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Bundesinstitut für Risikobewertung Warum der Streit um Glyphosat weiter eskaliert

Derzeit entscheidet die EU über eine weitere Zulassung von Glyphosat. Gegner und Befürworter des Unkrautvernichters stehen sich unversöhnlicher denn je gegenüber. Im Zentrum der Debatte: ein deutsches Prüfinstitut.

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Dürfen Bauern auch kommendes Jahr weiter Glyphosat aufs Feld spritzen? Die EU muss entscheiden. Quelle: dpa

Wieder einmal blicken die Bauern gebannt nach Brüssel: Dort wird in diesen Wochen darum gerungen, ob sie das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat weiter auf ihre Felder sprühen dürfen. Im Dezember läuft die Zulassung aus – wird sie nicht verlängert, war es das mit dem Einsatz auf europäischen Äckern.

Hierzulande verwenden Bauern kein Herbizid so intensiv wie Glyphosat: Mehr als 5000 Tonnen jährlich, vor allem auf Getreidefeldern. Entsprechend besorgt ist man beim Bauernverband. „Es gibt keine Eins-zu-Eins-Alternative zu Glyphosat“, sagt die für Pflanzenschutz zuständige Katja Börgermann. „Bei einem Verbot“, warnt sie, „müssten die Ackerbauern komplett neu überlegen, wie sie ihre Felder bestellen.“

Die EU-Kommission will eine Verlängerung um zehn Jahre erreichen. Das Europaparlament hatte voriges Jahr für eine Zulassung um lediglich weitere sieben gestimmt. Und die Suche nach einem Kompromiss ist in dieser Woche gewiss nicht leichter geworden. Da fallen bei einer Parlamentsanhörung in Brüssel Worte wie „Industriepropaganda“. Der niedersächsische Umweltminister Stefan Wenzel bezeichnet Glyphosat als „Teufelszeug“. Entsetzt spricht man beim Bauernverband von einem „Stellvertreterkrieg über moderne Landwirtschaft“. Und mittendrin: das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) mit Sitz in Berlin.

Industriepropaganda? Teufelszeug? Stellvertreterkrieg? Schmeicheleien klingen anders. Die Fachleute des BfR treffen derlei Zuschreibungen an ihrem wohl sensibelsten Punkt: ihrem Selbstverständnis. „Wissenschaft im Dienst des Menschen“, lautet das Leitmotiv des BfR. Seit kurzer Zeit steht der Vorwurf im Raum, dass es eher Wissenschaft im Dienst der Industrie heißen müsste. Was steckt dahinter?

Ist Glyphosat krebserregend?

Glyphosat – 1973 vom US-Konzern Monsanto auf den Markt gebracht – ist nach wie vor hoch umstritten. Hartnäckig hält sich der Verdacht, das Mittel könnte krebserregend sein. Deswegen müssen potentielle Gesundheitsrisiken vor jeder weiteren Zulassung geprüft werden. Das Prozedere ist immer gleich: Die Hersteller selbst sind verpflichtet, entsprechende Dossiers vorzulegen. Ihre Studien müssen international gängige Standards erfüllen.

In Sachen Glyphosat hat die EU-Kommission Deutschland als Berichterstatter beauftragt. Das heißt: Deutsche Behörden sind dafür zuständig, ihren Kollegen in der europäischen Lebensmittelbehörde (Efsa) einen Bericht zukommen zu lassen. Damit ist das Bundesinstitut für Risikobewertung befasst, andere Behörden wie das Umweltbundesamt liefern zu. Tenor des aktuellen BfR-Berichts: Eine Krebsgefahr durch Glyphosat bestehe nicht. Zu diesem Schluss kämen auch alle anderen Bewertungsbehörden weltweit.

Doch Interessenverbände gehen das BfR dafür frontal an. Der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) etwa kritisierte: „Es ist offensichtlich, dass das BfR keine eigenständige Bewertung der zitierten Studien vorgenommen hat.“ Vielmehr hätten die Wissenschaftler seitenweise aus den von der Industrie eingereichten Studien abgeschrieben. Das BfR bestreitet auch gar nicht, Textpassagen übernommen zu haben. Das aber sei „üblich und anerkannt“. In langen Stellungnahmen verteidigt sich das Institut gegen die harsche Kritik. Die Vorwürfe seien „haltlos“.

Umweltverbände gehen aber noch weiter. Das BfR habe die Bewertungen der Hersteller zu anderen Studien gleich mit kopiert. „Brisant ist: Bei der Frage, ob Glyphosat krebserregend ist, verlässt sich das BfR ausschließlich auf Studien, die Hersteller wie Monsanto selbst in die Wege geleitet haben“, sagt Nabu-Vertreter Till-David Schade. Kritiker wie Schade verweisen dagegen auf einen Bericht der Internationalen Krebsforschungsagentur (IARC). Laut dem ist Glyphosat „wahrscheinlich krebserregend“.

Auch hier wehrt sich das Institut vehement: Man habe „keineswegs die Sicht der Antragsteller und deren Interpretation entsprechender Studien unkritisch und ungeprüft übernommen“. Auch die auf dem IARC-Bericht basierenden Studien seien in die Bewertung eingeflossen. „So eine Datenmenge wie bei Glyphosat haben wir bei keinem anderen Pflanzenschutzmittelwirkstoff“, heißt es beim BfR.

Dessen Präsident Andreas Hensel fühlt sich derweil an den Pranger gestellt. Er ging die Kritiker zuletzt offen an: „Wenn es inhaltlich nicht mehr geht und einem die Argumente ausgehen, zerstört man eben die Reputation der Behörden und Fachleute“, sagte er der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“.

Das Institut wurde 2002 unter der damaligen rot-grünen Bundesregierung gegründet und gehört seitdem zum Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft. Pikant: Im aktuellen Fall greifen selbst die Grünen das BfR an. Sie fordern, den Einsatz von Glyphosat zu verbieten. „Es gibt eine reale Chance, dieses Teufelszeug endlich aus der europäischen Landwirtschaft zu verbannen“, sagte Niedersachsens Umweltminister Wenzel gegenüber der „Neuen Osnabrücker Zeitung“.

Umweltschützer gegen Prüfer: Dass es dabei nur vordergründig um eine wissenschaftliche Kontroverse geht, nimmt man nicht nur beim Bauernverband an. An Glyphosat habe sich „eine Art Glaubenskrieg um die Zukunft der Landwirtschaft auch mit ihrem Einsatz von synthetisch erzeugten Pflanzenschutzmitteln entzündet“: Das hatte bereits im vergangenen Jahr Roland Solecki, im BfR Leiter der Abteilung Sicherheit vor Pestiziden, in einem Interview der WirtschaftsWoche gesagt. Nun ist das Institut selbst zwischen die Fronten geraten.

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