Strukturwandel Licht und Schatten im Ruhrgebiet

Kohle, Stahl, Wirtschaftswunder: Viele Jahre war der Pott das industrielle Herz Deutschlands. Als die Nachfrage nach Kohle und Stahl zurückging, wurde das Ruhrgebiet zur Krisenregion – und braucht Hilfe für den Wandel.

Nach dem Niedergang für Kohle und Stahl braucht das Ruhrgebiet bis heute dringend Hilfe für den Wandel. Quelle: dpa

Als vor 70 Jahren in London die Gründung Nordrhein-Westfalens verkündet wurde, hatten die meisten Bürger des neuen Bundeslandes einen leeren Magen. Und mit Beginn des berüchtigten Kältewinters 1946/47 fingen sie erbärmlich an zu frieren.

Doch im Ruhrgebiet sorgte die bundesweit gewaltige Nachfrage nach Kohle für einen rasanten Wiederaufbau. Das Revier als Energie- und Stahllieferant avancierte zum Motor des deutschen Wirtschaftswunders – eine Erfolgsgeschichte. Zugleich konzentrierte sich die Region aber wie schon vor dem Krieg und gegen warnende Stimmen allzu einseitig auf den Ausbau der Schwerindustrie.

Als Ende der 1950er Jahre der Siegeszug des Erdöls begann und günstigere Kohle zunehmend aus dem Ausland importiert wurde, fand die Region lange kaum Antworten. Schnell gingen Zehntausende Stellen verloren. Bergbauunternehmen weigerten sich sogar, frei werdende Flächen an branchenfremde Firmen abzugeben.


Eine Universität bekam die bevölkerungsstärkste Region Deutschlands erst 1965 mit dem Bau der Ruhr-Universität Bochum. Die Weichen für die Zukunft stellten NRW und die Region 1968 – mehr als zehn Jahre nach Beginn der Krise – mit ihrem „Entwicklungsprogramm Ruhr“. Da hatte das Revier schon viel Zeit verloren.

Startprobleme beim technologischen Wandel, zu viel Kirchturmdenken und Selbstbefassung und eine gewisse Versorgungsmentalität und Konzentration auf die großen industriellen Arbeitgeber – das werfen Kritiker wie der Wirtschaftsforscher Michael Bahrke vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW) der Region bis heute vor. Das Ruhrgebiet verpasse bisher die große Chance, die inzwischen zahlreichen Hochschulen der Region, Forschungseinrichtungen und die vielen jungen Leute in der 5,3 Millionen-Einwohner-Region miteinander zu vernetzen, sagt er.



Wer heute von einer der alten Bergehalden über das einstige Revier schaut, sieht kaum noch rauchende Schornsteine, stattdessen sehr viel Grün. Die Natur hat sich erholt, schwarze Wäsche auf der Leine gibt es schon lange nicht mehr und nach 30 Jahren wird sogar wieder über die Freigabe des Essener Baldeneysees für Schwimmer nachgedacht. Zugleich ist die einst reiche Region, deren Glanz man noch an prächtigen Rathäusern etwa in Duisburg sieht, so verarmt, dass sogar Kritiker wie Bahrke mehr staatliche Förderung befürworten.


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