Leica: Der Mann, der die moderne Fotografie erfand
Er ist schmächtig, kränklich und liebt das Tüfteln mehr als große Auftritte – und doch verändert Oskar Barnack die Fotografie für immer. Barnack, Jahrgang 1879, arbeitet als Leiter der Versuchswerkstatt bei der Firma Leitz, die auf Mikroskope spezialisiert ist. Seine private Leidenschaft gilt der Fotografie – doch die sperrigen Plattenkameras seiner Zeit sind schwer und unhandlich.
Für jemanden wie Barnack, der sich wegen einer chronischen Bronchitis beim Tragen schnell überanstrengt, ist deren Handhabung kaum zu bewältigen. Also baut er sich 1913 ein eigenes Modell: Barnacks Apparat, den er zunächst „Liliput“ nennt, ist robust, passt in eine Jacketttasche – und bannt Bilder auf Kinofilm. Viele halten das zunächst für eine absurde Idee. Doch die Bildqualität des vergrößerten Negativs überzeugt.
Dann aber setzt der Erste Weltkrieg Barnacks Entwicklung ein abruptes Ende. Die Prototypen wandern in die Schublade. Leitz, der renommierte Optikhersteller, muss sich auf die Kriegsproduktion fokussieren.
Die Leica-Story
1924, nach langen innerbetrieblichen Diskussionen, trifft Firmenchef Ernst Leitz II. eine mutige Entscheidung: Er gibt die Serienproduktion von Barnacks Kamera frei. Gegen die Bedenken vieler, die das Projekt noch immer für ein teures Hobby halten. 1925 wird die Leica (der Name setzt sich aus Leitz und Camera zusammen) auf der Leipziger Frühjahrsmesse vorgestellt – und löst eine Sensation aus.
Die Leica ist mehr als eine neuartige Kamera. Sie verändert, wie Menschen die Welt sehen. Durch ihre kompakten Maße ermöglicht sie spontane, ungestellte Aufnahmen – ideal für Reportagen, Straßenszenen, Alltag. Henri Cartier-Bresson, später einer der berühmtesten Fotografen der Welt, spricht vom „entscheidenden Moment“ – jenem Bruchteil einer Sekunde, in dem sich eine Szene verdichtet. Die Leica ermöglicht es erstmals, diesen festzuhalten.
Für Leitz wird das Wagnis zum Glücksfall. Die Leica ist bald Exportschlager und Imagebringer. Sie hilft, das Unternehmen durch die Weltwirtschaftskrise zu tragen – und verschafft Wetzlar internationalen Ruhm als „Welthauptstadt der Optik“.
Oskar Barnack stirbt 1936, lange bevor sein Beitrag zur Fotografie voll gewürdigt wird. Der Wandel, den er mit einem Eigenbau auslöste, lässt sich in Zahlen nicht fassen. Die einstige Notlösung des lungenkranken Tüftlers macht Leitz zur Marke von Weltrang. Das Kleinbildformat setzt sich durch und wird Standard für Generationen von Fotografen – auch bei Wettbewerbern wie Nikon oder Canon. Abgelöst wird die Kleinbildkamera erst viele Jahrzehnte später von der nächsten Revolution im Fotografie-Segment: dem Smartphone.
Und Leica? Das Unternehmen schrammte vor einem Vierteljahrhundert an der Insolvenz vorbei. Eine konsequente Neuausrichtung auf Digitalfotografie im Luxussegment, unter anderem durch Kooperationen mit Smartphone-Bauern, konnte das verhindern. Jüngst wurde, mal wieder, das umsatzstärkste Jahr der Firmengeschichte verkündet. Passend zum 100. Jubiläum der ersten Leica.
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