60 Prozent der in Deutschland herausgegebenen Plastiktüten etwas kosten würden. Das sind viel zu wenig. Viele Apotheken, Tankstellenbetreiber oder Bäcker, die auch eine Menge Tüten herausgeben, sind nicht dabei.

Der Kampf gegen die Plastiktüten

Hinzu kommt, dass es keinen verbindlichen Mindestpreis für die Tüten gibt. Die Händler können einen oder 30 Cent nehmen. Außerdem können sie sich das Geld aus dem Plastiktüten-Verkauf bei einer freiwilligen Vereinbarung selbst in die Tasche stecken.

Ein Gesetz würde das ändern?

Bei einer Abgabe gelangen die Einnahmen an den Staat und müssen zweckgebunden ausgegeben werden. Zum Beispiel für Kampagnen und Projekte zur Abfallvermeidung.

Mit 76 Tüten im Jahr pro Kopf erfüllt Deutschland schon jetzt die Zielvorgaben für 2020. Wieso die Eile?

76 Tüten klingt erst einmal nicht viel, aber man sollte sich mal die Zahlen für ganz Deutschland anschauen. Dieser Durchschnittswert bedeutet hochgerechnet, dass die Deutschen im Jahr 6,1 Milliarden Plastiktüten verbrauchen.

Die EU verlangt zwar, dass jeder Europäer 2020 nur noch 90 Tüten pro Jahr verbraucht. Der europaweite Durchschnitt liegt im Moment aber bei fast 200 Tüten pro Kopf. Die Zielvorgaben sind für Deutschland einfach viel zu niedrig.

Sie fordern einen Plastiktüten-Preis von 22 Cent. Wieso nicht 20 oder 25 Cent?

Wir haben beobachtet, dass dieser Preis in Irland dazu geführt hat, dass die Iren deutlich weniger Plastiktüten gekauft haben. Anstatt 328 verbraucht ein Ire pro Jahr durchschnittlich nur noch 16 Tüten. Das ist eine Reduktion von 95 Prozent.

 Und die Deutschen ticken wie die Iren?

Wir sind davon überzeugt, dass sie genauso preissensibel wie die Iren auf die kostenpflichtige Abgabe reagieren und weniger Plastiktüten verbrauchen würden. Denn keiner möchte für etwas bezahlen, das er nicht wirklich braucht.

In den Supermärkten müssen die Kunden schon seit Längerem für Tüten zahlen. Hat dort die Umerziehungsmethode etwas bewirkt?

Im Lebensmittel-Einzelhandel verbrauchen die Kunden seitdem deutlich weniger Tüten.

270.000 Tonnen Plastikmüll treiben auf den Weltmeeren
Fast 270.000 Tonnen Plastikmüll treiben einer neuen Studie zufolge auf den Ozeanen der Erde. Das sei so viel Abfall, wie nicht einmal in 38 500 Müllwagen passen würde, schätzt eine am Mittwoch in dem Fachjournal „Plos One“ veröffentlichte Studie. Es handele sich dabei um mehr als fünf Billionen Einzelteile, heißt es in der Untersuchung. Um zu den Zahlen zu kommen, hatten Forscher zu See mit einem Maschennetz kleine Abfallteilchen gesammelt. Beobachter auf Booten zählten größere Gegenstände auf dem Wasser. Mit Computermodellen wurde für nicht untersuchte Gebiete hochgerechnet, wie viel Müll auch dort schwimmt. Die Studie bezieht sich lediglich auf Plastikabfall an der Wasseroberfläche. Wieviel Material auf dem Meeresboden liegt, erforschten die Wissenschaftler nicht. Foto: NOAA/PIFSC Quelle: Presse
Im Meer vor Griechenland treiben Plastiksäcke. Das Bild stammt aus dem Jahr 2008. Foto: Gavin Parson/Marine Photobank Quelle: Presse
Plastikmüll als Habitat für Meeresbewohner im Pazifik. Foto: Lindsey Hoshaw Quelle: Presse
Angeschwemmter Plastikmüll vor der Küste von Tromsø in Norwegen. Foto: Bo Eide Quelle: Presse
Angeschwemmter Plastikmüll vor der Küste von Kanapou in den USA. Foto: NOAA/Marine Debris Program Quelle: Presse
Vor der Küste von Hawaii sind etliche Netze angeschwemmt worden. Foto: Chris Pincetich/Marine Photobank Quelle: Presse
Kein seltener Bild: Eine Robbe hat sich in einem Treibnetz verfangen, USA, 2009. Foto: Kanna Jones/Marine Photobank Quelle: Presse

Wo Alternativen zur Einweg-Plastiktüte angeboten und Anreize für Mehrweg geschaffen werden, geht der Verbrauch runter. Auf einem Berliner Markt konnten so zum Beispiel in sieben Monaten 20.000 Plastiktüten eingespart werden.

Was ist denn die Alternative zur Plastiktüte?

Mehrwegtragetaschen aus Baumwolle oder Jute, aber auch aus Kunststoff. Am besten sind Mehrwegtragetaschen aus recycelten Materialien wie Plastikflaschen. Es ist zwar aufwendiger, eine wiederverwendbare Tasche herzustellen als ein Wegwerfprodukt. Nachdem der Verbraucher sie aber wenige Male benutzt hat, ist sie aber schon umweltfreundlicher. Eine Mehrwegtragetasche aus Kunststoff kann zum Beispiel schon nach einer dreifachen Nutzung ökologischer sein.

Eine Baumwolltasche hat erst eine bessere Ökobilanz als die Plastiktüte, wenn der Verbraucher zwanzigmal mit ihr einkaufen war.

Richtig. Dafür können die Verbraucher sie aber auch so oft benutzen, dass die Ökobilanz bei der Herstellung irgendwann keine Rolle mehr spielt.

Die Händler müssen die Kunden also umerziehen.

Die Händler müssen Kunden animieren, weniger Tüten zu verbrauchen.

In Arbeit
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Das kann zum Beispiel so aussehen: Für jeden Einkauf, bei dem der Kunde darauf verzichtet, eine Tüte zu kaufen, erhält er einen Stempel auf eine Karte – und wird dann nach jedem zehnten Einkauf für seine Umweltfreundlichkeit belohnt.

Wäre es nicht einfacher, die Plastiktüte nicht gleich zu verbieten?

Wir halten die Abgabe der Händler für das wirkungsvollere Instrument. Denn wer ein Verbot aufstellt, muss es durchsetzen. Und das bedeutet, dass der Staat viel Geld für Kontrollen aufwenden muss. 

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