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Windkraft Siemens-Turbinen vom Fließband

Ein Werksbesuch bei Siemens in Dänemark zeigt: Die gesamte Windkraftbranche muss massiv in neue Produktionstechnik investieren. Nicht alle Anbieter werden diese Phase überstehen.

Ein 87 Tonnen schweres Maschinenhaus einer Windkraftanlage von Siemens Quelle: handelsblatt.com

Wer in die Zukunft der Windenergie blicken will, der muss schwindelfrei sein. Sicherheitsinspekteure legen Besuchern der Windkraftanlage im dänischen Brande Klettergeschirr an, dann geht es im engen Aufzug mit Elektromotor nach oben. Die Spitze in gut 100 Meter Höhe müssen sie aber über eine lange, senkrechte Eisenleiter erklimmen. Oben in der Gondel haben die Besucher überraschend viel Bewegungsfreiheit. Denn es handelt sich um eine der neuesten Drei-Megawatt-Anlagen von Siemens, die auf platzraubende Getriebe verzichten.

Der Blick durch eine Luke zeigt grüne Wiesen und wenige Kilometer entfernt das Herz der Siemens-Windsparte: die Hauptzentrale und das Werk in Brande, ein Ort mitten auf dem dänischen Festland, rund 90 Kilometer von Nord- und Ostsee entfernt. Es sind Betriebsferien. Die Zeit wird genutzt, um die Fertigungslinien umzubauen oder neu zu errichten. "Wir müssen die Produktion schlanker und effizienter machen", sagt Siemens-Wind-Vorstand Henrik Stiesdal im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Handarbeit reicht nicht mehr

Andere Hersteller starten derzeit ähnliche Investitionen. Denn die Industrie befindet sich an einem kritischen Punkt: Lange wurden Windkraftanlagen zu einem guten Teil in Handarbeit gefertigt. Doch die Nachfrage ist immens, gleichzeitig drängen neue Herausforderer vor allem aus China auf den Markt und drücken die Preise. Kurzum: Die Windkraft-Branche braucht eine Industrialisierung, wie sie die Autoindustrie vor Jahrzehnten hinter sich gebracht hat. Schon jetzt ist absehbar: Diese Phase werden nicht alle Anbieter überstehen.

Siemens will zu den Siegern gehören. Vor sieben Jahren erst stiegen die Münchener mit der Übernahme der dänischen Firma Bonus richtig in das Geschäft ein. Im Offshore-Markt für Windanlagen auf hoher See ist Siemens bereits Weltmarktführer - der Marktanteil lag zuletzt über 50 Prozent. Onshore, also bei den Anlagen an Land, liegen zum Beispiel die dänische Vestas und die chinesische Sinovel vorn. Doch schon im nächsten Jahr will Siemens insgesamt die Nummer drei sein - ein ehrgeiziges Ziel angesichts der Konkurrenz aus China.

Die war noch nicht absehbar als Windkraft-Pionier Stiesdal einst als Abiturient auf dem Hof seiner Eltern eine der ersten Windkraftturbinen überhaupt baute. Heute sind die Zeiten der Bastelei in der heimischen Garage vorbei. Stiesdal kam mit der Bonus-Übernahme zu Siemens, er ist Topmanager in einem Segment, dass im vorigen Jahr knapp drei Milliarden Euro Umsatz machte. Das Geschäft boomt: Zuletzt orderte ein schwedischer Versorger gleich 253 Siemens-Turbinen mit einer Gesamtleistung von über 580 Megawatt.

