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Versicherungen Allianz hadert wegen Finanzkrise mit eigenen Wachstumszielen

Die Dresdner Bank wird für den Versicherungsriesen Allianz zunehmend zum Klotz am Bein. Heute stellte die Allianz ihre Wachstumsziele in Frage und kündigte weitere Abschreibungen bei ihrer kriselnden Tochter Dresdner Bank an. Damit steigt auch der Druck auf die Allianz, sich schnellstens der Dresdner Bank zu entledigen.

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Allianz-Chef Michael Diekmann Quelle: rtr

Wachstum in Asien? Klar, wie immer. Preisabrieb in der Autoversicherung? Es gibt nichts Neues. Auch zu dem Thema, das die Öffentlichkeit am stärksten interessiert – das Schicksal der angeschlagenen Dresdner Bank –, schweigt sich Allianz-Chef Michael Diekmann an diesem Tag beredt aus. Kein Bekenntnis zur Banktochter des Allfinanzkonzerns ist ihm abzuringen. Er wolle „keine Diskussionen führen, die Kunden und Mitarbeiter verunsichern“, windet sich der 53-Jährige. Jahrelang hatte Diekmann darüber gesprochen, welch „integraler Bestandteil“ des Konzerns die Dresdner Bank sei. Nichts dergleichen kommt ihm an diesem Morgen des 21. Februar über die Lippen, während er die Bilanzzahlen des Münchner Versicherungsriesen für das abgelaufene Geschäftsjahr präsentiert.

Kaum drei Wochen später wird jedoch klar, warum Diekmann sich um das gewohnte Bekenntnis herumdrückte. Am vergangenen Freitag beschloss der Aufsichtsrat der Dresdner Bank deren Aufspaltung. Unter dem Dach einer Holding sollen die Investmentbank Dresdner Kleinwort und das Kundengeschäft künftig als zwei selbstständige Institute agieren. Damit will sich die Bank darauf vorbereiten, bei „der anstehenden Konsolidierung eine aktive Rolle zu spielen“, so die Verlautbarung. Im Klartext: Teile oder gar die ganze Dresdner Bank können nun verkauft werden.

Bislang standen die Allianz-Manager treu zu ihrer 24-Milliarden-Euro-Akquisition aus dem Jahr 2001. Doch nun zwingt die globale Finanzkrise den Allianz-Chef zum Handeln. Der Crash hat auch die Dresdner Bank hart getroffen, sie ist spätestens damit zu einer echten Belastung für den Mutterkonzern geworden. Wenn Diekmann jetzt nicht handelt, muss er damit rechnen, dass der ganze Konzern zum Ziel aggressiver Hedgefonds wird – die eine Aufspaltung der Allianz nach ihren Vorstellungen forcieren könnten.

Denn vor allem die Unsicherheit über die Risiken, die in der Bankbilanz und der außerbilanziellen Zweckgesellschaft K2 lagern, hat den Aktienkurs des Versicherungsriesen auf Talfahrt geschickt. Seit Juli 2007 stürzte die Aktie von fast 180 Euro auf 105 Euro. Im Vergleich zu anderen Finanzwerten ist das zwar noch nicht dramatisch. Doch ohne die Dresdner könnte die Allianz blendend dastehen. In ihren Büchern sind bislang kaum faule Kredite aufgetaucht. Die Allianz sehe sich bei all den Verwerfungen der vergangenen Monate „ganz entspannt in der Rolle des Beobachters“, sagt ein Allianz-Manager. „Wir sind die Gewinner der Finanzkrise. Wir schauen uns die Entwicklung an und werden uns an der Konsolidierung der Branche beteiligen, wenn wir Chancen sehen.“

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    Investoren würden das allerdings nur dann honorieren, wenn sich die Allianz von ihrem Klotz am Bein befreit. „Die Aktie ist absolut unterbewertet. Ich denke, sie würde sich bei 130 Euro einpendeln, sollte sich die Allianz vom Investmentbereich der Dresdner trennen“, sagt Versicherungs-Analyst Uwe Otten von der Schweizer Privatbank Vontobel. Stephan Kalb von Sal. Oppenheim macht eine ähnliche Rechnung auf: Die Investmentsparte der Dresdner sei zwar bis zu 1,7 Milliarden Euro wert, sagt Kalb, doch von einem Verkauf würde der gesamte Konzern profitieren: „Ohne die Investmentsparte ist die Allianz fünf Milliarden Euro mehr wert.“

    Die Finanzkrise, die mit der Notübernahme der US-Investmentbank Bear Stearns durch JP Morgan einen neuen Höhepunkt erreicht hat, wird zum Katalysator einer Neuordnung der gesamten Finanzbranche. Experten rechnen damit, dass noch weitere Banken so hart getroffen werden, dass sie allein nicht mehr überleben können und unter das Dach eines weniger belasteten Konkurrenten schlüpfen müssen.

    Zu den Verlierern gehört die Dresdner Bank. 2007 verdiente sie 410 Millionen Euro – nicht einmal die Hälfte vom Überschuss des Vorjahrs. Wegen ihres Engagements bei inzwischen kaum noch verkäuflichen Kreditpaketen schrieb die Bank 1,3 Milliarden Euro ab, allein im Januar kamen weitere Belastungen von bis zu 400 Millionen Euro hinzu. Bezogen auf die Größe, ist die Dresdner damit härter getroffen als Deutsche oder Commerzbank, auch wenn Vorstandschef Herbert Walter für sich in Anspruch nimmt, die Problempakete besonders konservativ bewertet zu haben. Das ist umso dramatischer als Dresdner Kleinwort auch im Rekordjahr 2006, in dem Konkurrenten Milliardengewinne machten, nur ein bescheidenes Vor-Steuer-Ergebnis von 422 Millionen Euro erzielte.

