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Hochrechnung Fachkräftemangel kostet Mittelständler Milliarden

Die deutschen Mittelständler müssen wegen des Fachkräftemangels jährliche Umsatzeinbußen von rund 30 Milliarden Euro verkraften. In zwei Bundesländern ist das Problem besonders massiv.

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Produktion beim Werkzeugmaschinenbauer Gildemeister: Das Fehlen von Fachkräften kommt den Mittelstand teuer zu stehen. Quelle: dpa

BERLIN. Fachkräftemangel wird speziell für kleine und mittlere Unternehmen zum immer drückenderen Problem. Nach Erhebungen der Beratungsgesellschaft Ernst & Young fürchtet schon mehr als die Hälfte der mittelständischen Firmen konkrete Umsatzeinbußen, weil ihnen qualifiziertes Personal fehlt. Fast ein Sechstel beziffert die Einbußen gar auf mehr als fünf Prozent des Umsatzes. Für die Erhebung wurden laut Ernst & Young 3000 Unternehmen befragt.

Dabei steht der viel gepriesene Mittelstand nach Einschätzung der Beratungsgesellschaft vor einer Art neuem Strukturproblem: Kleinere, weniger bekannte Unternehmen können zwar mit spezialisierten Produkten oft auch im Weltmaßstab erfolgreich sein - bei der Personalgewinnung sind aber Großunternehmen schon wegen ihrer Bekanntheit im Vorteil. Zudem haben große Unternehmen meist besser spezialisierte Personalabteilungen, die sich deshalb erfolgreicher um Nachwuchswerbung kümmern können.

"Hochqualifizierte Absolventen zieht es vor allem zu den namhaften Top-Konzernen - die Mittelständler haben da immer öfter das Nachsehen", beobachtet Peter Englisch, Leiter des Bereichs Mittelstand bei Ernst & Young. Und das Problem werde sich weiter verschärfen: "Kleinere Unternehmen werden es zukünftig immer schwerer haben, sich gegen die großen Konzerne zu behaupten und Top-Fachkräfte für sich zu gewinnen."

Den Osten trifft es besonders stark

Die Ergebnisse stützen den Eindruck, dass der Fachkräftemangel die Wirtschaft sehr ungleichmäßig trifft. Im Regionalvergleich machen sich daher vor allem Wirtschaftsvertreter und Politiker in Ostdeutschland große Sorgen. Dort sind Weltkonzerne rar. Zugleich lässt der Geburtenknick nach der Wende die Zahl der Arbeitskräfte dort nun besonders rapide schrumpfen.

In Sachsen-Anhalt etwa hat Wirtschaftsminister Reiner Haseloff (CDU) daher zusammen mit Arbeitgebern und Gewerkschaftern eine Initiative zur Stärkung der im Osten traditionell schwachen Flächentarifverträge gestartet. Das Kalkül: Durch eine Bindung an den Flächentarif können Firmen leicht nachvollziehbar zeigen, dass sie auf eine solide Personalentwicklung Wert legen. Damit könnten sie ambitionierten Berufseinsteigern aus der Region zumindest zusätzliche Argumente liefern, nicht allen Lockrufen von Siemens & Co. in die Ferne zu folgen.

Viele Mittelständler unterschätzten indes nach wie vor das Ausmaß der ihnen blühenden Probleme, diagnostiziert Ernst & Young. Vor allem reiche es nicht, "zu klagen und nach der Politik zu rufen" - die Unternehmen müssten selbst gegensteuern, mahnt Englisch. Zwar dürfte dabei auch geschäftliches Interesse mitspielen. Doch seine Ratschläge zielen in dieselbe Richtung wie die Überlegungen aus Sachsen-Anhalt: Mehr innerbetriebliche Weiterbildung, Kooperationen mit Hochschulen, flexible Arbeitszeiten, Einrichtung eines Betriebskindergartens - "es gibt viele Möglichkeiten, wie Unternehmen ihre Attraktivität steigern können", sagt er.

Personalmanager pflichten bei

Die Diagnose passt auch zu Erkenntnissen des Bundesverbands der Personalmanager (BPM): Dieser hat bei einer Umfrage in der eigenen Zunft festgestellt, dass gerade kleinere Firmen noch kaum auf den demografischen Wandel eingestellt seien. Im konkreten Fall ging es um die Rente mit 67 und betriebliche Vorkehrungen, um ältere Fachkräfte künftig länger im Beruf zu halten.

"Die Unternehmen müssen heute gegensteuern, damit sie nicht bald Umsatzeinbußen wegen fehlender qualifizierter Mitarbeiter hinnehmen müssen", warnt BPM-Chef Joachim Sauer. Nach Hochrechnung von Ernst & Young addiert sich die Umsatzeinbuße durch Fachkräftemangel im Mittelstand bereits auf 30 Milliarden Euro jährlich. Das dürfte zumindest ein Symptom sein - auch wenn sich der Betrag bei Gesamtumsätzen von weit über zwei Billionen Euro etwas relativiert.

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