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Importpreis steigt Paradoxon Honig-Markt

Der Preis für die überwiegend importierte Rohware steigt rapide – aber Honig wird immer billiger.

dpa

Die bekanntesten Vermarktungsformen für Honig in Deutschland sind hochbetagt. Seit 1925 gibt es das runde Glas des Deutschen Imkerbundes mit der Aufschrift „Echter Deutscher Honig“. In der Mitte seines wabenförmigen Etiketts hielt sich lange der Reichsadler, bis er durch einen Bienenkorb mit Blumen und Bäumen ersetzt wurde. Fast ebenso lange schon wird Langnese-Honig in Gläser mit sechseckiger Grundform gefüllt. Vom Image her ist Honig Natur pur und dank Imkerglas und Langnese ein urdeutsches Lebensmittel. Annahme eins stimmt: Die Deutsche Honigverordnung legt fest, dass nichts entzogen oder zugesetzt werden darf, kein Konservierungs- oder Aromastoff, nicht einmal Wasser. Geschmack, Aussehen und Konsistenz ergeben sich aus dem Nektar der von den Bienen aufgesuchten Pflanzen. Wie schnell Honig kandiert, hängt ab vom Verhältnis von Traubenzucker zu Fruchtzucker im Nektar. Im Vertrauen auf die lokale Herkunft allerdings liegt der Käufer nur richtig, wenn er ausgewiesen deutschen Honig kauft. Von den rund 115.000 Tonnen Honig, die 2005 hierzulande auf Stullen geschmiert, in Tee aufgelöst und in Gebäck verwendet wurden, kamen aber nur 15 bis 20 Prozent von heimischen Imkern. Der Großteil wird aus Südamerika importiert. Allein Argentinien lieferte im vergangenen Jahr mehr als 37.000 Tonnen. In 300 Kilo schweren Metallfässern erreicht der Honig aus der Pampa die Lager der deutschen Abfüllbetriebe. Der größte davon ist Fürsten-Reform in Braunschweig. Das Unternehmen kaufte 2005 vom Oetker-Konzern die Langnese-Honigsparte samt Abfüllbetrieb im schleswig-holsteinischen Bargteheide und verdrängte mit nun 100 Millionen Euro Jahresumsatz den Münchner Konkurrenten Breitsamer + Ulrich auf Platz zwei. Hart traf die Branche der plötzliche Ausfall des drittgrößten Lieferanten Brasilien. Weil die Lebensmittelkontrolleure dort Fehler machten, stoppte die EU im März den Import. Deshalb und wegen schwacher Ernten in Argentinien und den USA stieg der Preis für die knapp gewordene Rohware seit Anfang des Jahres „um mehr als die Hälfte“, rechnet Breitsamer + Ulrich-Chef Robert Breitsamer vor. Gleichzeitig sind die Unternehmen aber an sechs- bis zwölfmonatige Verträge mit dem Handel gebunden. Und der verramscht das Qualitätsprodukt: „Anfang 2005 nahm Aldi 1,89 Euro pro 500-Gramm-Glas“, weiß Breitsamer, „heute 1,09 Euro.“ Was Aldi vorgibt, bestätigt Fürsten-Reform-Chef Heinrich Schulze, „ist Richtpreis für alle“. Mit dem Ergebnis, dass die Rohware zurzeit mehr kostet als das Endprodukt. Schulze: „Ginge es im Erdölmarkt so zu wie im Honigmarkt, wäre das Rohöl teurer, das Benzin aber billiger geworden.“ Ein halbes Jahr kann es dauern, bis Brasilien wieder Honig liefern darf – und sich die Lage entspannt.

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