    Gerade das Investmentbanking ist auch nach sieben Jahren nicht beim neuen Eigentümer angekommen. „Die Allianz hat nie eine wirklich klare Strategie für die Dresdner Kleinwort gehabt“, sagt ein ehemaliger Manager der Investmentbank. Und das, obwohl mit Paul Achleitner, dem Ex-Deutschland-Chef von Goldman Sachs, ein ausgewiesener Kenner der Materie im Vorstand des Versicherungsriesen sitzt. Die Personalfluktuation ist deshalb selbst für Investmentbanker-Verhältnisse hoch, in den vergangenen Monaten verabschiedeten sich etliche hochrangige Manager.

    Seit Jahren versucht die Dresdner Bank ihre Probleme vor allem durch einen eisernen Sparkurs in den Griff zu bekommen, der 2007 zum Abbau von weltweit mehr als 1000 Stellen führte. Dennoch ist die Dresdner kein effizientes Institut. Das Verhältnis von Kosten zum Ertrag lag im vergangenen Geschäftsjahr bei fast 90 Prozent, 2006 bei etwa 80. Der größte Konkurrent, die Deutsche Bank, liegt hier bei 70 Prozent. „Alle Systeme der Dresdner Bank sind auf ein Geschäft ausgelegt, das doppelt so groß ist wie derzeit“, sagt ein Insider.

    Zudem fehlt der Dresdner Bank im Geschäft mit Privatkunden ein klares Profil. Traditionell zielt sie auf eine solvente Klientel, doch gerade hier ist die Konkurrenz hart. Anders als die Deutsche Bank hat sie ein kostenloses Girokonto eingeführt, das sie aber im Unterschied zur Commerzbank nicht aggressiv bewirbt, weil das wiederum „nicht zum Konzept der Beraterbank passen würde“, wie Walter meint. Der Zickzackkurs führt dazu, dass die Dresdner nun „zwischen allen Stühlen sitzt“, wie ein Insider sagt. Mit einem operativen Gewinn von 884 Millionen Euro steht das Privat-und Firmenkundengeschäft zwar stabil da, die Erträge sind hier 2007 jedoch nur minimal um eine Million Euro gestiegen.

    Ein internes Projektteam will bis Ende des Jahres die Trennung der beiden bisher verwobenen Bereiche vorantreiben. Klar ist bisher nur die Struktur mit zwei selbstständigen Banken unter einer Holding. Unklar ist, welche Rolle diese spielen soll. „Für die brauchen sie eigentlich nur noch einen Vorstandsvorsitzenden, einen Risikovorstand und einen Finanzchef“, sagt ein Dresdner-Bank-Manager. Ob dieses Konstrukt dann aktiv ins Management der beiden Banken eingreift oder eher eine „Briefkastenfirma“ darstellt, ist so offen wie die weitere Zukunft der beiden Bereiche. Ein Verkauf der Investmentbank zu einem einigermaßen akzeptablen Preis ist wohl zumindest derzeit kaum möglich, auch ein Börsengang scheint ausgeschlossen.

    Da gleichzeitig nicht mit einem schnellen Ende der Finanzkrise zu rechnen ist, dürfte die Aktie der Dresdner-Mutter Allianz weiter unter Druck geraten. Sollte der Kurs noch weiter fallen, wird sie selbst fast zwangsläufig ein immer attraktiveres Ziel für aggressive Hedgefonds. Den Heuschrecken würden bereits einige wenige Prozent des europäischen Marktführers genügen, um dann lautstark auf eine schnelle Abspaltung von Dresdner Kleinwort zu drängen.

    Wie lästig Hedgefonds werden können, zeigen die Fälle Münchener Rück und Generali. Bei dem weltweit zweitgrößten Rückversicherer aus München kaufte sich Ende vergangenen Jahres der schwedische Finanzinvestor Cevian mit knapp drei Prozent ein. Kurz darauf teilte der Fonds mit, er „arbeite an einer Verdoppelung des Münchener-Rück-Kurses in den kommenden vier Jahren“. Es wird vermutet, dass Cevian den Münchener-Rück-Chef Nikolaus v. Bomhard zu Kostensenkungen und möglicherweise auch zu einer Aufspaltung des Unternehmens in Erst- und Rückversicherungsgeschäft bewegen will. Die Ankündigung sorgte für Aufsehen – weil sich andere Investoren den Forderungen anschließen könnten und es zuvor bei der Deutschen Börse zwei Investoren gelungen war, den Kauf der Londoner Börse zu verhindern.

    Ähnlich hohe Wellen schlug der Einstieg des britischen Investors Algebris bei Generali im Herbst 2007 – obwohl der aggressive Hedgefonds gerade einmal 0,3 Prozent an der drittgrößten Versicherungsgruppe Europas hält. Die Briten warfen dem 83-jährigen Generali-Chef Antoine Bernheim vor, er sei zu alt, verdiene zu viel, und die Kursentwicklung sei miserabel. Hinter dem Fonds steckt angeblich der Investor Chris Hohn.

    „Bei dem niedrigen Aktienkurs der Allianz ist es nicht unwahrscheinlich, dass aggressive Hedgefonds auch hier einen Einstieg prüfen. Sie könnten dann versuchen, Diekmann zu bestimmten Entscheidungen zu bewegen“, sagt Versicherungsanalyst Otten. „Gemildert wird die Gefahr allerdings durch die Finanzkrise, die ja auch die Hedge-fonds schwächt. Viele Fonds können nicht mehr so investieren, wie sie sich das wünschen würden.“ Ironie des Schicksals: Die Finanzkrise, die die Allianz einerseits zum Heuschrecken-Ziel macht, kann sie andererseits vor ungeliebten Investoren schützen.

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