Zwar gab es für die Branche in jüngster Zeit auch Rückschläge. So musste General Electric im ersten Halbjahr einen Absatzeinbruch bei Windrädern hinnehmen, weil die Perspektiven des US-Markts derzeit schwer einschätzbar sind. Doch auf längere Sicht wird der Markt weiter wachsen

Kleinere Hersteller unter Druck

Für die Produktion ist das eine enorme Herausforderung. Die Herstellungskosten müssen gedrückt, die Qualität aber erhalten oder verbessert werden. Das bringt vor allem kleinere Hersteller wie zum Beispiel Nordex unter Druck. Das Unternehmen investierte kräftig in die Modernisierung seines Hauptwerks in Rostock. Mehr Fließfertigung und standardisierte Abläufe sollen eine Verdreifachung der Kapazität ermöglichen. So will Nordex die für den schärferen Wettbewerb notwendige Größe erreichen. Gleichzeitig versucht die Firma, im Offshore-Markt Anschluss zu finden.

Doch Branchenriesen wie Siemens und Vestas haben andere finanzielle Möglichkeiten - und sie investieren kräftig. Lange standen bei Siemens in Brande die tonnenschweren Turbinen an einem festen Platz, die Fertigungsteams werkelten um sie herum. Nun werden die Turbinen durch die Halle von einer Station zur nächsten gezogen. Auf einer elektronischen Tafel läuft neuerdings eine Takt-Uhr rückwärts. Wenn es an einer Station zu lange dauert, werden die verlorenen Sekunden und Minuten als "Lost Time", also als "verlorene Zeit" mahnend angezeigt.

Beim Umbau nutzen die Dänen auch das Siemens Produktions System (SPS). Die Fertigungsexperten der Konzernmutter geben ihre Rationalisierungsexpertise weiter, diese wird dann mit den Vorschlägen der Mitarbeiter vor Ort auf die Bedürfnisse angepasst.

Die Maßnahmen zeigen Wirkung: Früher dauerte die Produktion einer konventionellen 2,3-Megawatt-Turbine 36 Stunden. Inzwischen sind sie in Brande bei der Hälfte angelangt. Blickt man noch weiter zurück, sind die Fortschritte noch größer: Vor knapp 20 Jahren waren für die Produktion einer 450-Kilowatt-Turbine 850 Mannstunden Arbeit notwendig. Heute sind es noch 250 für eine 2,3-Megawatt-Turbine. Die größten Sprünge sind jetzt vor allem noch bei der Fertigung der riesigen Rotorblätter möglich.

Die Industrialisierung der Fertigung ist die eine Herausforderung für die Windkraftbranche. Der Druck, immer größere Anlagen zu konstruieren, die andere.

Rotoren so lang wie ein Fußballfeld

In einer Halle in Brande präsentiert Siemens-Ingenieur Rasmus Lund stolz den zweiten Prototyp einer getriebelosen Sechs-Megawatt-Turbine. Der Direktantrieb spart Platz und Gewicht. Die Turbine ist noch einmal eine Nummer größer als die 3-Megawatt-Anlage, die seit anderthalb Jahren in der Nähre des Ortes in Betrieb ist.

Nur die Prototypen werden am Firmenstandort gefertigt. Die Turbinen sind für normale Transporte zu groß. In Serie werden sie ab 2014 am Hafen produziert, von wo aus sie direkt zu den Offshore-Standorten gebracht werden können. "Daher gibt es in Sachen Größe keine Limitierung mehr", sagt Lund. Eine immer weitere Steigerung ist wichtig. Auf hoher See sind die Installationskosten so hoch, dass die Betreiber möglichst viel Energie aus jeder Anlage herausholen müssen.

Mit der Sechs-Megawatt-Anlage, die 7.000 Haushalte mit Strom versorgen kann, will Siemens seinen Vorsprung im Offshore-Markt halten. "Wir wollen möglichst Tausende davon verkaufen", sagt Wind-Vorstand Stiesdal. Die Rotoren haben einen Durchmesser von 120 Metern - und sind damit so lang wie ein Fußballfeld.

Europäische Hersteller werden nur eine Chance haben, wenn sie bei Innovationen führend sind. Siemens entwickelt schon die nächste Turbinen-Generation. Nach 2015, sagt Stiesdal, komme sie. "Eine Größenordnung von zehn Megawatt mit einem Rotordurchmesser von 200 Metern ist denkbar.

Die Windindustrie wächst weiter - in schwindelerregende Höhen.

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